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29.09.2008
 

Achilles-Spezial

Wie Achim beinahe den Weltrekord geholt hätte

Wenige Minuten fehlten: Achim Achilles wollte Wunderläufer Gebrselassie beim Berlin-Marathon mit Rad, Roller und U-Bahn schlagen. Doch der Versuch scheiterte. Der Äthiopier lief in einem perfekten Rennen in neuer Weltrekordzeit ins Ziel, Achim hechelte nur hinterher.

Vorweg erst einmal ein herzliches Dankeschön an Renndirektor Mark Milde und die vielen unermüdlichen Marathon-Helfer, die bei diesem ungewöhnlichen Rennen ein Auge zugedrückt haben. Dieser Wettlauf war ein einmaliger Versuch, der weder zum Betrug noch zum Nachmachen einladen soll - auch wenn so ein City-Fünfkampf durchaus seinen eigenen Reiz hat. Es war eben ein Experiment, mit einem eindeutigen Ergebnis.

Berliner Marathon-Massen: Keiner konnte Haile bezwingen
REUTERS

Berliner Marathon-Massen: Keiner konnte Haile bezwingen

Die Idee entstand wie fast alle guten Ideen beim Bier. "Läufst Du den Berlin-Marathon dieses Jahr?", fragte mein Laufpartner Klaus Heinrich, als wir wieder einmal verschärftes Carbo-Loading mit Hefeweizen betrieben. Ich schüttelte den Kopf. Im August wurde meine kleine Familie von Windpocken befallen, die ich als Kind leider nicht durchgemacht hatte. An eine vernünftige Vorbereitung war nicht zu denken gewesen. Zudem hatte ich nächtelang an meiner Website gebastelt. "Mein Sommer-Training bestand aus Radfahren und U-Bahn-Treppen", erklärte ich wahrheitsgemäß. Klaus Heinrich grinste. "Nicht mal mit der Bahn bist Du schneller als Haile", behauptete er. "Paah", sagte ich, "mit öffentlichen Verkehrsmitteln stelle ich sogar den Weltrekord ein." Klaus Heinrich reichte mir die Hand. Top, die Wette galt.

Wir formulierten Regeln, um ein Minimum an Fairness zu gewährleisten. Alle fünf Kilometer wurde die Zwischenzeit gemessen, zusätzlich noch auf der Hälfte bei Kilometer 21. Ehrensache, dass alle diese Zeitmessmatten überquert werden mussten. Der ganze Marathon ließ sich in zehn Etappen unterteilen: Start bis 5 Kilometer, 5 bis 10 Kilometer, 10 bis 15 Kilometer, 15 bis 20 Kilometer undsoweiter, schließlich Abschnitt 40 bis ins Ziel.

Weil es witzlos ist, sich beispielsweise mit einem Motorrad die gesamte Strecke entlang kutschieren zu lassen, legten wir folgende Regeln fest: Mindestens fünf Teilstücke mussten mit eigener Kraft zurückgelegt werden, also laufend oder auf dem Rad. Für die restlichen fünf Etappen mussten drei verschiedene Verkehrsmittel zum Einsatz kommen. Zweimal fünf Etappen mit fünf verschiedenen Fortbewegungsarten: Wir hatten einen neuen Sport geboren - den City-Fünfkampf. Wer würde schneller sein: Ein mittelmäßiger City-Pentathlet im Bund mit dem geballten Berliner Verkehrswesen oder die zweibeinige Rakete aus Äthiopien?

Das Rennen begann mit nackter Panik. Die Läufer in der ersten Reihe sind allesamt sehr dünn, sehr sehnig und sehr furchteinflößend. Aus einem Achilles kann man locker zwei Äthiopier machen, was auch von der Zeit her hinkäme. Die größte Angst des Vier-Stunden-Läufers vorn bei den Profis: Gleich auf den ersten Metern überrannt zu werden. Vorsichtshalber schob ich mich Richtung Zaun. Zwei Minuten vor dem Start kam Haile herangetrabt. Ein Ring aus Hasen bewacht ihn, so wie die Wasserträger bei der Tour de France ihren Kapitän. Haile lacht, wie immer. Schön, wenn man das "Runners High" sein Leben lang verspürt. Startschuss, Hufgetrappel, mörderisches Tempo.

Meine schnellsten 400-Meter-Runden sind immer noch langsamer als die Geschwindigkeit, die die Giganten über 42 Kilometer halten. Nach 500 Metern brennt alles. Ab übers Gitter. Das Rad wartet im Gebüsch. Querfeldein durch den Tiergarten zur Fünf-Kilometer-Marke. Ankunft nur wenige Sekunden vor Haile. Er scheint beim Laufen zu lachen. Ich husche über die Matte, hechte aufs Rad, kurve durch Berlin-Mitte Richtung Torstraße. Freundliche aber beharrliche Polizisten erzwingen einen Slalom. Ankunft bei Kilometer zehn praktisch zeitgleich mit Haile. Knapp unter 30 Minuten. Wir sind auf Weltrekordkurs.

Ab über die Matte, zurück aufs Rad, einen knappen Kilometer Richtung U-Bahn. Rad auf die Schulter, ab in den Untergrund. Von der Haltestelle Weinmeisterstraße fährt die Linie 8 direkt zum Streckenkilometer 15 am Kottbusser Tor. Vier endlose Minuten Warten. Bange Blicke auf die Uhr. Haile dürfte zwei Minuten Vorsprung haben, als ich mit dem Rad die Treppe am Kottbusser Tor bezwinge. Ich fühle mich wie Mike Kluge auf dem Mountainbike.

Die Beine brennen, Hailes Vorsprung wächst

In Kreuzberg ist die Stimmung eher mau, die Bewohner sind halt gerade erst ins Bett gegangen. Einsam liegt die Matte bei Kilometer 15. Leichte Übung. Dann weiter zum Wassertorplatz, wohin ein Lastentaxi bestellt war. Auf Berlins Taxigewerbe ist Verlass, denn es kommt fast nie, was bestellt wurde. Natürlich wartete kein Transporter, sondern ein schlankes Coupé. Vorderrad raus. Rad passt nicht in den Kofferraum. Hinterrad auch raus. Immer noch nicht.

Räder wieder rein, dem Taxifahrer alles Gute gewünscht, per Pedale zur Yorck-Brücke. Die Beine brennen, Hailes Vorsprung wächst. Abspringen kurz vor der 20-Kilometer-Marke, das Rad wird von einem lieben Menschen parallel zur Strecke gefahren. Endlich mal wieder richtig laufen, einen ganzen Kilometer bis zur Halbmarathon-Marke. Vor mir ein paar Afrikaner. Sie werden sekündlich kleiner. Ich sollte an meiner Endgeschwindigkeit arbeiten. Mit letzter Kraft die Halbmarathon-Matte erreicht. Anfeuerungsrufe. Wenigstens die Zuschauer glauben an mich. Ich muss sie enttäuschen. "Muss mal pullern", hechele ich und wuchte mich übers Geländer. "Da vorn im Hauseingang", rät ein Anwohner. Tolle Gegend hier. Ich springe aufs Rad.

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