Achilles' Verse Ja, auch ich habe gedopt

Erik Zabel, Rolf Aldag, Bjarne Riis: Fast täglich spült die Doping-Geständniswelle neue Tragödien an den Sportstrand. Heute folgte der nächste Hammer: Auch Achim Achilles gestand die Einnahme leistungssteigender Substanzen - und fordert den Doping-Euro.


Ja, schluchz, ich gestehe, schnief, auch ich habe gedopt, schluchzschnief, ich habe mich, schneuz, meine Gegner, kurze Kunstpause, die ganze Welt, längere Kunstpause, leises Stöhnen, belogen. Seit Tagen übe ich diesen bewegenden Auftritt. Jeder Ausdauersportler, der auf sich hält, hat ja jetzt ein Solo im Fernsehen, nur Jan Ullrich, Lance Amstrong und Dieter Baumann nicht. Ich will auch zu Beckmann. Aber nicht unter 50.000 Euro, sagt Mona.

Doping-Spritze: Finisher-Shirt in der Garage
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Doping-Spritze: Finisher-Shirt in der Garage

In der Tat habe ich auch mal gedopt. Es war vor drei oder vier Jahren, am Morgen des Berliner Volkstriathlons. Ich war zu dick, zu schlecht trainiert und maximal motivationslos. Aber Klaus Heinrich war auch am Start. Es ging also um alles. Gegen meinen niedrigen Blutdruck habe ich erst einmal zwei große Tassen Espresso mit wenig Milch gefrühstückt und dann aus Monas Diätpillenkiste noch zwei, drei Guarana-Kapseln gemopst.

Guarana schwimmt heute in jeder Babybrause. Das Zeug kommt aus dem Busch, wo es Eingeborene seit Jahrhunderten unkaputtbar macht. Ich wäre bestimmt nicht durch den Dopingtest gekommen. Muß ich jetzt das lappige Finisher-Shirt wieder abgeben? Kein Problem. Liegt in einer Schachtel in unserer Garage, können die sich jederzeit abholen.

Dabei ist mir nur schlecht geworden, der Mund ganz trocken trotz Seewasser und fast wäre ich abgesoffen, weil mein Herz so raste. Auf jeden Fall möchte ich mich bei all meinen Gegnern entschuldigen, dass ich beim Schwimmen eine so jämmerliche Figur abgegeben habe. Dieses Jahr werdet ihr es wieder mit Achim, dem weichen Delphin, zu tun bekommen, der garantiert nur Bit-Reste im Blut hat.

Mich würde allerdings mal interessieren, ob beim Volksport wirklich alle sauber antreten. Neulich hörte ich von einem erfahrenen Volksradfahrer, dass ein paar Aspirin, in Cola gelöst, die dicken Beine auf den letzten Kilometern herrlich betäuben. Katarina, meine Apotheken-Bekanntschaft aus dem Ostwestfälischen, die ich schon seit Jahren erfolglos um Epo anwinsele, erzählt von einem Laufkumpan, der beim Marathon unterwegs eine Handvoll Diclofenac einwirft.

Betäubst Du noch, dopst Du schon richtig oder bestellst Du nur im Internet? Natürlich ist es kein richtiges Doping, was der Lauftrainer Greif in seiner Online-Apotheke anbietet. Deren Werbesprüche klingen wie aus der Freiburger Giftküche entliehen. "Maca Sativa" zum Beispiel, das die "Testosteron-Produktion im Körper fördern" und "ohne Einschränkungen auch in großen Mengen verzehrt" werden kann. Hier gibt es natürlich Guarana, das "stärkste und natürliche Anregungsmittel" und allerlei anderes Zeug, was die Sauerstoffaufnahme herauf- und die Regenerationszeit herabsetzt. Alles nicht verboten. Aber die testosteron-freudige Anpreiserei illustriert die Denke dahinter. Hier kann ich mir einen Vorteil kaufen, der bis dicht an die Verbotszone reicht. Was überlegt sich da wohl manch ein Hobbyläufer, der trotz heftigen Trainings nicht mehr schneller wird?

Die Dopingbereitschaft ist ein fester Bestandteil der Wettbewerbsgesellschaft, die nicht Moral will, sondern Erfolg. Was nervt, ist die moralische Empörung, mit der Politik, Funktionäre und Medien über genau jene Athleten herfallen, die so wohldosiert ihre Geständnisse abgegeben haben, dass sie keine juristischen Folgen zu befürchten haben. Die Zeigefinger-Wedler sind die gleichen Bessermenschen, die unsere Jungs verspotten, wenn sie mal nicht vorn dabei sind. Nächstes Jahr bei Olympia in Peking, wenn ein Heer chinesischer Zombies mit allen Mitteln um die staatlich befohlenen 119 Medaillen fightet, werden wir das Gemecker wieder erleben dürfen.

Gegen uns, eine erbarmungslose Öffentlichkeit hat kein Sportprofi eine Chance. Er sitzt in der Falle: Ohne Doping keine Siege, ohne Siege kein Jubel, weder Sportförderung, Sponsoren noch Vertragsverlängerung. Unser Hochleistungssystem erzwingt das schizophrene Verhalten der Athleten geradezu: Tue alles, um schneller zu werden, denn nur der Schnellste zählt.

Und das ist beim Volkssport nicht anders. Ein Marathon-Veranstalter sollte mal folgendes Experiment machen: Jeder Teilnehmer bekommt bei der Nummernausgabe ein kleines Fläschchen mit einer verbotenen aber hochwirksamen Substanz, die ihm eine um fünf bis fünfzehn Minuten bessere Zeit verschafft. Der Freizeitsportler kann das Zeug nehmen, heimlich zu Hause, oder auch einfach ins Klo kippen. Wieviel Prozent würden zumindest mit dem Gedanken spielen, Monate entbehrungsreichen Trainings pharmazeutisch ein wenig abzusichern? Wie viele würden behaupten, sie hätten es weggekippt, aber trotzdem genascht? Und wie viele würden es aufbewahren. Man weiß ja nie. Ich hätte es natürlich weggekippt, logisch. Spannend wäre sicher auch, ein paar unangekündigte Urinproben bei den Deutschen Rad-Meisterschaften der Ärzte und Apotheker zu nehmen, die Mitte Juli in Niederpöring und Bad Birnbach auf Bahn und Straße ausgetragen werden.

Wer den Einsatz verbotener Mittel mit dem Hinweis auf Moral unterbinden will, glaubt auch daran, dass erhobene Zeigefinger gegen Steuerhinterziehung, Korruption oder Falschparken helfen. Leider funktioniert das strukturell zur Vorteilsnahme neigende Menschenskind ganz anders. Es verhält sich nur dann regelkonform, wenn es Angst hat, erwischt zu werden. Geschwindigkeitsbegrenzungen werden auch nur dort eingehalten, wo alle paar Meter ein Blitzer steht.

Im Sport wird viel zu wenig geblitzt. Derzeit rennen die Dopingfahnder der Mafia mit ihren leeren Urinbechern hilflos hinterher. Doping wird erst dann weniger, wenn die Fahnder so gerissen sind wie die Doper. Dafür brauchen sie keine Moral, sondern Geld, von Sponsoren, Politik und Fernsehen. Früher gabs den Sportgroschen. Jetzt ist es dringend Zeit für den Doping-Euro.

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joergal 29.05.2007
1. Doping
Solange ausschließlich über die Spitzenplätze und -zeiten berichtet wird, werden sich Förder- und Sponsorengelder auf die Sportler mit Rekordzeiten und Spitzenplätze konzentrieren. Dabei kommt dem Doping schon die Funktion der Existenzsicherung zu. Die mediale Beleuchtung der Freude am Sport, der Schönheit der Bewegung und dem Vergnügen am Sport in einer (großen) Gruppe Gleichgesinnter geschieht sehr sehr selten. Dopingfahndung sehe ich als einen lahmen Hasen, der keine Chance gegen die vielen Igel hat. Beim Leistungsport sind die Grenzen der körperlichen Machbarkeit ausgereizt. Es ist nicht glaubhaft, das bei dem heutigen Stand der Trainingswisschenschaften plötzlich "überragende" Sportler, die z. B. einen Radwettbewerb 7-mal hintereinander gewinnen, auftauchen. Die haben nur noch mehr Igel gegen den lahmenden Hasen aufgestellt. Es ist nicht absehbar, dass sich Medien, Sponsoren und Publikum von der Spitzenplatz und Rekordorientierten Konsumtion des Sports abwenden, also wird auch weiter gedopt, bestimmt noch raffinierter,technisch aufwendiger und noch weniger nachweisbar. Verbote, Strafen und Sanktionen sind nur soweit greifend, als sie auf nachweisbaren Fakten beruhen. Über Doping im Freizeitsportbereich kann man sich genau so aufregen, wie über Rauchen, Kiffen etc. Es muss uncool sein, damit Leute sich nicht diesen Sch... "einwerfen". Die von vielen Marathongurus empfohlenen und beworbenen Nahrungsergänzungsmittel etc. sind eine Stufe vor dem Doping. Erhobene Zeigefinger helfen hier wenig, das Zeug ist teuer, bestimmt profitabel im Verkauf und wird deshalb angeboten werden. Der Kunde entscheidet, ob das Angebot interessiert. Falls nicht, sterben diese Offerten von allein aus. Persönliche Meinung: Freizeitsport mit Leistungscharakter: unbedingt ja Ausweitung der persönlichen Grenzen durch Mittelchen: kategorisch nein. Jörg A., Marathoni mit hohem Trainingsumfang aber Akzeptanz der persönlichen Leistungsgrenzen.
lor-olli 04.06.2007
2. uncooles Doping…
Ehrlich gesagt, fände ich es angesichts meiner (unserer) Laufzeiten (45 min 10km / 3:50 Std Marathon) eher entwürdigend wenn ich zugeben müsste gedopt zu haben. Realistisch gesehen ließe sich sicher die eine oder andere Minute "herausdopen", aber wem will ich etwas beweisen?? Ich bekomme kein Geld fürs Laufen, sondern muss auch noch zahlen (Startgebühr, Schuhe etc.) und laufe eigentlich nur weil ich mich körperlich und psychisch eindeutig besser fühle. Wettkämpfe bestreite ich höchstens 1-2 mal im Jahr (HH Marathon etwa), aber in der Regel nur um ein wenig Struktur in das Training im Winter zu bringen. Ich gehöre auch nicht zu den Menschen die sich besser fühlen, nur weil sie den Laufkollegen um 15 Sekunden hinter sich gelassen haben, jammere aber auch nicht wenn es umgekehrt ist. Doping wäre in meinem Fall eindeutig eine Geldverschwendung!
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