Achilles' Verse: Total bielefeldisch, einfach schmerzfrei

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Achim hatte sich in seinem herbstlichen Übermut zu viele Läufe im Frühjahr vorgenommen. Absagen geht nicht, der Gesichtsverlust wäre zu groß. Am Wochenende steht trotz körperlicher Krise der berüchtigte Hermannslauf an. Unser Wunderathlet leidet schon mal vor.

Gestern rief Katharina an. "Watt macht datt Training?", bellte sie mit ostwestfälischer Herzlichkeit in mein Ohr. "Supersupi", log ich. Am Wochenende hatte ich mich über 20,2 oder 19,8 oder vielleicht auch nur 18,9 Kilometer gequält. Tausende von langlaufenden Marathonvorbereitern waren an mir vorbeigefedert. Mir tat alles weh. Unter meinem Gaumen hatte sich eine fensterkittartige Substanz gesammelt, die geschmacksneutral zu sein schien. Meine Zunge lag ja auch seit zwei Stunden lahm. Kam das klebrige Zeug von innen oder über die eingesogene Luft von draußen herein? Beide Möglichkeiten machten mir Angst. Nach diesem Gewaltlauf hatte ich praktisch zwei Tage am Stück geschlafen. Katharina war in dieser Zeit etwa 48 Kilometer gelaufen. Sie ist Ostwestfälin, nicht schnell, aber zäh.

Laufgott Achim: Nur noch ein Schatten seiner Selbst
AFP

Laufgott Achim: Nur noch ein Schatten seiner Selbst

Im letzten Spätherbst hatte sie mich an der Ehre gepackt. "Kommse mit aufn Hermann?", hatte sie keck gefragt,"oder trauste Dich nicht?" Spätherbste sind die Pest. Der Läufer leidet an Morbus Großmaulis. Man nimmt sich vor, das kommende Jahr viel konzentrierter und fleißiger anzugehen, träumt sich einen stolzen Rennkalender zusammen und schickt seine Anmeldungen durch die Welt.

Spätestens im März bereut man dann jede einzelne. "Jo, ähm, nee, klar", hatte ich souverän geantwortet. 24 Stunden später hatte ich per Mail die Anmeldung. Zwei Wochen darauf dann die Mitteilung, dass die Tour de France Ostwestfalens komplett ausgebucht sei. Beim Hermannslauf sind die Berge zwar nicht so hoch wie in den Pyrenäen, dafür gibt es auch keine Fahrräder.

Nächsten Sonntag ist es so weit. Während die Asphalt-Uschis beim Hamburg-Marathon wieder Kindergeburtstag feiern, ziehe ich in die Schlacht vom Teutoburger Wald. Zwar nur 31 Kilometer, dafür mit etwa vier Millionen Höhenmetern, Katharina sowie Sand, Kopfsteinpflaster und Wurzelwerk, das Lahme wie mich ab Kilometer 20 gern mal hinhaut. Dazu wilde Tiere, Wildschweine, Wölfe, Walker.

Noch nie haben ich den Kindern und Mona so viele Krankheiten gewünscht. Nur eine verrotzte, diarrhöerende, fiebernde Familie könnte mich vor dem läuferischen Massaker von Hermann noch retten. Aber meine Sippe machte einen pudelwohlen Eindruck – bis auf mich. Mir tat alles weh. Ich war müde und ausgebrannt. Fühlte sich an wie Übertraining. Konnte es aber beim besten Willen nicht sein. "Also, ich bin echt fit", trötete Katharina durchs Telefon.

Mit ihrer hochfeinen Witterung hatte Mona sofort erschnüffelt, dass das Telefonat nicht dienstlich war. Ich verzog mich mit dem Hörer vom Schlafzimmer ins Kinderzimmer und dann aufs Klo. Alle möglichen Privatsphären werden geschützt. Nur meine nicht. Unter billigsten Vorwänden folgte mir meine Gattin, Sie konnte es nicht ertragen, dass ich mit Katharina das Hobby des Superathletentums teilte.

Mona verdächtigte mich offenkundig triebhafter Tendenzen. Was ein Quatsch. Wer läuft, hat keinen Sex. Vorher nicht, weil es die Form ruiniert, während des Laufes nicht, weil es die Zeit verdirbt. Außerdem sind Tannennadeln in der Laufhose was für masochistische Feinschmecker, die es satt haben, sich mit dem Hammer auf den Daumen zu schlagen. Und nach dem Laufen geht schon gar nichts mehr, weil es eben unmöglich ist. Und dann ist schon wieder der nächste Lauf.

Bis es mir durch Flucht auf unseren Mikro-Balkon endlich gelungen war, meine eifersüchtige Gattin abzuschütteln, hatte mir Katharina in ihrer melodischen Diktion bereits all ihre Trainingsstrecken, –zeiten und –zipperlein aufgezählt, ohne dass ich zugehört hätte. Wenn ich über eine Stärke verfüge, dann die mentale Kraft, die Realität auszublenden. Diesen Hermanns-Lauf musste ich mental laufen, eine andere Chance gab es nicht. "Volle Pulle anfangen, langsam wirste dann von ganz alleine", erläuterte Katharina ihre ausgefeilte Renntaktik, mit der sie mich zu demütigen gedachte. Ich hörte einfach weg.

Ich entschied mich für die Cherusker-Taktik: ohne Hirn, aber mit Herz. So hatte Arminius die Römer verjagt, so stürmt die Arminia stracks zurück in die Zweite Liga, so hatte es Bielefeld in vielen Bereichen bis kurz vor die Weltspitze gebracht. Es war wichtig, sich für das Rennen in die geistige Verfassung eines Bielefelders zu versetzen. In einer Gegend, die Flitzer Ernie, August Oetker, Kai Diekmann und Ingo Oschmann hervorgebracht hatte, in der Herwig Birg und Niklas Luhmann zu Höhenflügen ansetzen, da muss ein mentales Mikroklima herrschen, dass Wunder möglich und die Menschen zugleich schmerzfrei macht. Angst? Was war das noch? Wadenschmerzen? Kenne ich nicht? Der Hermann wird ein Spaß. Ich fühle mich schon total bielefeldisch.

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insgesamt 1475 Beiträge
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1. Thema gestorben?
Paulizei 11.04.2005
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
2. Pillen-Anleitung
seductive 12.04.2005
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
3.
Carmen Cienfuegos 19.04.2005
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
4.
robbatberlin 26.04.2005
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
5. Herzlichen Glückwunsch
Paulizei 26.04.2005
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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