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18.11.2008
 

Achilles' Verse

Wurst mit Beinen

Nachbar Roland bringt Achim Achilles zur Verzweiflung. Er sieht nicht besonders sportlich aus und misst in seinem Fitness-Wahn die Körperfrequenzen, wo er geht und steht. Manchmal sogar, wenn er läuft. Verdammt hart, wenn man schon Puls 108 beim Staubsaugen hat.

Eigentlich will ich jetzt laufen. Aber eigentlich ist es schon fast dunkel. Man sollte eigentlich nicht laufen, wenn eine Erkältung im Anflug ist. "Eigentlich" ist das wichtigste Wort des Ausdauersportlers. Es bedeutet: Ich könnte, wenn ich wollte. Es geht nur gerade nicht.

Männliches Wesen: Eigentlich in Topform
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Männliches Wesen: Eigentlich in Topform

Eigentlich müsste ich nur in diese Schuhe schlüpfen, die vorwurfsvoll neben einer Halde gewaschener Laufsachen parken. Laufschuhe sind die wahren Helden. Alle paar Sekunden knallen knapp hundert Kilogramm auf die Polstersohlen, auf zehn Kilometer sind das brutale 5000 Tritte. In jedem Schuh steckt ein Schicksal. Eigentlich hätte ich dieses Jahr eine neue Bestzeit geholt. Es kam nur immer was dazwischen. Diese Sekundenfixierung ist eigentlich auch nicht gesund. Man verliert die Freude am Laufen. Eigentlich habe ich ohnehin nur selten Freude am Laufen. Meistens ist es anstrengend. Oder zu warm. Oft fühle ich mich auch einfach nicht. Was wohl Motivationsexperten dazu sagen?

Ich werde zu Roland nach oben gehen. Unser physisch umfassend benachteiligter Nachbar läuft jetzt auch. Ziemlich langsam allerdings. Dafür nicht so lang. Eigentlich kein Gegner. Außerdem ein widerlicher Drückeberger. Immer hat er irgendwelche ganz schlechten Ausreden parat. Eigentlich ein perfekter Laufpartner. Dass er zu Hause ist, kann man hören: Seit einer halben Stunde bollert er über uns herum. Wahrscheinlich der Staubsauger. Roland ist die geborene Hausfrau. Mona leider nicht. Diese aufgeweichten Geschlechterrollen werden eines Tages noch dazu führen, dass Pragmatiker wie ich, obgleich heterosexuell verspießt, einen Mann heiraten. Alle zentralen hauswirtschaftlichen Fähigkeiten (Kochen, Bügeln, Gardinen abnehmen) werden inzwischen von Männern erledigt und zwar besser.

Ach ja, eigentlich wollte ich ja laufen gehen. Fast vergessen. Ich werde jetzt zu Roland gehen, ohne eine Flasche Wein unterm Arm. Roland ist mein Trainingsschicksal-Orakel: Wenn er mitkommt, dann laufen wir tatsächlich.

Schwer atmend öffnet Roland die Tür. Er sieht aus wie eine Rügenwalder Wurst. Obwohl er bisher höchstens achtmal in seinem Leben gelaufen ist, hat er sofort die teuersten Laufklamotten gekauft. Leider helfen bei Roland nicht mal diese eng anliegenden Superman-Hemdchen mit Problemzonenkaschier-Einsätzen. Einst gab es Playtex-Zaubermieder für die Damen, jetzt gibt es Laufstützhemden für den lappigen Herrn. Roland keucht.

Wo sich normalerweise die ein oder andere Rippe abzeichnet, ist Roland überwiegend weich. Austernpilz auf zwei Beinen. Der drei Zentimeter breite Einschnitt durch das welke Fleisch weist auf einen Brustgurt hin. Roland guckt unentwegt auf seine Pulsuhr. "Komm rein, ich muss weitermachen." Er verschwindet im Wohnzimmer. "Ich wollte eigentlich mit dir laufen gehen", sage ich betont leise. Roland hört zum Glück schwer. Dafür keucht er im Wohnzimmer schon wieder. Womöglich ist er nicht allein. Ich nähere mich vorsichtig.

Nicht zu fassen. Roland steht auf einer Treppensteigmaschine. Ringsherum auf dem Boden hat er Handtücher ausgelegt. "Puls 141" meldet er mit letzter Luft. Na und, denke ich. "Morgens beim Aufstehen 66", krächzt Roland. Wenn er eines Morgens drei Schläge mehr hat, dreht er bestimmt völlig durch und steuert sofort mit einem Echynacin-Eisen-Gemisch gegen. Pulsuhrenneulinge sind die Pest. Sie rennen den ganzen Tag mit dem Messgurt herum und prüfen den Herzschlag bei allen – allen – Verrichtungen des Alltags. "Staubsaugen?", frage ich. "108", sagt Roland. Ich war versucht, nach pikanteren Lebenslagen zu fragen. Traditionell trug man Lederhalfter im Schlafzimmer, heute dagegen einen Brustgurt.

"Eigentlich wollte ich mit dir laufen gehen", sage ich beherzt. "Aber ich laufe doch schon", entgegnet Roland. Es ist zum Verzweifeln mit dem Kerl. Jetzt weiß ich, warum das Fernsehen voll ist mit albernen Verkaufssendungen. Roland ist schuld. Er bestellt den ganzen Krempel. Ich nehme wieder Abstand vom Gedanken einer Männerehe.

"Dann gehe ich eben alleine", sage ich, gehe zur Tür und freue mich aufs Sofa. "Na gut, ich komme mit", sagt Roland. Verdammt. Auf den Kerl ist einfach kein Verlass. Jetzt muss ich wirklich noch laufen, obwohl es jetzt eigentlich aber wirklich schon fast dunkel ist. "Super", flunkere ich.

Dann trotteten wir eine gute halbe Stunde durch die novembergrauen Straßen. Die feuchte Luft schmeckte herrlich. Eigentlich ist Laufen ja doch eine feine Sache.

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