Achilles' Ferse: Postzyklisch in fliederpink

Die Läufermasse kauft, was der Markt ihr diktiert: Langärmlig im Winter, bauchfrei im Sommer. Doch Achilles-Leser "die Laufsau" behält den Durchblick im Polyestertempel und kauft antizyklisch - bisher jedenfalls, denn ein Verkäufer-Troll zwingt ihn zum Umdenken.

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Corbis

Läuferin: Lieber antizyklisch einkaufen

Im Frühjahr, wenn die ersten Krokusse den tauenden Boden durchbrechen, strömt das Läufervolk in Scharen in die Polyestertempel. Wogen von Läuferinnen und Läufern fluten die Sportartikelbasare der Republik, um sich dort mit Singlets, pobackenfreien Supershorties, bauchlüftenden Tops und Funktionshemden für ihre kommenden Heldentaten einzudecken. Nur ich mache da nicht mit. Denn wer ein Schnäppchen machen will, kauft antizyklisch. Wer sich auch nur halbwegs mit den Gesetzmäßigkeiten der vier Jahreszeiten auskennt, weiß, dass der Tag, an dem das Thermometer mittags wieder weniger als zehn Grad anzeigt, wiederkehren wird - garantiert. Dann strömen alle in die Laufläden und kaufen Thermohosen, Windbreaker und Fleecehandschuhe zu den üblichen Wucherpreisen. Dafür gibt es sie dann in großer Auswahl und grellen Farben.

Doch ich weiß, dass jetzt all die Thermohosen, Windbreaker und Fleecehandschuhe vom letzten Oktober nur noch ein Fünftel des Originalpreises kosten. "Ich bin doch nicht blöd", sage ich mir und lache leise über die Doofen, die dem Trend hinterherlaufen, wie Hinz und Kunz dem Strunz. Aber auch ich kann nicht aus meiner Haut, Säue sind faul und bequem. Also laufe ich bis Ende Februar mit Shorttight und sommerlichem Kurzarm-Shirt. Schon recht frostig, denke ich, aber bei minus zwei Grad ist das nicht überraschend. Es dauert noch etwa eine Woche, dann bin ich wieder fieberfrei und betrete wild entschlossen den Fitnessklamottenschrein.

Dienstagmorgen, zehn Uhr. "Hmmmm?" brummt der Sportartikelfachverkäufer. So viel demonstrative Gelassenheit gibt es sonst nur noch bei der Postfiliale im Rewe. "Ich suche Laufbekleidung." "Hinten links, die Frühlingskollektion ist aber noch nicht runtergesetzt." Ich erspare mir weitere Ausführungen, dass ich keinesfalls auf die Frühlingskollektion aus bin. Lieber nicht stören, wer weiß, ob er bissig ist.

Die trockenste Service-Wüste der Welt

Hinten links gibt es alles in quietschbunt und kurz, aber nichts davon kann man bei unter zehn Grad tragen. Ich schleiche zurück zur Kasse. "Was denn noch?" Er blickt nicht einmal von seinem Hochglanzmagazin auf. Von allen Service-Ödnissen Deutschlands ist dieser Laden die Atacama-Wüste - seit Beginn der Aufzeichnungen kein Millimeter Freundlichkeit. Auf dem Namensschild des Verkäufers steht T. Roll. Von Trollen heißt es, wenn sie erzürnt würden, wäre dieser Zorn oft unbändig und könne verheerende Folgen haben. Fingerspitzengefühl ist also gefragt.

"Ich suche Laufbekleidung für den Winter", erkläre ich dem Troll freundlich. Ich habe seinen Instinkt geweckt. Langsam hebt er den Blick und mustert mich mit seinen kleinen gelben Augen. Fast kommt es mir vor, als seien sie wirklich gelb, sie sind es natürlich nicht, das macht die Neonbeleuchtung. "Für den Winter?", fragt er. Gewöhnlich sind Trolle als gutmütig und manchmal sogar einfältig bekannt, ich bin eindeutig an ein solches Exemplar geraten. Einfache Satzstrukturen mit einem Subjekt und sonst nichts helfen hier vielleicht weiter: "Winter. Kalt. Schnee. Frieren", zähle ich langsam auf.

"Sie wollen jetzt Winterkleidung kaufen? Es ist März, der 'SnowSale' war vor acht Wochen." "Der was?" "Der 'SnowSale'! Winterschlussverkauf darf man ja nicht mehr sagen." Ich stutze. "Also das heißt, wenn es draußen noch kalt ist, verkaufen Sie keine Kleidung für kaltes Wetter, und wenn es draußen warm ist, verkaufen Sie dick gefüttert?" Der Troll sieht mich verwirrt an: "Sie kaufen nicht oft Klamotten, oder?" "Also haben Sie denn nun irgendwo noch etwas Warmes für mich?" Er windet sich. "Ich müsste mal ins Lager runtergehen, ob dort noch was ist."

Hose in Größe S, Thermoshirt in XXXL

Nach einer Stunde verlasse ich den Laden mit einer Thermohose, die mächtig im Bund spannt. Es gab nur noch ein einziges Modell in Größe S mit einer zwei Zentimeter dicken Staubschicht drauf. Aber ich wollte ja sowieso abnehmen, in drei Wochen passt die wie angegossen. Dazu ein Thermoshirt in Fliederlila und Pink. Es ist zwar ein Damenmodell und eigentlich für Walker, dafür gibt es das Stück Stoff in meiner Größe: XXXL. Immerhin: Es ist taillenbetont. Passende Fleecehandschuhe, ebenfalls in Pink und Flieder, gab es gratis dazu - quasi ein Set. Vielleicht ein Tick zu feminin für mich, aber dafür bleiben die Finger schön warm. Als Krönung gibt es noch ein cremefarbenes Stirnband in Felloptik. Nicht ganz mein Stil, aber dafür mit 50 Svarovski-Kristallen besetzt - für'n Appel und'n Ei.

Das mit dem antizyklischen Kaufverhalten war leider nichts. Statt dem Trend entgegenzulaufen, renne ich ihm hinterher, postzyklisch also. Aber eines ist sicher: Wer mir morgen bei meiner Laufrunde begegnet, wird große Augen machen. Und danach Freunden und Familie aufgeregt berichten: "Elvis lebt! Er lief mir heute am Neckar entgegen!" Mit einem Fellstirnband, fliederpinkem Oberteil und viel zu enger Hose.

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Forum - Fitness - Wie laufen Sie denn?
insgesamt 1475 Beiträge
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1. Thema gestorben?
Paulizei 11.04.2005
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
2. Pillen-Anleitung
seductive 12.04.2005
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
3.
Carmen Cienfuegos 19.04.2005
Zitat von sysopJogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit?
Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
4.
robbatberlin 26.04.2005
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
5. Herzlichen Glückwunsch
Paulizei 26.04.2005
Zitat von robbatberlinFind ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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