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Achilles' Verse: Trainer unser

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Achim Achilles ist ein rational denkender Mensch. Unser Wunderläufer vertraut auf wissenschaftliche Erkenntnisse und technischen Fortschritt. Hin und wieder aber wird Achim ganz metaphysisch. Dann widmet er sich den fundamentalen Glaubensgrundsätzen.

Die Sportwelt erzitterte in den vergangenen Jahren unter einer zeitlupengleichen radikalen Bewegung: Walking. Gibt es eine Möglichkeit, die Menschheit von dieser Geißel des Waldwegs zu befreien? Aber ja. Wir Läufer müssen predigen, sie bekehren, ihren Glauben stärken, den Glauben an die Kraft ihrer großen weichen Schenkel: Ja, Walker, stehet auf von den Bierbänken am See-Café, werft die Stöcke weg und setzt ganz ohne fremde Hilfe einen Fuß vor den anderen. Und noch einen. Etwas schneller. Ja, sehr gut. Ihr seht: Es geht, jeder kann es schaffen.

Einsamer Läufer: Wunsch nach Aufnahme in die große Gemeinschaft
DPA

Einsamer Läufer: Wunsch nach Aufnahme in die große Gemeinschaft

Und wenn ihr tapfer seid und immer fleißig übt, statt noch mehr Torte zu verdrücken, dann wird es schneller gehen, immer schneller. Und eines Tages wird ein Wunder geschehen und ihr werdet – laufen. Es ist wie Fliegen. So schnell. So schön. So anmutig. Schnallt Eure Trinkgürtel ab und kommt zu uns, den Wahren, den Guten, den Sportlern. Seid Teil der Weltreligion Jogging. Betet zu Johannes, dem Läufer.

Ist doch wahr. Unser Laufsport braucht mehr Pathos, mehr Hingabe, mehr Glauben. Laufen ist wie Gottesdienst, auch immer am Sonntagmorgen. Die Amtskirche hat das Potential nur noch nicht entdeckt. Seit Jahrzehnten beschweren sich die Schwarzkittel darüber, dass ihre zerrungsfördernden Holzbänke kalt bleiben, ohne zu merken, dass genau an jenem Sonntag, als die Kirchen plötzlich leer blieben, die Kundschaft draußen einer Ersatzreligion frönten: Die Joggingwelle hatte begonnen. Plötzlich liefen die Menschen am Sonntag um die Kirche herum anstatt hinein.

Statt sich passiv unterhalten zu lassen, hatten die Bürger den Individualismus entdeckt und vergnügten sich selbst. So wurde aus dem Kirchgang ein Waldlauf, aus dem Evangelium ein Trainingsplan und aus dem Vaterunser ein Wadenkrampf. Seither sind Millionen Menschen übergelaufen. Sie sind deswegen nicht weniger gläubig, im Gegenteil: Sie sind religiöse Fanatiker. Als Rosenkranz tragen sie den Brustgurt zur Herzfrequenzmessung, ihre Bibel heißt "Runner’s World", statt Hostien und Wein lassen sie Isostar und Powerbar auf der Zunge zergehen, ihre Götzen heißen Steffy, Dimeo, Wessinghage oder Karraß.

Weltreligion Laufen. Tibetische Lamas laufen, dicke Amis und dünne Afrikaner, Inder, die schon 100 sind und jede Menge Muslime. In Laufschuhen sind alle gleich, ausgesprochen friedfertig, vor allem nach 20 Kilometern, und sie können sich auf den maskulinen Minimalkonsens verständigen, dass Frauen nur laufen sollten, wenn sie Männer nicht überholen. Dschihad gibt es höchstens auf den letzten Metern des Marathons. Dann fließt Blut. Aber nur aus dem Schuh, von den wunden Hackfleischzehen.

Gerade an Feiertagen wie Ostern sollten sich unsere Kirchenfürsten mal überlegen, wie sie den Gottesdienst auf den Waldweg bekommen. Kann doch nicht so schwer sein. Ist ja alles da, was unsere Freunde in Rom reich und mächtig gemacht hat. Der Ablasshandel funktioniert bei den Läufern schon mal prächtig. Wir tragen jedes Jahr Tausende von Euro in die Opferstöcke bei "Karstadt Sport", aus Angst, wir könnten zu langsam sein und in der Hoffnung, mit einer Spende ein paar Hilfsmittel zu bekommen, die unser Tempo verbessern. Statt Aschekreuz bekommen wir drei Streifen.

Unser Kreuzweg ist 42 Kilometer lang. Er führt zwar nicht durch den Staub Jerusalems, aber dafür, viel schlimmer, durch die hinterletzte Kleinstadt. Statt Holzkreuz tragen wir ab Kilometer 30 noch viel schwerer an dem Mann mit dem Hammer im Nacken. Und die Dornenkrone nicht auf dem Kopf, sondern spätestens nach zwei Stunden zwischen den Oberschenkeln, wenn wir mal wieder an der Vaseline gespart haben. Die besonders gläubigen Büßer bluten aus den Brustwarzen. Dafür ist die Fastenzeit aufs ganze Jahr ausgedehnt. Und die Buße auch. Wenn wir nicht gerade bluten, leiden wir beim Tempotraining.

Und abends sinken wir matt und hungrig auf unser Lager und beten still vor uns hin:

Trainer unser, der Du bist am Klemmbrett.
Geheiligt werde Dein Name,
mein Erfolg komme.
Dein Wille geschehe,
im Wald wie auf der Laufbahn.
Unser täglich Endorphin gibt uns heute,
und vergib uns unser Motzgesicht,
so wie wir vergeben Deine illusorischen Zeitvorstellungen.
Und führe uns nicht in den Unterzucker,
sondern erlöse uns von den Krämpfen.
Denn Dein ist die Bestzeit,
die Stoppuhr
und die Excel-Tabelle,
in Ewigkeit.
Die Lahmen.

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Forum - Fitness - Wie laufen Sie denn?
insgesamt 1475 Beiträge
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    Seite 1    
1. Thema gestorben?
Paulizei, 11.04.2005
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
2. Pillen-Anleitung
seductive, 12.04.2005
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
3.
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
4.
robbatberlin 26.04.2005
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
5. Herzlichen Glückwunsch
Paulizei, 26.04.2005
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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