Ein Wochenende, zwei Läufe. New York oder Grunewald? Was für eine Frage. Natürlich Grunewald, zum Traditions-Cross. Und nicht dieser Manhattan-Barbie-Schnickschnack mit der in jeder Hinsicht leichtgewichtigen Beckham-Braut. Seit 45 Jahren hechten im Grunewald die wahren Helden des Laufsports durchs Unterholz, durch Pfützen, über Baumwurzeln und Sandwege entlang. Am Start gibt es Bockwurst statt Powerschleim, leere Dixi-Klos, weil alle im Wald stehen, und AC/DC statt "Final Countdown". Ein Hauch von sibirischen Holzfällern liegt in der Luft. Leider ist es trocken und die Sonne scheint. Cross wird erst mit Eisregen im Kragen richtig schön.

Natur pur: Unfreiwillige Schlammpackung
Es hatte etwas gedauert, bis ich die Schuhe mit den groben Stollen gefunden hatte. Aus Rücksicht auf Monas überausgeprägtes ästhetisches Empfinden hatte ich die Treter nach dem Strongman von Weeze im Februar auf dem Balkon unter der Blumenerde gebunkert und den Sommer über dort vergessen.
Die Spinnen, die sich in selbstmörderischer Absicht in die Treter gestürzt hatten, waren nur noch Staub. In jedem Schuh lagerte noch ein gutes Pfund Treibsand. Ich entschied, dass der weiße Pelz auf der Innensohle Blütenstaub von Monas Geranien sei, wenn auch ein ausgesprochen hartnäckiger.
Meine bezaubernde Gattin hatte mir für diesen Sonntagmittag frei gegeben. Sie war froh, mich los zu sein. Im November pflegt sie ihren Mittagsschlaf besonders ausgiebig. Und beim Cross sah sie mich offenbar gut aufhoben. Denn ich hatte ihr vom einzigartigen Naturerlebnis vorgeschwärmt, von Sonnenstrahlen, Herbstlaub, kopulierenden Eichhörnchen und derlei Waldlyrik mehr.
Stimmt ja auch. Cross ist wie eine Veranstaltung aus dem Manufaktum-Katalog. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Schmerz im verdrehten Knie, Blut am Schienbein, das Peitschen eines echten deutschen Asts im Gesicht. Auch die fast vergessene Bänderdehnung lauert hier überall. Nach 400 Metern hat es den ersten schon erwischt. Ein Herr, der ansonsten offenbar im Fitnessstudio rackert, humpelt an den Wegesrand und befühlt seinen Knöchel. Tja, bei McFit gibts keine Baumwurzeln auf dem Boden.
Genau das ist der Witz am Cross: Jeder Schritt bedeutet ein Abenteuer. Man findet keinen Rhythmus, weil Äste, Wurzeln, Baumstämme und Kuhlen immer andere Schrittlängen erfordern. Permanente Obacht ist erforderlich, was umso aufregender ist, da der Hauptstädter ja keine Erfahrung hat mit Natur.
Berliner halten drei Bäume für einen Wald, Maulwurfshügel für ein Mittelgebirge und Baumwurzeln erscheinen ihnen als unüberwindliches Hindernis. Deswegen sind sie auf dem Grunewald-Kurs auch mit roter Farbe eingesprüht, für die Szene-Pfosten aus Mitte wahrscheinlich. Oder für die Walker, die sich heute auch im Wald herumtreiben. Manche stehen da am Rand des Laufwegs, gestützt auf ihre Stöcke, schwer pumpend und noch schwerer beeindruckt. Sowas haben sie noch nie aus der Nähe gesehen: echter Sport.
Cross-Anfänger sollten sich einen Routinier suchen; immer hinter Opas knochigen Bergziegenhintern her. Aber nicht zu dicht auflaufen. Denn wer nur auf die Hacken vom Vordermann starrt, beißt gelegentlich mal ins Laub. Lässt man allerdings eine Lücke klaffen, kommt umgehend ein Dösbaddel von hinten und springt hinein.
Cross-Läufer werden nicht gern überholt, schon aus nackter Angst nicht. Grausam die Vorstellung, plötzlich Letzter zu sein, sich dann auch noch den Fuß zu vertreten und einsam im dunklen Wald zurückzubleiben. Ötzi war wahrscheinlich auch ein Cross-Läufer. Irgendwann war er Letzter. Und blieb einfach liegen, 5000 Jahre lang. Sehr sympathisch, diese Querfeldeinläufe: Es geht weniger um den Sieg, als darum, nicht Letzter zu werden. Genau mein Sport.
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