Achilles' Verse: Wahnsinn im Wasser

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Achim kann es nicht fassen: Mona geht regelmäßig zum Sport und kommt gut gelaunt zurück. Da muss was faul sein! Doch seine Sherlock-Holmes-Einlage am Pool führt nur zu einer Einsicht: Am Aquasport kommt diesen Sommer keiner vorbei.

Irgendwas ist faul an der Sache, das spüre ich. Seitdem meine Gattin im Osterurlaub in der Türkei mit einer Horde weiblicher Walrösser jeden Morgen Aqua-Dingsbums gemacht hat, ist sie wie verwandelt. Mona war nie eine große Ausdauerkünstlerin. Pilates, Yoga, Laufen, Reiki, Ikebana – kein Kurs, den sie nicht nach drei Monaten wieder aufgegeben hätte.

Eisbär: Wie Knut über den Beckenrand spähen
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Eisbär: Wie Knut über den Beckenrand spähen

Das spricht für unweibliche Intelligenz: Ziemlich schnell hat sie kapiert, dass jeder Trend letztlich identisch funktioniert. Nämlich genauso wie der letzte. Immer und in allen Sportschuhen gilt: Straff und ausdauernd wird nur, wer sich zumindest ein bisschen anstrengt, dafür aber regelmäßig. Abkürzungen gibt es nicht.

Diesmal allerdings ist alles anders: Mona legt eine völlig untypische Ausdauer an den Tag. Dreimal die Woche fährt sie zum Aqua-Joggen, eine Art Walken im Wasser, was umso lächerlicher ist, weil sich die Damen noch weniger fortbewegen als der gemeine Landwalker. "Mach' erstmal mit, bevor du mäkelst", sagt meine Gattin. Ich niese laut und feucht. Soweit kommt das noch: Im Kinderbecken rumhüpfen, am besten noch mit Schaumstoffnudel zwischen den Beinen und Blümchen-Bademütze auf dem Kopf.

Monas Akribie jedenfalls ist höchst verdächtig. Zwar riecht sie nach der Wassertreterei überzeugend nach jener eigenwilligen Schwimmbadmischung aus Chlor, Kinderpipi und einem Hauch Altmänner-Fußnagel. Aber das kann auch ein Trick sein. Außerdem hat sie auffällig gute Laune danach. Vom Sport hat sie noch nie gute Laune bekommen. Plötzlich lässt sie sogar bereitwillig zu, dass ich ihr dorthin zwicke, wo früher ihre Problemzonen waren. Jetzt ist da Stahl.

Irgendwas stimmt nicht. Es gibt nur eine Erklärung: Sie hat einen Geliebten. Und Wassertreten ist nur der Vorwand, um sich jeden zweiten Tag verkrümeln zu können. Es hilft nichts: Ich werde unauffällig einen Blick ins Schwimmbad werfen müssen, ob die beste Hälfte von allen dort tatsächlich strampelt.

Das Problem: Wie tarnt sich der Privatdetektiv in der Badeanstalt? An meiner markanten Körpersilhouette wird Mona mich sofort erkennen, spätestens aber an meiner Badehose, deren Türkis in vier, fünf Sommern bestimmt wieder angesagt sein wird, sofern es bis dahin nicht ganz ausgewaschen ist. Ich könnte einen Bademantel anlegen, aber der fällt bei diesen Temperaturen erst recht auf. Oder ich spule im Schwimmerbecken ein paar Kilometer ab, was angesichts der nahenden Triathlons sowieso dringend nötig wäre. Wenn ich dann aber fortwährend wie Knut über den Beckenrand ins Nachbarbassin spähe, wird mich die Aqua-Gruppe für einen Spanner halten.

Am vergangenen Freitag stand meine Beobachtungstrategie fest. Ich würde einfach in dem kleinen menschenleeren Schwimmbad-Restaurant "Nixe" einen Kaffee trinken und durch die Scheibe lugen, im Schutz mehrerer staubiger, aber dichter Plastik-Pflanzen. Dummerweise hatte ich Kinderdienst. Egal. Karl würde gerne im Auto bleiben, bestochen mit einem großen Eis. Kleine Hunde halten ja auch Stunden auf dem Rücksitz aus.

Der heiße, dünne Kaffee war noch nicht mal serviert, als ich meine Gattin anmutig ins vier Meter tiefe Sprungbecken hüpfen sah. An den Händen trug sie merkwürdige Handschuhe, im Wasser legte sie einen wulstigen Nierengurt an. Es waren sogar Männer dabei. Einer hatte sich Spezialschuhe umgeschnallt, mit denen man wahrscheinlich Schweißarbeiten unter Wasser erledigen kann. Eine dralle Instruktorin gab Kommandos vom Beckenrand. Mona sah recht geschickt aus, wie sie sich auf der Stelle hielt. Ich hatte genug gesehen. Karl hatte sich inzwischen aus dem Kindersitz befreit und das Eis als Pinsel benutzt. "Alles sauber", krähte er fröhlich. Meine Hände klebten am Lenkrad, durch den Eisfilm auf der Scheibe sah man kaum die Straße.

Wir eilten nach Hause. Plötzlich klingelte das Handy gequält unter einem Klacks von zerlaufenem Eis. Manni aus Münster war dran, atemlos und euphorisch. "Achim, das ist der Hit, das musst Du machen", juchzte er. Er hatte gerade seine dritte Stunde Aqua-Cycling hinter sich. Dabei stehen Spinning-Räder bis zum Lenker im Schwimmbad, erklärte er. "Aha", sagte ich und fühlte mich unendlich altmodisch. Der Wasserwahn nimmt dieses Land offenbar voll in den Griff. Ich überlegte, ob ich mit meinem Rennrad in unsere Badewanne passe. Aquasport muss in diesem Sommer einfach sein.

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