Das Projekt Weltrekord war akribisch vorbereitet. Ich hatte auf das Preisgeld beim hoch attraktiven Allgäu-Marathon verzichtet, das Spezialtraining der Ferienwochen hatte konturlose Hautsäcke immerhin in zart konturierte Würste verwandelt, die man aus großer Entfernung für Läuferbeine halten konnte. Für den Preis eines guten Laufhemdes hatte ich eigens neue Socken angeschafft, gewirkt aus den unsichtbaren Fäden jungfräulicher, mongolischer Seidenraupen.
Natürlich ging es nicht um einen echten Weltrekord, sondern um den gefühlten. Was dem Bolt sein Gold ist dem Freizeitläufer die persönliche Bestzeit, in Fachkreisen "PBZ" genannt. Das Verbessern der "PBZ" ist gleich nach der perfekten Currywurst und der Deutschen Meisterschaft von Preußen Münster das dritte einzigartige Hochgefühl im Leben eines Menschen. Eine Handvoll Zahlen nur, die sich aber anfühlen wie 9,58 Sekunden. Was eigenes, wie das Jodeldiplom.
Wille zu unmenschlichen Opfern
Ich bin nicht in dem Alter, in dem man ewig mit Leistungszuwächsen rechnen kann, im Gegenteil: Stillstand bedeutet jenseits der 40 schon Fortschritt. Dieses Jahr verlief das Training gut, ich fühlte mich kenianisch. Vor den Ferien war mir bereits eine Zeit knapp unter 45 Minuten gelungen, was meine Laune tagelang beflügelt hatte. Menschen, die in der Lage sind, zehn Kilometer in weniger als einer Dreiviertelstunde zu bewältigen, gibt es in Deutschland höchstens eine Million. Ich gehörte zu einem exklusiven Club, aber ich wollte mehr: Eine 43 sollte auf heimischen Geläuf möglich sein, auf dem echten WM-Kurs mitten durch Berlin beim Champions Run, vor Millionen entfesselter Zuschauer, vor den Augen der Welt, vielleicht sogar eine 42. Dafür wollte ich unmenschliche Opfer bringen: Ich lief ich mich sogar ein, fast 20 Minuten lang, auf der Schattenseite des Reichstags. Das hatte die nötige Dramatik.
Ich drängelte mich zum ersten Mal in meinem Leben nach vorn an die Startlinie. Überholen kostet nun mal mehr Zeit als Überholenlassen. Auf die Kopfhörer hatte ich Wagners Walkürenritt gegeben - das Projekt PBZ konnte beginnen. Die ersten 500 Meter liefen prächtig. Dann plötzlich kleidete eine unerklärliche Dörre die Mundhöhle aus; meine Rekordbeine wurden weich. Alle Lust schwand aus meinem Hirn. Wo war die Leichtigkeit der Trainingläufe?
Die Uhr zeigt ein Datum aus dem Jahre 2010
Ich war Überholgut, wie ein Schwertransport auf der Autobahn - langsam, breit und allen lästig. Weil ich Leute verachtete, die jeden dritten Schritt auf ihr Display am Arm glotzen, hatte ich mir bis Kilometer eins Uhrenguck-Abstinenz auferlegt. War eh egal. Die nagelneue Pulsuhr zeigte nur blinkende Nullen. Gefühlt hatte ich sechs Minuten gebraucht. Beim ersten Wasserstand waren die Tempovorsätze endgültig dahin. Ich soff und soff und vermied mit letzter Kraft die Grundsatzfrage nach dem Sinn des Laufens. Die verfluchte Uhr zeigte zur Abwechslung ein Datum aus dem Jahre 2010, so als würde ich noch bis dahin unterwegs sein.
Bei Kilometer fünf kroch ein Stechen die linke Hinterbacke empor. Welche Sorte Schmerz bemächtigte sich meiner? War es ein taktisches Weh, dass mein Hirn gesucht und gefunden hatte, um sich bei Bedarf ganz wunderbar hineinsteigern zu können? Die Pein kroch immer höher. Oder war es jene Sorte Alltagsziepen, die einem Läufer signalisiert, dass er überhaupt noch lebt. Womöglich war es aber auch eine echte große Verletzung, die schrie: Aufhören! Du riskierst mindestens eine Amputation, wenn Du nur einen Schritt weiterläufst.
In Wirklichkeit war es natürlich eine Prüfung, die mir der große Laufschuh-Manitu geschickt hatte, um meine Charakterfestigkeit zu prüfen. Es ging nicht um den Schmerz, sondern den Umgang damit. Ich beschloss, das Ziehen, das inzwischen im Nacken angekommen war, einfach zu ignorieren und in mein privates kleines Schmerzmuseum aufzunehmen. Wenn die Bestzeit zum Teufel ist, sollte man die Schmach durch Aufgabe nicht ins Unermessliche steigern.
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