Von Peter Ahrens, Wolfsburg
Für Inka Grings schien der Traum von der Heim-WM schon 2006 beendet zu sein. Bundestrainerin Silvia Neid hatte ihren Job als Bundestrainerin gerade angetreten und verzichtete bei ihrer Planung auf die Dienste der Stürmerin. Es dauerte ganze zwei Jahre, bis Grings wieder ins Nationalteam berufen wurde. Ein Jahr später errang sie bei der Europameisterschaft die Torjägerkrone.
Typisch für Grings, deren Fußballkarriere schon zu diesem Zeitpunkt ein stetes Auf und Ab darstellte.
Im Moment ist sie wieder einmal obenauf. Das war bis vor fünf Tagen noch nicht abzusehen. Die 32-Jährige war entgegen ihrer eigenen Erwartung in den ersten beiden Gruppenspielen der WM gegen Kanada (2:1) und Nigeria (1:0) lediglich Ersatz gewesen. Sie war nur gut genug für ein paar Minuten in der zweiten Halbzeit, in denen sie ihre Möglichkeiten lediglich andeuten konnte.
"Es war nicht leicht für mich in den vergangenen Wochen", sagte sie. Grings hatte fest mit einem Stammplatz im Sturm neben Rekord-Nationalspielerin Birgit Prinz gerechnet. Stattdessen setzte Neid auf die zehn Jahre jüngere Célia Okoyino da Mbabi. Es schien, als würde diese Heim-WM eine weitere Enttäuschung in der persönlichen Turniergeschichte der Inka Grings werden.
Frankreich-Spiel hat für Grings alles geändert
Der vergangene Dienstag hat alles geändert. Seit dem 4:2-Sieg gegen Frankreich, bei dem sie zur Startelf gehörte, ist Grings im Team unumstritten. Nach ihren beiden Toren wurde sie in der Öffentlichkeit flugs zur "Granate Grings" befördert oder als "Goalgetterin vom Dienst" und "Frau mit dem Hammerschuss" geadelt. Die Fifa wählte sie nach dem Spiel zum "Player of the Match". Für das Viertelfinale am Samstag gegen Japan (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist Grings gesetzt.
Die Spielerin selbst hat das plötzliche Hoch relativ gelassen aufgenommen. "Ich will der Mannschaft mit meiner Art zu spielen helfen und den Titel holen. Alles andere, wie etwa Tore von mir, nehme ich gerne mit", hat sie unlängst gesagt.
Grings weiß, dass sie ihren Erfolg auch der Krise ihrer langjährigen Sturmpartnerin Birgit Prinz zu verdanken hat, die für sie weichen musste. Wie es Prinz dabei erging, konnte schließlich keine andere im Team besser nachfühlen als Grings. Die Stürmerin des FCR Duisburg ist ja quasi eine Expertin für die Wechselfälle eines Sportlerlebens.
Schon 1996 absolvierte Grings ihr erstes Länderspiel, trotzdem fehlen gleich mehrere Turniere in ihrer Bilanz. Lediglich 1999 nahm sie an der WM teil. Die EM 2001 musste sie verletzungsbedingt absagen, an der WM-Teilnahme 2003 hinderte sie eine Oberschenkelzerrung. Vor den Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen erlitt sie einen Kreuzbandriss. Damals dachte sie ans Aufhören.
Grings galt als Problemfall im Frauenfußball
Zudem stand sich Grings regelmäßig selbst im Wege, legte sich mit Trainern und Funktionären an. Ihre privaten Beziehungen zu den Duisburger Vereinskolleginnen Martina Voss und Linda Bresonik sorgten für erhebliche Turbulenzen im Verein und in der Nationalmannschaft. Grings galt als Problemfall.
Ein Transfer zum 1. FFC Turbine scheiterte 2006 auch deshalb, weil die Potsdamer Sorge hatten, Grings bringe zu viel Unruhe in die Mannschaft. Als die deutschen Frauen 2007 Weltmeisterinnen wurden, musste Grings sich den Triumph daheim vor dem Fernseher anschauen. Neid war damals noch nicht bereit, die Stürmerin in den Kader zu berufen.
Dagegen steht die einmalige sportliche Bilanz der 32-Jährigen: In 271 Bundesliga-Spielen für den FCR Duisburg hat sie 353 Treffer erzielt, sie war sechsmal Torschützenkönigin der Liga, zweimal Spielerin der Saison. Für ihre 64 Länderspieltore hat sie lediglich 93 Einsätze benötigt. Eine solche Torquote kann keine andere deutsche Nationalspielerin aufweisen.
"Ich bin mittlerweile ruhiger geworden, viel positiver eingestellt als früher", sagt Grings über sich. Tatsächlich hat sie zuletzt nur noch sportlich auf sich aufmerksam gemacht. Im Vorjahr ist sie noch einmal zur Fußballerin des Jahres gekürt worden, zum dritten Mal nach 1999 und 2009.
Grings gehört hinsichtlich Alter und Erfahrung in eine Reihe mit Kerstin Garefrekes, Birgit Prinz, Ariane Hingst oder Nadine Angerer. Man könnte sie die goldene Generation der deutschen Fußballfrauen nennen. Aber im Unterschied zu all den anderen fehlt Grings noch der WM-Titel. "Ich brenne auf dieses Turnier", hat sie gesagt. Sie will ihre letzte Chance nutzen, Weltmeisterin zu werden.
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