Achilles' Verse Haufenweise fiese Köter am Neujahrsmorgen

Neujahrsmorgen. Die Silvesterparty ist gut überstanden. Auf zu neuen Ufern. Warum nicht eine schöne Runde laufen? Gute Idee. Ab in den Park. Aber was ist das: überall Vierbeiner, die Jagd auf Zweibeiner machen. Achim ist genervt und sinnt auf Rache.


Die schönste Laufzeit des Jahres ist der Neujahrsmorgen. Ein paar Taxis eilen durch eine rotkäppchenvernebelte Stadt, um die letzten Feierleichen nach Haus zu bringen. Walker vertilgen daheim die kalten Reste vom Silvestermenü und lecken anschließend die Platten sauber. Berlin liegt in sauer und lässt mich in Ruhe laufen. Fast.

Aufmerksamer Hund: "Der beißt nicht"
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Aufmerksamer Hund: "Der beißt nicht"

Denn es gibt eine Bevölkerungsgruppe, die genau diesen himmlischen Frieden schamlos ausnutzt. Es sind die gleichen Zeitgenossen, die sonst nur nach Einbruch der Dunkelheit um die Häuser schleichen, oder sehr früh morgens. Sie suchen das Dunkel, denn sie wissen, dass sie Unrecht tun. Aber sie können es nicht ändern. Denn das einfältige Wesen am anderen Ende der Leine muss dringend an den Baum. Leider sind um diese Tageszeit deutlich mehr Hunde unterwegs als es Bäume gibt.

Was ist das für ein Jahr, das keine neun Stunden alt ist, bis die erste vierbeinige Kotmaschine vor mir hockt, in einer Stellung, in der ich nie gesehen werden möchte? Zwar glotzt das Hundilein peinlich berührt, weil es mitten in der schönsten Druckphase erwischt wurde, lässt sich aber nicht davon abhalten, einen satten Spiralhaufen, drei Umdrehungen hoch, direkt vor unsere Haustür zu setzen. Herrchen ist sicherheitshalber schon mal hundert Meter vorausgeeilt. Dann klingen ihm meine Verwünschungen nicht ganz so laut in den Ohren. Ich will die Töle treten, aber da huscht sie auch schon davon. Der Hundefänger soll dich holen, Mistvieh. Und stramm gefesselt nach China schicken, am besten vorgekocht und tiefgefroren.

Der großstädtische Hundebesitzer weiß genau, dass er von seinen hundelosen Mitbürgern verachtet wird. Wer dem Köterkult anhängt, der hat Kontaktprobleme und braucht jemanden zum Herumkommandieren. Das Tier ersetzt Partner, Kind, Hobby und Lebenssinn. Leider auch eine anspruchsvolle Unterhaltung. Wann immer eine Reportage aus sozialen Brennpunkten gesendet wird, laufen schlecht erzogene Kläffer durchs Bild.

Nicht alle Hunde haben einen Problembürger als Herrchen. Aber fast jeder Problembürger hat einen Hund. Und am Neujahrsmorgen sind sie alle draußen. Sie wähnen sich sicher vor Blicken und Flüchen. Am schlimmsten ist es am Schlachtensee. Natürlich herrscht Leinenpflicht. Aber Hundehalter können nicht lesen. Und die Viecher können einen Weg nicht vom Unterholz unterscheiden.

Also wetzen sie kreuz und quer. Mit dem Effekt, dass der vor sich hinmeditierende Läufer einen Heidenschreck bekommt, wenn es plötzlich knackt im Dickicht. Walker? Wildschwein? Oder Waldi? Meistens ist der Hund die schlechteste aller Überraschungen. Denn er will Fangen spielen mit dem Onkel, der so nett ist und wegläuft. Oder einfach mal schnuppern, weil die Mischung aus Alt- und Neuschweiß, Massageöl sowie Hirschtalg gegen Reibeschmerz ihn offenbar an aufregende Momente im Wald erinnert.

Wirklich interessant, wie unterschiedlich man einen neugierig schnüffelnden Hund wahrnehmen kann. Der Hundeführer zum Beispiel versucht ein Lachen, so, als sei es putzig, wenn sich wildfremden Menschen eine kalte, nasse Hundeschnauze in den Schritt presst. "Der beißt nicht", sagen sie dann, was als Nachweis für gute Erziehung verstanden werden soll. Die Übersetzung heißt: Sie haben Glück. Er mag sie. Ist es nicht toll, einen Hund als Freund zu haben?

Nein, ist es nicht, denkt sich der Läufer. Er interpretiert schnuppernde Fiffis ganz anders. Erste, zweite und dritte Reaktion: Angstangstangst. Was will die Bestie? Wie kann ich verhindern, dass mein Körper innerhalb von Millisekunden Angsthormone ausstößt, die dieses hässliche Tier sofort riecht? Schon wird er sich überlegen fühlen und einfach mal zum Spaß nach genau jenen Körperteilen schnappen, die ihm vor der Schnauze baumeln.

Dummerweise ist sein Fletschmaul in der gefährlichsten aller Höhen angebracht. Pfeif' dieses Wesen einfach zurück, Hundebesitzer. Und verschwinde, so schnell du kannst samt Töle. Ich will nicht gemocht werden, schon gar nicht von Hunden. Ich bin auch kein Tierfreund. Ich will einfach nur laufen. Alleine. Wenigstens am Neujahrstag.

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winbug, 01.01.2008
1. Genau so isses!
Hundebesitzer an die Leine! Sofort! Und alle über einssechzig nur noch mit Maulkorb in die Öffentlichkeit!
hans.huckebein 01.01.2008
2. Toleranz
Ich finde es schon schade, sich in dieser Weise zu äußern. Ein wenig mehr Toleranz könnte hier nicht schaden. Denn wenn ich das Problem auf unsere ausländischen Mitbürger übertrage, die sich nicht immer ganz gesetzeskonform verhalten, dann erwarte ich auch keine rassistischen Artikel über die Türken, die Russen, die Libanesen usw. nur weil einzelne Leute dieser Gruppe sich nicht so benehmen wie man es in Mitteleuropa erwarten darf. Das gleiche gilt für die Hundebesitzer bzw. -führer, denn der Hund an sich ist nur das Produkt seiner Erziehung und seiner Umwelt. Er ist nicht von Haus aus eine Beiß- und Kackmaschine. Er hat durchaus auch für Problemhundehalter eine wichtige soziale Funktion, die vielleicht noch schlimmeres abfedert. Aber vielleicht sollte man hier, bei den problematischen sozialen und menschlichen Verhältnissen ansetzen, damit alle Menschen in einem Stadtteil tolerant und angstfrei miteinander leben können. Der reduzierte Blick auf die vermeintlich unbeherrschbare Kreatur Hund und seinen Halter verstellt leicht den Blick aufs wesentliche und schafft womöglich neue Agressionen. Fazit: Freilaufende Bestien sind nicht zu tolerieren, aber alle Hunde und ihrer Halter pauschal in einen Topf zu werfen und die Geschichte mit den tierischen Beiß- und Kackmaschinen gebetmühlenartig zu wiederholen bringt auch nichts.
Frank2000, 01.01.2008
3. Der gemeine Hund...
Ein genialer Artikel, den ich in jeder Hinsicht unterstreichen kann. Es ist nicht nur das Problem, dass es viel zu viele Hunde gibt; es ist vor allem das Problem, dass die Hundebesitzer der Meinung sind, ihre Hunde hätten die gleichen Rechte wie ich als Mensch und Läufer. Ich will aber nicht mit Hunden um Lebensraum konkurrieren müssen; Hunde haben genau da Rechte, wo Menschen in der Öffentlichkeit sie nicht beanspruchen. Zuerst kommt der Mensch - dann der Hund. Das ist die Hierarchie. Nix gleichberechtigt. Von mir aus können die Hundebesitzer ihren stinkenden Sabberfabriken zu Hause den Ikea-Teppich vollkoten lassen. Wenn es Hundebesitzern Spaß macht, in einer vollgehaarten, zerkratzten Hundewohnung zu leben - gut, deren Problem. Außerdem bin ich einverstanden, umzäunte Hundeausläufe zu schaffen. Sagen wir einen in Sachsen-Anhalt und einen zweiten im Saarland. Ich habe, wie wohl jeder Läufer, bereits mehrmals die Situation gehabt, dass ich auf einem öffentlichen Weg laufe und plötzlich ein bellender, knurrender Hund auf mich zujagt. Was bleibt einem da anders übrig, als still stehen zu bleiben, bis der asoziale Hundebesitzer es mit einem herablassenden Blick für angeraten hält, seinen Hund zurückzupfeifen? Einen Knüppel habe ich in der Regel nicht beim Laufen dabei. Vielleicht sollte man wenigstens immer einen Totschläger dabei haben, wahlweise für den Hund oder den Hundebsitzer, je nachdem, was von beiden gerade näher ist. MfG Frank
Muhli9 01.01.2008
4. Danke für diesen Artikel!
In einer Untersuchung, die mir als Hamburger Mitte der Neunziger Jahre aufgefallen war, steht: 'Die Hundehaltung in den Städten hat sich, auch aufgrund der aus ihr resultierenden Verschmutzung der Gehsteige und Straßen, zu einem gesellschaftlichen Problem entwickelt; so fallen alleine in Berlin täglich 55 Tonnen Hundekot von geschätzten 200.000 Hunden an (offiziell registriert sind circa 100.000 Hunde).' Soviel zu den Dimensionen.
Klaus Meyer, 01.01.2008
5. An die eigene Nase fassen!
Zitat von sysopNeujahrsmorgen. Die Silvesterparty ist gut überstanden. Auf zu neuen Ufern. Warum nicht eine schöne Runde laufen? Gut Idee. Ab in den Park. Aber was ist das: Überall Vierbeiner, die Jagd auf Zweibeiner machen. Achim ist genervt und sinnt auf Rache. http://www.spiegel.de/sport/achilles/0,1518,524655,00.html
Jaja, wenn der Herr Achim kommt, haben alle Platz zu machen und zu Kuschen. Jeder der ihn bremst anderen ist ein Störenfried: Hunde, Kinder, Rollstuhlfahrer, Senioren mit Rollator, Kinderwagenschiebende Mütter. Unglaublich, wie selbstherrlich sich viele Jogger tagtäglich verhalten, die mir beim Spaziergang mit Hund und Kind andauernd begegnen. Frei nach Achim: Nicht alle Jogger sind EGOmanen, aber unheimlich viele Egomnanen sind Jogger. Frohes Neues Jahr!
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