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30.06.2009
 

Achilles' Verse

99 Luftballons im Leib

Achim Achilles' Körper gleicht einer gutgeölten Präzisionsmaschine. Glaubt er. Ehefrau Mona hätte dies gern ärztlich bestätigt. Im Wartezimmer ist unser Wunderläufer noch guter Dinge, auf dem Ergometer macht er den Armstrong - dann steht die Magen- und Darmspiegelung auf dem Programm.

Die Stunde im Wartezimmer vertreibe ich mir mit wüsten Verwünschungen meiner Gattin. Warum hatte ich mich von Mona zum Check jagen lassen? Ich bin Läufer, also topfit. Der exzellente Trainingsplan von Klemmbrett-Karraß verwandelt mich früher oder etwas später in eine Präzisionsmaschine das Herz ein Diesel, der Kreislauf so stabil wie meine Zehn-Kilometer-Zeit seit acht Jahren, Magendarm buddhistisch gelockert. Wozu diese Untersucherei von Körpergegenden, die man einfach nur in Ruhe lassen sollte? Never change a running Achim.

Ballons: Jede Menge heiße Luft
AFP

Ballons: Jede Menge heiße Luft

Andererseits wirkt so ein Wartezimmer wie Psycho-Doping. Hier fühlt sich der lahmste Hoppeljogger wie ein Olympiasieger. Rechts keucht eine übergewichtige Dame, links starrt ein Bushido-Klon in prolligem Weiß auf seinen ranzigen Unterarmgips. Ich zähle vier Brüche, dreimal Rücken, ein halbes Dutzend Diabetiker und raumfüllende Depression. Mein Hüftreißen ist ein Scherz dagegen. Bei mir würde das Medizinergeschwader nichts finden. Ich bin der VfL Bochum des deutschen Gesundheitswesens - unkaputtbar.

Freundschaft mit Achim

berlin-bits.de
Deutschlands Kultläufer ist jetzt auch in einer der größten Web-Communitys unterwegs: Besuch Achim auf Facebook , werde sein Fan und verpass nie mehr seine Kolumnen oder Lesungen. Auf Twitter kannst du außerdem live erleben, was Achim sonst so treibt: schwitzen oder Training schwänzen?
Schwester Hildegard geleitet mich zur ersten Station, ein schmächtiger Kardiologe mit Nasenspitzenbrille und Dauerskepsis im Blick. "Freimachen bitte", befiehlt er. Am liebsten würde ich das Hemd wie ein Lasso über dem Kopf schwingen, um den Doc zu demütigen. Aber Hildegard ist gerade draußen. Also spare ich mir die Dreamboy Nummer für später. Die Nasenbrille klatscht mir ein Pfund Gleitcreme auf die Rippen und fährt mit seinem Echolot auf mir herum. "Treiben Sie Sport?" Unverschämte Frage. Das sieht man ja wohl. "Ich laufe", antworte ich und warte vergeblich auf ein Lob. Auf dem Bildschirm pocht mein Herz. Durch tiefe Atemzüge versuche ich, die Pulsfrequenz zu senken. Nasenbrille bleibt unbeeindruckt. "Leicht vergrößert", sagt er schließlich. Ja und? "Sieht ganz gut aus", ringt sich das Männchen schließlich ab. "Könnte ich das schriftlich haben?", scherze ich. Nasenbrille entgegnet: "Achten Sie ein bisschen mehr auf Ihre Leber." Ich nicke stumm und denke: Papperlapapp - immer nur alkoholfrei ist auch keine Lösung.

Erhabenen Gangs schreite ich zur nächsten Prüfung: Ergometer. Das spillerige Plastikgerät ist nach meinem Antritt reif für den Sondermüll. Mit spitzen Fingern flanscht Schwester Hildegard ein Dutzend Meß-Eumel an meinen Oberkörper. Ich ziehe den Bauch ein und meine, ein leises erotisches Knistern zu vernehmen. Nach einer Viertelstunde Gestrampel bin ich fertig. "Da hatten wir schon Schlechtere in Ihrem Alter", sagt der Doktor. Blödmann. Das kann man ja wohl mit deutlich mehr Bewunderung feststellen.

"Dann kann ich ja jetzt gehen", sage ich in der Hoffnung, dass das Restprogramm vergessen wird. Schwester Hildegard schüttelt den Kopf. "Wir wollen doch noch Magen und Darm spiegeln", sagt sie. Objektiv Unsinn. "Wir" wollen schon mal gar nichts. Mona und diese Weißkittelmafia wollen. Ich will nach Hause; ich würde sogar freiwillig einen Tempolauf machen.

"Ziehen Sie bitte Ihre Hose aus?" sagt die eiskalte Hildegard. Meine Knie zittern wie nach einem Halbmarathon, und das kommt nicht nur von dem Abführzeugs das mich seit 24 Stunden schwächt. "Aber, ich, ähh habe noch einen Anschlusstermin", stammele ich. "Der Doktor kommt gleich. Sie müssen keine Angst haben", sagt die Schwester und breitet eine dicke Wegwerfunterlage aus. Bis vor einer Minute dachte ich, dass man sich mit Mitte 40 genau zwischen den beiden Lebensphasen befindet, in denen der Mensch Windelmaterial braucht. Über mir erscheint Frankensteins Gesicht. Er piekst in meinen Arm und sagt, ich solle bis zehn zählen. Bei zwei gebe ich auf und starte zu einem Expressflug Richtung Venus.

Vier Stunden später. Ein Zeigefinger piekst in meine Rippen - Schwester Hildegard. "Wie fühlen Sie sich?", fragt sie. "Breit wie eine Natter, wäre die unmedizinische aber korrekte Antwort. Stattdessen entfleucht mir ein herzhafter Rülpser. Mein Rachen brennt. Über den Rest spüre ich lieber weg. "Der Doktor will Sie sprechen. Kann sein, dass Sie noch Luft im Bauch haben", sagt die Schwester. Ich rülpse "Aha.

Mit 99 Luftballons im Leib schleppe ich mich ins Sprechzimmer. Auf dem Schreibtisch liegt ein unscharfes Foto: Sieht aus wie ein Pilz in einer Tropfsteinhöhle. Ich will gar nicht wissen, was es ist. "Gut, dass Sie gekommen sind", sagt der Arzt mit ernster Miene: "In ein, zwei Jahren hätte ihn das Ding sehr viel Ärger machen können." Vorsorgeuntersuchungen fand ich immer überflüssig. Bis vor genau zwei Minuten. Laufen allein genügt offenbar doch nicht, um die Lebenszeit zu verlängern.

Für starke Nerven und Mägen gibt es hier ein Bild vom Tropfsteinhöhlenpilz.

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