Frauen sprechen mich ziemlich selten an. Und nett schon gar nicht. Wenn überhaupt, dann raunzen sie, beim Metzger, wenn ich mich vordrängele. Mona hatte auch schon charmantere Tage. Umso verblüffter war ich, als Heike meine Nähe suchte, ausgerechnet im Fitnessstudio meines Vertrauens, dessen Großbadewanne an unserer Schule früher "Lehrschwimmbecken" geheißen hatte - eine interessante Umschreibung für "klein" und "verkeimt". Warum nun lächelte Heike mich vom Beckenrand aus an?
Schwimmer: Kräftiger Einsatz, großartiges Ergebnis
Wer meistens läuft, hat zum Medium Wasser ein funktionales Verhältnis. Man kann es trinken, zumindest wenn ein Mineraldrink drin sprudelt. Man kann damit den Schlorz abspülen, der sich nach 90 Minuten Grunewald hartnäckig in den exotischsten Gegenden des Körpers festgekrallt hat. Zum Fortbewegen aber ist Wasser lästig. Es bremst und verhindert Sauerstoffnachschub. Ich habe keinerlei esoterisch-emotionales Wassergefühl. Ein Wellness-Tank macht mir Angst, Sex am Strand erst recht. Und in den Mutterleib will ich auch nicht zurück.
Aber Wasser ist gut für Rücken, Hüfte, Knie, alle geschundenen Läuferteile und zur Ausbildung von Muskeln jenseits der Beine. Ästhetisch ist der Läufer an sich ja eine Katastrophe: zwei relativ ordentliche Beine, auf denen aber nur Leptosomen-Gebimsel befestigt ist. Also hatte ich mir einen Schwimmwinter verordnet.
Endlich mal ein Frühjahr ohne trainingsbedingtes Knorzen in den Gelenken und obendrein die Aussicht auf so etwas Ähnliches wie Figur. Das Auge läuft ja mit. Also Start der "Mission Flipper". Ich würde erst aufhören, wenn Mona etwas Anerkennendes über meinen Oberkörper verliert. Das hatte sie in den letzten drei Monate allerdings noch nicht getan. Egal.
Trotz wachsenden Missmuts sprang ich tapfer in das Becken, dessen Wasser je nach Wochentag und Uhrzeit höchst unterschiedlich war, von relativ klar bis sehr getrübt. Ich redete mir ein, dass es am Licht lag, auch wenn mir Ahmeds Erklärung nicht aus dem Kopf wollte. Ahmed, der Getränkehändler meines Vertrauens, trainiert oben bei den Eisen-Heinis. Ich dachte immer, er würde aus religiösen Gründen nicht in den Pool steigen. Aber es war viel einfacher. "Stell' dir mal 60 Omas bei der Aqua-Gymnastik vor - und das Wasser nimmst du hinterher in den Mund?"
Mein Vertrauen in die Reinigungskraft des Chlors ist grenzenlos. Heike und ihre Männer überlebten das schwappende Inferno ja auch mehrfach in der Woche. Und heute war ich mittendrin, auf der Bahn linksaußen, wohin die Theo-Lingen-Wanderschwimmer abgeschoben wurden, das Reservat für Treibsand in Hautsäcken - so wie ich halt. Rechtsaußen waren die Flipper. Da wollte ich hin.
Training bei Heike hat genau drei Nachteile: Es dauert eine Stunde, es gibt kaum Pausen und hinter einem kommt immer so ein Angeber angepaddelt, der so tut, als könne er locker überholen, wenn die schmalen Bahnen es nur zuließen. Heike-Training ist echtes und kein gefühltes Training, was ich schon in den ersten Sekunden zu spüren bekam. "300 locker Einschwimmen" gellte ihr Befehl. 300? Das war mein Tagespensum. Na gut. Ich drosch eindrucksvoll in die Gülle, auf dass die anderen meinen Einsatz auch sähen.
Am Ende des Einschwimmens war ich so gut wie am Ende, reif für Pilates. Aber die Aqua-Domina ließ mich nicht. "Armzug nur links, zurück nur rechts." 25 Meter können irre lang sein, vor allem, wenn man sich ausdauernd veratmet und schleichend ersäuft.
Mit gefühlten drei Litern Wasser im Bauch liegt der Schwerpunkt suboptimal. Die anderen scherzten längst am Rand, als ich endlich angetrieben kam. "So, und das Ganze jetzt acht Mal. Achim nur sechs", verlangte Heike. Sie lächelte, ich hechelte. Was war demütigender: Als Letzter anzukommen oder nur das Barbie-Programm absolvieren zu müssen?
Der Sauerstoffmangel trieb mich ins Delirium. Schwimmen bei Heike ist eine permanente Nahtod-Erfahrung. Kurzzeitig hatte ich den Verdacht, dass Mona, Heike und Frau Malzahn ein und dieselbe Person sind. Das Feminat hatte endgültig die Macht übernommen, sogar im Lehrschwimmbecken. Aber so leicht würde ich nicht aufgeben. Flipper wusste auch immer einen Ausweg.
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