Wenn man gebürtiger Südseeinsulaner ist, muss einem Mitteleuropa im Winter vorkommen wie die Antarktis. Nur kälter. An diesem Wochenende ging es mir wie dem Südseeinsulaner: Auf einmal fielen die Temperaturen genauso radikal, wie die letzten Hemmungen am Grabbeltisch bei Quelle. Ich klappere schon mit den Zähnen, wenn ich nur aus dem Fenster sehe. Dabei sind wir erst bei knapp null Grad angekommen, und es wird sicher noch viel schlimmer.
Meinetwegen kann die Klimakatastrophe ruhig kommen. Ich hätte überhaupt nichts gegen wärmere Winter einzuwenden. Wenn ich langlaufen will, kann ich immer noch nach Lappland fliegen. Laufen im Winter ist sowieso viel zu gefährlich.
Warum? Darum: Familie Laufsau war über das Wochenende Freunde weiter südlich in Deutschland besuchen, und dort hatte es - im Gegensatz zum von der globalen Erwärmung bereits empfindlich getroffenen Ludwigsburg - geschneit. Nun ist Schnee ja nichts schlimmes, beileibe nicht! Die Söhne lieben Schnee, Schlittenfahren und Schneeballschlacht (Sohn Nummer zwei sagt immer Schluchtball dazu - köstlich). Einzig dass ich Sohn Nummer eins einmal ordentlich mit Schnee einsiff (oder heißt das einseifte?), fand er nicht so wahnsinnig komisch.
Andererseits beeimert er sich über Sätze wie "Fang mich doch, du Eierloch". Fünfjährige haben einfach einen eigenartigen Sinn für Humor. Jedenfalls machte die Laufsau mal wieder einen auf Angeber. Während alle anderen vor dem Bullerofen hocken, Tee trinken und Plätzchen futtern, posiert die Laufsau mit Spandexdress im Türrahmen. "Was, du willst laufen, bei der Kälte? Boah, das könnt ich ja nicht." Die Gattin rollt mit den Augen, ob der bewundernden Blicke der Gastgeber. "Wisst ihr, ich muss halt", erwidere ich souverän, "im Winter werden die Marathonis von morgen gemacht". Und schwebe getragen von meinem aufgeblasenen Ego nach draußen.
Fehlende Bodenhaftung lässt das Steißbein schmerzen
Wer schwebt hat keine Bodenhaftung und das ist bei rutschigem Untergrund ganz schlecht. Die zweite Treppenstufe wird mir zum Verhängnis. Ich rutsche aus und haue mir mörderisch das Steißbein an. Mein Schmerzensschrei hallt durch die Reihenhaussiedlung und im gleichen Moment bin ich umringt von den Nachbarn, den Hunden der Nachbarn und zuletzt von meinen Gastgebern. Der Gattin weicht alle Farbe aus dem Gesicht. Sohn Nummer eins erkundigt sich mitfühlend: "Papa, musst du jetzt sterben?" Sohn Nummer zwei ist noch direkter: "Papa, warum liegst du da am Boden?"
Man hilft dem alten Mann auf, und will mich wieder ins Haus tragen, aber ich lehne empört ab. "Pah, so ein kleiner Ausrutscher, das hält doch eine Laufsau nicht vom Training ab". Und trabe los. Naja, ich humple, leicht gebückt und mit schiefem Kreuz, denn der geprellte Rücken pocht dumpf vor sich hin. Zwei Straßen weiter schreibt das Unglück sein zweites Kapitel für heute: Auf einer schneeglatten Fläche rutsche ich mit meinen abgelaufenen Sohlen aus und lege mich erneut hin. Diesmal falle ich schön auf den Ellenbogen. Der ist zwar wenigstens nicht überlebensnotwendig für's Training, tut aber noch mehr weh. Ich entscheide mich für die Umkehr.
Die Gattin öffnet auf mein Klingeln die Haustür, sie hatte wohl schon schlimme Ahnungen, als es wenige Minuten nach meinem Abflug bereits wieder läutet. Draußen stehe ich - eine Art Quasimodo mit Laufschuhen: ein kleinbuckliges Männlein mit krummem Rücken, das mit schmerzverzerrtem Gesicht den Ellenbogen umklammert. "Gibt's noch Zimtsterne", frage ich und sie weist mit stummer Miene auf das Wohnzimmer. Ich glaube, für dieses Jahr lass ich's mal gut sein mit dem Training. Laufen im Winter ist mir einfach zu gefährlich.
Mehr Geschichten von der Laufsau gibt es auf Achim-Achilles.de.
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