Achilles' Verse Die Uhr, der größte Feind

Eines mag Achim so gar nicht. Wenn er schnell von einem Punkt zum anderen laufen soll und selbst der besten Geschichte zur Eigenmotivation nach wenigen Metern die Luft ausgeht. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass wenigstens die Zeit stimmt im Kampf gegen die Uhr.


Willkommen zum wöchentlichen Hass-Training: Tempo. Noch 300 Meter, dann kommt der gelbe Punkt, den Klemmbrett-Karraß auf den Asphalt vom Kronprinzessinnenweg gesprüht hat. Das ist der Start: zwei Doppelpunkte und zwei weitere Kleckse später dann das Ziel: 2000 Meter. Am Stück. In 4:40 Minuten den Kilometer, besser schneller. Mindestens vier, besser sechs oder acht Mal, aber nur, wenn man Ambitionen für die Fremdenlegion hegt. Drei Läufe habe ich schon hinter mir. Mein Magen grollt. Bleibeine. Panikstarre. Motivation unterhalb der Messbarkeitsgrenze. Egal. Angriff. Die ersten Schritte tun weh. Die danach erst recht. Die erste 100-Meter-Marke erscheint am Horizont. Nur noch 1900 Meter. Tolle Aussicht.

Zeitnehmer: Achim gehen Tempoläufe auf den Wecker
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Zeitnehmer: Achim gehen Tempoläufe auf den Wecker

Es ist der Tag der Materialfehler. Mona sägte noch selig, als ich morgens meine Kampfmontur anlegte. Um gar nicht erst in den Fettverbrennungsbereich zurückzufallen, wollte ich Brustgurt und Angeber-Polar mitnehmen. Doch meine S625X, der vermeintliche Porsche unter den Pulsuhren, erwies sich wieder mal als Gebraucht-Lada. An die Meldung "Speicher voll", die seit dem dritten Tag nach Inbetriebnahme im Display blinkt, habe ich mich gewöhnt. Ich betrachte es als Hinweis zur Glykogen-Aufnahme.

Dass der Kilometerzähler auch nicht funktioniert, weil sich jede Batterie nach einer halben Stunde blitzentladen hat, machte mir auch nichts aus. Hauptsache, dass Ding klebt am Schuh und sieht professionell aus. Nach dem vierten Mal der Temponeujustierung auf der Tartanbahn hatte ich die Nase eh voll. "Wir kalibrieren uns zu Tode", wäre ein toller neuer Titel für Neil Postman.

Immerhin tat es die Pulsmessung, zumindest in den Wochen, in denen kein Batteriewechsel fällig war. Natürlich könne man den selbst vornehmen, versprach die Finnenfirma. Aber man sollte es lieber lassen, warnte Sven im Ausdauertempel. "Danach ist sie garantiert nicht mehr wasserdicht." Also einschicken, zwei Wochen warten und den Preis eines zuverlässigen Eduscho-Weckers dafür bezahlen. Eines muss man Polar lassen: Für fast 400 Euro gibt es eine Menge Unterhaltung. Mit Mona spiele ich auf langen Bahnfahrten immer das Bedienungsanleitungsspiel: Einer liest einen beliebigen Satz aus dem brockhausdicken Beipackzettel der S625X vor, der andere muss raten, was es bedeuten könnte. Wir hatten noch nie einen Treffer. Ich schnappe mir Monas 20-Euro-Uhr, die seit zwei Jahren originalverpackt im Schrank vor sich hin lief.

Pulsuhren sind die Pest. Unbestechliche Terrormaschinen. 2:22 Minuten beim ersten Doppelpunkt, also nach 500 Metern. Zu langsam. Das wären 4:44 Minuten auf 1000 Metern, also 9:28 Minuten auf 2000 Metern, sofern ich dieses Mördertempo überhaupt halte. Indiskutabel. Los jetzt, hoch die schweren Flunken.

Es gibt zwei Psychostrategien, um schneller zu laufen als man eigentlich will. Die erste: Ablenkung. Einfach an etwas anderes denken. Urlaub. Bier. Mona. Vorteil: Die Zeit vergeht. Nachteil: aber zu langsam. Nach spätestens zehn Sekunden denkt man wieder an die Beine. Strategie zwei: eine Phantasiegeschichte. Hinter mir sind gröhlende Hottentotten her, mit Knochenkeilen durch die Nase, die mich braten wollen. Sie kommen immer näher. In 800 Metern Entfernung aber wartet das rettende Fort. Ich muß es schaffen, irgendwie. Vorteil: Angst macht Beine. Nachteil: Weil man sich selbst belügt, weiß man es und glaubt einfach nicht an Hottentotten-Storys.

Noch 600 Meter. Wenn ich jetzt auf die Uhr gucke und so tue, als wäre es schon fast die 500-Meter-Marke, dann sieht die Zwischenzeit gar nicht schlecht aus. Ich huste eine Handvoll Schlorz ab. Freie Luftwege bringen bestimmt noch ein paar Zehntel. Es geht leicht bergauf. Viele, kleine Schritte. Die letzten 300 Meter. Füße kleben am Boden. Aufs Lauf-ABC konzentrieren. Hoch die Stelzen, Eleganz in den Schritt, Kraft in den Kniehub. "Frequenz", brüllt Klemmbrett-Karraß in diesem Moment immer. Gut, dass er nicht da ist. Er käme jetzt locker vorbei gefedert und fragte: "Naaa, geht es noch?" Was soll man auf so eine blöde Frage antworten, vorausgesetzt, man könnte noch sprechen? Da, der gelbe Punkt leuchtet von fern. Mist, doch nur ein Kaugummipapier. Also noch 50 Meter mehr. Gngngn, geschafft. Ich trudele den Weg entlang. Endlich erledigt, der Mist. Und die Zeit? Verdammt, welche Zeit? Vergessen, die Uhr zu drücken. Sie zeigt längst über zehn Minuten an. Bestimmt schon eine Minute her, dass ich den Punkt passiert habe. Als Tempoläufer hat man ja jede Sekunde im Blut.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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