Am Wochenende hab ich zur Abwechslung mal bei den Herrschaften vom Radsport reingeschaut. Kann ja nicht sein, dass alle Rennradler so muffelköpfig sind wie die Hornissenschwärme, die sich auf dem Kronprinzessinnenweg einen Spaß daraus machen, Läufer in den Graben zu drängeln, nicht ohne im Vorbeifahren noch ein paar herzhafte Schnäuzer abzusondern. Eigentlich sollten wir Ausdauerhelden uns doch gegenseitig wertschätzen. Radler machen dem Neuling die Nächstenliebe allerdings nicht ganz leicht.

Rudelradler: Mutti schmiert die Schmalzstullen

Freunden bizarrer Bewegungsabläufe wird der Wampentritt geboten. Wenn der Bauch auf dem oberen Rahmenrohr aufliegt, spreizen sich die Beine fast bis zum Lotussitz: Schwerstarbeit für Knie, Hüften und das Rad. Damit die wackeren Kämpfer nicht vor Entkräftung vom Kurs abkommen, umkreisen bei größeren Touren Hütehunde das Feld, verdiente Helden des Sattels, die eigens eine Prüfung ablegen mussten und dafür nun ein leuchtend gelbes Leibchen mit der Aufschrift "Kontrollfahrer" tragen dürfen. Manchmal bellen sie.
Bei den Hobbyradlern drehen sich die Reifen, aber nicht die Erde - alles wie in den fünfziger Jahren hier. Die Muttis schmieren Schmalzstullen und rollen die Augen, wenn Vati wieder mal von seinen Heldentaten berichtet: Ausreißversuche, mörderische Sprints und wie er gleich nach dem Krieg auf Holzfelgen von Königsberg nach Königswusterhausen geflohen ist. Gegen Radlerlatein sind die Flunkereien des Läufers verdammt dicht an der Wahrheit.
Der organisierte Läufer an sich ist ja schon ein seltsames Wesen. Aber der Club-Radler schlägt alles in der Disziplin verschärfter Vereinsmeierei. Gegen die Speichen-Spießer ist jeder deutsche Kleingärtner ein lockerer Freak. Ist auch kein Wunder, wenn Deutschlands Radelsführer Rudolf Scharping heißt. Wer etwa wagt, gemusterte Socken zu tragen, riskiert ein Ausschlussverfahren. Felgen, die nicht schon Rudi Altig im Einsatz hatte, werden mit Argwohn beäugt. Hier fahren Oldtimer auf Oldtimern.
Liebstes Thema der Gruppenradler: der Nachwuchsmangel. Wie in den Volksparteien sind es fast überall rüstige Rentner, die das Vereinsleben diktieren. Sie sortieren Startnummern, führen die Trainingsfahrten an und besonders gern das große Wort. Sie können alle Tour-Sieger freihändig aufsagen. Die Hackordnung ist klar: Der Senior ist Chef, alles unter 60 darf gehorchen. Wer nicht militärisch in ordentlicher Dreierreihe fährt, wird umgehend zusammengepfiffen.
Die Kurbelei würde ja durchaus Freude machen, wenn es den Wortführenden um den Spaß an der Bewegung ginge. Leider treffen sich die meisten vor allem deswegen, um möglichst viele ungeschriebene Regeln einzuhalten und sich dabei gegenseitig zu kontrollieren.
Wirklich merkwürdig, dass diese sympathischen und weltoffenen Herrschaften keinen Nachwuchs in ihre Traditionspflegeeinrichtungen locken können.
An alle Radfreunde: Achim Achilles verlost seinen Startplatz beim Velothon in Berlin. Bist du würdig genug, ihn zu vertreten?
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