Achilles' Verse: Opas knochiger Bergziegenhintern

Bockwurst statt Powerschleim, Wurzeln statt McFit: Achim Achilles hat ein neues Abenteuer entdeckt. Crosslauf im Grunewald ist ein Sport für echte Kerle. Man sollte nur darauf achten, sich an den richtigen Vorbildern zu orientieren - sonst geht es einem wie Ötzi.

Ein Wochenende, zwei Läufe. New York oder Grunewald? Was für eine Frage. Natürlich Grunewald, zum Traditions-Cross. Und nicht dieser Manhattan-Barbie-Schnickschnack mit der in jeder Hinsicht leichtgewichtigen Beckham-Braut. Seit 45 Jahren hechten im Grunewald die wahren Helden des Laufsports durchs Unterholz, durch Pfützen, über Baumwurzeln und Sandwege entlang. Am Start gibt es Bockwurst statt Powerschleim, leere Dixi-Klos, weil alle im Wald stehen, und AC/DC statt "Final Countdown". Ein Hauch von sibirischen Holzfällern liegt in der Luft. Leider ist es trocken und die Sonne scheint. Cross wird erst mit Eisregen im Kragen richtig schön.

Natur pur: Unfreiwillige Schlammpackung
DPA

Natur pur: Unfreiwillige Schlammpackung

Im Gegensatz zum mitteleuropäischen Schönwetter-Jogger, der sich Ende Oktober zum Winterschlaf niederlegt, steht der Cross-Läufer dann erst auf. Er ist ein Sommerschläfer und legt wenig Wert auf stylische Klamotten. Klar, er bewegt sich ja vorwiegend im Dunkeln und meistens unter einer Dreckschicht. Nach einer halben Saison tragen sowieso alle Laufsachen die gleiche Popelfarbe. Gute Jungs hier, echte Kerle.

Es hatte etwas gedauert, bis ich die Schuhe mit den groben Stollen gefunden hatte. Aus Rücksicht auf Monas überausgeprägtes ästhetisches Empfinden hatte ich die Treter nach dem Strongman von Weeze im Februar auf dem Balkon unter der Blumenerde gebunkert und den Sommer über dort vergessen.

Die Spinnen, die sich in selbstmörderischer Absicht in die Treter gestürzt hatten, waren nur noch Staub. In jedem Schuh lagerte noch ein gutes Pfund Treibsand. Ich entschied, dass der weiße Pelz auf der Innensohle Blütenstaub von Monas Geranien sei, wenn auch ein ausgesprochen hartnäckiger.

Meine bezaubernde Gattin hatte mir für diesen Sonntagmittag frei gegeben. Sie war froh, mich los zu sein. Im November pflegt sie ihren Mittagsschlaf besonders ausgiebig. Und beim Cross sah sie mich offenbar gut aufhoben. Denn ich hatte ihr vom einzigartigen Naturerlebnis vorgeschwärmt, von Sonnenstrahlen, Herbstlaub, kopulierenden Eichhörnchen und derlei Waldlyrik mehr.

Stimmt ja auch. Cross ist wie eine Veranstaltung aus dem Manufaktum-Katalog. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Schmerz im verdrehten Knie, Blut am Schienbein, das Peitschen eines echten deutschen Asts im Gesicht. Auch die fast vergessene Bänderdehnung lauert hier überall. Nach 400 Metern hat es den ersten schon erwischt. Ein Herr, der ansonsten offenbar im Fitnessstudio rackert, humpelt an den Wegesrand und befühlt seinen Knöchel. Tja, bei McFit gibts keine Baumwurzeln auf dem Boden.

Genau das ist der Witz am Cross: Jeder Schritt bedeutet ein Abenteuer. Man findet keinen Rhythmus, weil Äste, Wurzeln, Baumstämme und Kuhlen immer andere Schrittlängen erfordern. Permanente Obacht ist erforderlich, was umso aufregender ist, da der Hauptstädter ja keine Erfahrung hat mit Natur.

Berliner halten drei Bäume für einen Wald, Maulwurfshügel für ein Mittelgebirge und Baumwurzeln erscheinen ihnen als unüberwindliches Hindernis. Deswegen sind sie auf dem Grunewald-Kurs auch mit roter Farbe eingesprüht, für die Szene-Pfosten aus Mitte wahrscheinlich. Oder für die Walker, die sich heute auch im Wald herumtreiben. Manche stehen da am Rand des Laufwegs, gestützt auf ihre Stöcke, schwer pumpend und noch schwerer beeindruckt. Sowas haben sie noch nie aus der Nähe gesehen: echter Sport.

Cross-Anfänger sollten sich einen Routinier suchen; immer hinter Opas knochigen Bergziegenhintern her. Aber nicht zu dicht auflaufen. Denn wer nur auf die Hacken vom Vordermann starrt, beißt gelegentlich mal ins Laub. Lässt man allerdings eine Lücke klaffen, kommt umgehend ein Dösbaddel von hinten und springt hinein.

Cross-Läufer werden nicht gern überholt, schon aus nackter Angst nicht. Grausam die Vorstellung, plötzlich Letzter zu sein, sich dann auch noch den Fuß zu vertreten und einsam im dunklen Wald zurückzubleiben. Ötzi war wahrscheinlich auch ein Cross-Läufer. Irgendwann war er Letzter. Und blieb einfach liegen, 5000 Jahre lang. Sehr sympathisch, diese Querfeldeinläufe: Es geht weniger um den Sieg, als darum, nicht Letzter zu werden. Genau mein Sport.

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insgesamt 1475 Beiträge
Paulizei 11.04.2005
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so [...]
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive 12.04.2005
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen [...]
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental [...]
Zitat von sysopJogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit?
Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das [...]
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei 26.04.2005
Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten [...]
Zitat von robbatberlinFind ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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  • Dienstag, 04.11.2008 – 07:52 Uhr
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