Achilles' Verse Such das Bier

Viele Läufer findet Achim einfach nur doof: zu schnell, zu verbissen, zu wenig Achilles. Gott sei Dank gibt es neuerdings auch hierzulande "Hash Runs". Eine gar nicht bierernste Mischung aus Sport und Geselligkeit. Unser Wunderläufer amüsierte sich jedenfalls wie Bolle.


Hotte kam vor drei Jahren in unsere Laufgruppe. Er schleppte eine mindestens 20 Kilogramm schwere Fettschürze mit sich herum. Seine ersten drei Tempoläufe gingen über 200 Meter. Er stampfte wie ein hüftkrankes Warzenschwein, lief lila an und fiel pumpend ins Gras. Wir waren kurz davor, den Rettungshubschrauber zu bestellen. Wir Männer grinsten, die Frauen hatten natürlich wieder Mitleid.

Hash-Run-Teilnehmer: Eifrig bei der Sache

Hash-Run-Teilnehmer: Eifrig bei der Sache

Zwei Monate später hatte Hotte bereits zehn Kilogramm abgenommen. Sein Ranzen baumelte nicht mehr über die Laufhose, sondern stand bereits. Im Herbst, bei seinem ersten Zehn-Kilometer-Lauf, war er knapp unter einer Stunde unterwegs. Hotte war vom Laufvirus infiziert. Heute schafft er den Marathon in 3:30 Stunden. Wir lachen nicht mehr, er auch nicht. Er ist erbärmlich mager. Seine leeren Hautbeutel hängen traurig an ihm herab, weshalb sich seine Freundin wohl von ihm trennte. Vielleicht aber auch, weil er zu einem verbissenen Sekundenjäger mutiert ist, der bei jedem Lauf besser sein will als im Jahr zuvor.

Hotte hat alle Bücher gelesen, von allen Pillen die doppelten Mengen eingeworfen und ein Zimmer seiner Wohnung bis zur Decke voll mit Laufklamotten gestopft. Wenn er sich mal was gönnen will, setzt er sich ein Stündchen zum Inhalieren da rein. Die Jaksche-Story (mehr...) im SPIEGEL hat er genau gelesen, ob vielleicht noch was zu lernen sei. Jeder lockere Lauf mit ihm wird zum Kampf um Leben und Tod. Hotte ist ein Lauf-Stalinist. Er nervt.

Natürlich ist er pausenlos verletzt, gern auch exotisch. Deswegen konnte er am vergangenen Wochenende nicht dabei sein. Schade. Da gab es nämlich eine großartige Therapie für alle Hottes dieser Welt: einen "Hash Run". Wer bei diesem läuferischen Gesellschaftsspiel verbissen vorneweg sprintet, ist fast immer der Dumme, und wer als Erster im Ziel ist, sowieso ein Idiot. Der "FRB" (Front Running Bastard) landet fast immer in einer Sackgasse.

Den "Hash Run" haben Briten 1950 in Malaysia erfunden, um drei wesentliche Lebensziele zu vereinen: den Kater vom Vorabend zu verscheuchen, etwas für die Kondition zu tun und dabei gleich wieder frisches Bier zu trinken. Zeitnahme gibt es genauso wenig wie Urkunden. Dafür wird hinterher gegrillt.

Klemmbrett-Karraß hat den "Hash Run" beim Trainingslager in Kenia kennen gelernt und aus der Zivilisation nach Brandenburg gebracht, nach Kuhhorst, das völlig zu Recht so heißt. Hash Run ist wie Schnitzeljagd mit Dauerlauf. Die Gruppe der Jäger wetzt gemeinsam und sucht nach Spuren auf dem Weg, die ein vorausgeeilter Schwarm Hasen hinterlassen hat. Es ist verboten, sich mit dem Namen anzureden. Männliche Neulinge werden "Boot", Frauen wahrheitswidrig "Virgin" genannt. Man darf nicht mit dem Finger zeigen, sondern allenfalls mit dem Ellenbogen.

Die Gurken von ganz hinten gucken sich das Gerenne in ganz entspanntem Trab an und nehmen schließlich den Weg, der sich als der richtige herausgestellt hat. Denn Abkürzen dürfen nur die, die hinten liegen. Wer die richtige Strecke gefunden hat, brüllt "On, on". Am Ende läuft das Feld wieder zusammen. Eine grausame Vorstellung für Hotte. Sinn macht das alles nicht, aber es ist lustig, zumal manchmal plötzlich und unvermittelt ein gekühltes Fass Jever auf dem Weg steht. Getrunken wird natürlich nur in kleinen Schlucken, wegen der Elektrolyte.

Kuhhorst ist ideal für einen "Hash Run". Wenig Einheimische, die sich eh über nichts mehr wundern, weite Felder, etwas Wald und viele Kuhfladen, die viel läuferische Koordination erfordern. Denn man rutscht ja schnell mal aus. Auch die Ausdauer wird trainiert, wenn beispielsweise 50 Läufer ein großes Feld voller Heurollen absuchen, weil sie hinter jeder frisches Bier vermuten. Oder wenn die ganze Bande zum dritten Mal ein weites Feld überquert, weil irgendein Trottel ohne Grund "On, on" gebrüllt hat.

Für die depressiven Teile des Ostens sind "Hash-Run"-Parcours eine willkommene Investitionsidee, nachdem Golfplätze, Autorennstrecken und Zeppelinhallen nicht immer den versprochenen Erfolg brachten. Und die merkwürdigen Rituale hinterher fallen hier auch nicht auf, denn es geht am Ende immer um einen Schluck Bier. So werden Verfehlungen (Fingerzeigen) bestraft, ebenso das Tragen neuer Schuhe. Deren Besitzer müssen das Bier direkt aus den fabrikfrischen Tretern trinken.

Weil es so entspannt zuging, war der "Hash Run" die perfekte Vorbereitung für das Sonntagsrennen, den Volkstriathlon in Berlin, wo mir ganz zufällig eine neue persönliche Bestzeit gelang. Da wird Hotte aber Augen machen.

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insgesamt 9 Beiträge
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babycakes, 03.07.2007
1. ach achim ...
... es kann nicht jeder ein Achilles sein. Ich stelle fest, es gibt drei Kategorien von Läufern: Verbissene, Gurken und AA, ach und Frauen natürlich, also vier. Da lobe ich mir doch auch so einen hash run, bei dem alle Spaß haben, selbst wenn sie von zuviel Bier Magensausen bekommen.
m*sh, 03.07.2007
2. H3
(Hash House Harriers) nennt man diesen Sport auch. In vielen Staedten fuehrt der Parcours schlicht durch Einkaufszentren und Parks. Warum dafuer ein spezielles Gelaende noetig sein soll kann ich nicht erkennen - daher glaube ich nicht, dass dieses Konzept(?) in irgendeiner Form etwas zum Aufschwung Ost beitragen koennte. Oder wer wuerde schon Geld in eine Inliner-Strecke investieren? In den USA ist dieser "Sport" seit einigen Jahren kult.
Pablo alto, 03.07.2007
3. Flieh den Beißer
Zitat von sysopViele Läufer findet Achim einfach nur doof: zu schnell, zu verbissen, zu wenig Achilles. Gott sei Dank gibt es neuerdings auch hier zu Lande "Hash Runs". Eine gar nicht bierernste Mischung aus Sport und Geselligkeit. Unser Wunderläufer amüsierte sich jedenfalls wie Bolle. http://www.spiegel.de/sport/achilles/0,1518,491765,00.html
Viele Läufer finden Achim einfach nur doof: zu langsam, zu verbissen, viel zu viel Kotzbrocken-Humor, zu viel Achilles. Gottseidank gibt es neuerdings auch hierzulande ganz entspannte Runs, bei denen man weder hektische Panik vor Hunden noch neurotischen Hass auf Walker entwickelt, sondern einfach nur das Laufen genießt.
niceboy 03.07.2007
4. Netter Artikel - aber leider falsch recherchiert....
Tja, schön zu lesen, daß sich der Spiegel mit den Hash House Harriern beschäftigt und einen positiven Artikel darüber publiziert. Nur wäre eine gründliche Recherche gerne gesehen. Seinen Ursprung hat die Hash-Mania bereits in 1938 gefunden, im heute noch existierenden sogenannten 'Hash House', dem Selangor Club in Kuala Lumpur. Die story ist hier nachzulesen: http://harrier.net/primer/history.html
RamaV 03.07.2007
5. On On for Beer
Es freut mich, endlich mal einen Beitrag in einem deutschsprachigen Magazin zum Thema HHH gefunden zu haben. Seit 2004 bin ich aktiver Hasher und habe seitdem an unzaehligen Laeufen in vielen Laendern Asiens teilgenommen. Die HHH sind aber weit mehr als ein Club von Laeufern. Vor allem sind sie ein Anlaufpunkt fuer Leute, die neu in ein Land kommen und logischerweise nur wenige soziale Kontakte haben. Eigentlich sind die HHH der perfekte Einstieg in ein Laeuferleben. Man nimmt die Sache nicht ganz so ernst, die Geselligkeit kommt nicht zu kurz, die Strecken sind nicht zu lang und am Ende geht sich immer noch ein Bier aus. Sportlerherz was willst Du mehr..? On, on, "Golden Member"
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