Achilles' Verse Die Wahrheit übers Walken

Endlich ist es raus: Walken bringt nix! Läufergott Achim predigt dies schon seit Jahren, eine Studie bestätigt ihn nun. Aufmerksame Mitbürger haben längst bemerkt, dass es sich bei der Schleichbewegung um eine Plage handelt. Der Widerstand wächst.

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Um jede Randgruppe wird sich in diesem Land gekümmert: Es gibt Frauenhäuser, integriertes Wohnen für jeden sozial Dysfunktionalen und einfühlsame Therapien für Internet-Süchtige. Heere von Psychologen und verständnisvollen Ehepartnern kümmern sich sogar um manische, schizophrene oder paranoide Läufer, von denen es Millionen in diesem Land gibt.

Walkerin im Wald: Stabil auf Calmund-Level
DDP

Walkerin im Wald: Stabil auf Calmund-Level

Wer aber sorgt für eine Gruppe von Mitmenschen, die hilflos durch kommunale Grünflächen schlurfen, peinlich aussehen und dem Irrglauben anhängen, ihr bizarres Zeitlupen-Geschleiche nütze irgendwem irgendetwas außer der Skistock-Industrie, die eine absurde Fortbewegungsart erfand, um auch in den Sommermonaten ihre Umsätze zu sichern? Es wird höchste Zeit für eine Ruckrede unseres Bundespräsidenten. Thema: Schützt die Walker, vor allem vor sich selbst. Andernfalls drohen soziale Verwerfungen, deren Folgen Rentenkrise und Rechtschreibreform bei weitem übertreffen.

Fakt ist: Walking nützt nichts, es ist gesellschaftlich diskreditiert, ruiniert Karrieren und kann sogar zum Tode führen. Und das ist bewiesen. An der Universität von Alberta, Kanada wurden unlängst die gesundheitlichen Effekte bei einem Walker-Rudel mit denen einer Gruppe eher zurückhaltender Fitness-Sportler verglichen. Beide absolvierten über sechs Monate regelmäßig ein mörderisches 10.000-Schritte-Programm.

Das niederschmetternde Ergebnis: Es reicht nicht, sich nur wie Hackfleisch in eine bunte Stretch-Pelle aus Polyamid zu zwängen und krakelend Stöckchen durch den Wald zu ziehen. Manchmal muss auch der Walker-Puls über den eines Hirntoten gepeitscht werden. Zu viel Sanftheitsterror tötet. Denn dann bleiben alle wichtigen Werte – Blutdruck oder maximale Sauerstoffaufnahme – stabil auf dem Level von Reiner Calmund. Es gehe eben nicht darum, nur ein paar Schritte mit entschlossenem Blick gemacht zu haben, erklärt die sympathisch-kompetente Untersuchungsleiterin Vicki Harber, sondern vielmehr zähle, ob man dabei gelegentlich auch ein wenig geschnauft hat.

Zugleich wächst der Widerstand gegen die immer mehr um sich greifende Schleichbewegung. Engagierte Bürger finden sich allerorten zusammen, die der Walker-Plage nicht länger schweigend gegenüberstehen wollen. Offen bekennen sie sich zu den Werten des gepflegten Ausdauersports. T-Shirts mit Texten wie "Walker raus" oder "Gib Walkern keine Chance" sind immer häufiger zu sehen.

Eine Berliner Bürgerinitiative plant, das Gebiet um den Schlachtensee zur ersten walkerfreien Zone Deutschlands zu erklären. Schilder ("Haltet den Wald sauber und Walker fern") werden derzeit errichtet. Baumstämme über den Zugangswegen mit einer Mindesthöhe von zwölf Zentimetern haben sich als wirkungsvolle Walkersperren erwiesen. Platzwarte diverser Sportvereine erklärten sich bereit, herrenlose Problem-Walker im Rahmen eines Reanimierungsprogramms vorübergehend zur Rasenbelüftung per Stockstich aufzunehmen.

Die unmenschlichen Spätfolgen des Walkens haben erst vergangene Woche ein neues prominentes Opfer gefordert. ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf, der seinem Sender Ansehen, Bares und Exklusivinformationen bis hin zur ehemaligen Staatssicherheit verschaffte, stolperte ausgerechnet über einen Walkingstock. Der Mann, dem es gelang, Jan Ullrichs Märchenstunde über Jahre ausschließlich fürs Erste zu gewinnen, musste sein segensreiches Wirken abrupt beenden. Bei der Berichterstattung über einen Walking-Event wurden Redaktionelles und Reklame für Mager-Margarine vermischt. Wer an Walken glaubt, der glaubt auch ans Fettsparen durch Diät-Schmiere. So hat das unselige Walken die steile Karriere eines unbescholtenen Spitzenjournalisten ruiniert.

Es ist Zeit, die Wahrheit über die unfassbare Freizeitvergeudung Walken und seine Folgen ans Licht zu bringen. Der Bürger hat ein Recht darauf.

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