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23.06.2009
 

Achilles' Verse

So heiß wie ein Vulkan

Achim Achilles ist hart. Ehefrau Mona ist noch härter. Und deshalb hat unser Wunderläufer keine Wahl: Er muss zur Vorsorgeuntersuchung beim Arzt. Ein Pülverchen soll ihn fit machen. Die Wirkung ist dann aber doch durchschlagend. Achim wird eruptiv.

Die deutsche Ehefrau steht ja in einem permanenten Interessenkonflikt: Sie möchte einen fitten, vorzeigbaren Kerl, aber eines nahen Tages auch an dessen Lebensversicherung. Insofern fasse ich es mal als Liebesbeweis auf, dass Mona mich seit Jahren völlig grundlos zum Arzt jagen will, zu einer umfänglichen Untersuchung. "Ich gehe ja auch zur Vorsorge", sagt die Gattin. "Muss das sein?", entgegnet der schwimmgestählte Mann. "Keine Ausreden mehr", sagt Mona, "du gehst."

Vulkan (in Ecuador): Fast so bedrohlich wie ein Termin beim ArztZur Großansicht
dpa

Vulkan (in Ecuador): Fast so bedrohlich wie ein Termin beim Arzt

So ein Unsinn. Läufer sind kerngesund, wenn man von gesplisster Achillesehne, Niedriglast-Asthma und dem Hüftknarzen mal absieht. Aber Herz, Kreislauf, Lunge sind tipptopp. Wofür hasten wir denn Tag für Tag durch den Volkspark? Eben um nicht zum Arzt zu müssen. Da hocken schon die Walker. Zu spät. Meine sachlichen Einwände werden mal wieder nicht akzeptiert.

Mona hält den Hörer in der einen und meinen Kalender in der anderen Hand. "Ja, selbstverständlich mit Magen- und Darmspiegelung", höre ich meine Frau sagen. Sie dreht sich um, weil sie mein hektisches Abwinken nicht sehen will. Bin ich die Vorsorge-Ikone Susan Stahnke? Mein Darm ist tipptopp, vor allem nach einer Magnesiuminfusion. Und der Magen erst. Das permanente Geruckel durchs Laufen hat geradezu wundersame Auswirkungen auf den kompletten Verdauungstrakt. Der läuft wie ein Diesel.

Natürlich ist Vorsorge total wichtig. Aber warum ausgerechnet bei mir? Jedes Herumgefummel von Weißkitteln führt allenfalls zu Irritationen, vor allem mental. Man will ja auch den Krankenhausbetrieb nicht aufhalten, schon gar nicht in Zeiten der Gesundheitsreform.

Freundschaft mit Achim

berlin-bits.de
Deutschlands Kultläufer ist jetzt auch in einer der größten Web-Communitys unterwegs: Besuch Achim auf Facebook , werde sein Fan und verpass nie mehr seine Kolumnen oder Lesungen. Auf Twitter kannst du außerdem live erleben, was Achim sonst so treibt: schwitzen oder Training schwänzen?
"Das hat doch noch Zeit, Schatz", sage ich zu Mona. Sie drückt mir einen Zettel in die Hand: "Moviprep", steht darauf. Nie gehört? Klingt nicht schlecht, könnte was Illegales sein. "Das sollst du 24 Stunden vor dem Termin nehmen", erklärt die Gattin. Ich nicke folgsam. Wahrscheinlich ein Beruhigungsmittel.

Schnacki, der Apotheker meines Vertrauens, grinst, als ich "Moviprep" bestelle und schlägt rhythmische Aufwärtshaken in die Luft. Ich will ihn gar nicht verstehen. Aber abends muss ich. Moviprep, das ist eine Mischung aus Batteriesäure und Katzenurin. Vier Pulversäcke sind in zwei Litern Wasser aufzulösen und stoisch hinabzuwürgen. Ab dem zweiten Schluck rollt sich der Magen auf und will gehen. Beim Warten kann man anschwellendem Grummeln im Bauch zuhören. So ähnlich muss der Vulkan Krakatau kurz vor der Eruption geklungen haben.

Wer allerdings länger als sechs Stunden vergeblich wartet, sollte dringend zum Arzt gehen. Denn sonst reißt das Zeug den Patienten in tausend Stücke. Alle anderen bekommen ein Dutzend Sprinteinheiten gratis. Moviprep rauscht durch die Eingeweide und macht keine Gefangenen. Ich fühle mich wie ein Dampfreiniger von Kärcher. Nur noch so viel: Ab dem ersten Schluck dieser Batteriesäure darf man nichts mehr zu sich nehmen. Will man auch gar nicht. Nicht mal Bier. Ernste Symptome.

Die Nacht ist einsam, aber nicht leise. Mona hat mich verlassen. Vom Gewichtsmanagement her ist Moviprep ein echter Geheimtipp, ansonsten ein Killer: Knie knicken, Muskeln baumeln schlaff vom Knochen, die Welt sieht schwarzweiß aus. Der stolze Athlet ist ein Wrack.

Mona fährt mich zur Klinik, damit ich nicht ausbüxen kann. Fürsorgliche Totalüberwachung. Draußen vor der Tür sitzt ein Mensch im Rollstuhl, der sich ein Mikrofon an den Kehlkopf hält, um in ein Handy zu sprechen. Platz für die Zigarette ist trotzdem noch zwischen den Fingern. Ob wir uns nachher beim Belastungs-EKG wiedersehen? Gegen diesen Sportsfreund hätte ich auch mit einer doppelten Ration Moviprep noch Chancen.

An der Rezeption werde ich erwartet, von einer fürchterlich gut gelaunten Dame. "Magen und Darm spiegeln?", fragt sie so laut, damit es auch der letzte der zwei Dutzend Wartenden hört. Was hätte Action-Star Chuck Norris in dieser Situation gemacht? Ich nicke. Natürlich feixen die Geier hinter meinem Rücken. Mir doch egal. Mona wird stolz sein auf mich. Eine glückliche Frau ist alles, was zählt im Leben.

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