Von Christoph Ruf, Augsburg
Um kurz nach 20 Uhr abends brachen im Augsburger Stadion alle Dämme. Menschenmassen strömten nach draußen, hasteten aus der WM-Arena und rannten zu ihren Autos. Nur weg vom Ort des Geschehens.
Was zunächst nach Panik aussah, hatte einen einfachen Grund: Tausende Fußballfans wollten schnell in die nächste Kneipe oder vor den heimischen Fernseher, um das letzte Gruppenspiel der deutschen Frauen gegen Frankreich nicht zu verpassen. Würden sie verlieren und somit als Gruppen-Zweite gegen England spielen? Oder gewinnen und es mit Japan zu tun bekommen?
Zweieinhalb Stunden später stand die Antwort fest: Deutschland wird es nach dem 4:2-Sieg gegen Frankreich am kommenden Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Wolfsburg mit den Japanerinnen zu tun bekommen, die in Augsburg gegen England 0:2 verloren hatten. Ob das allerdings aus deutscher Sicht eine gute Nachricht ist oder nicht, dürften nur die wenigsten der knapp 21.000 Zuschauer mit Bestimmtheit sagen können.
"Haben etwas dreckig gewonnen"
Einerseits hatten sie mit eigenen Augen gesehen, wie die Asiatinnen 90 Minuten lang so prächtig Fußball spielten, dass sich die englische Trainerin fast für das Erreichen des Gruppensieges entschuldigte ("haben etwas dreckig gewonnen") . Andererseits hatten sich die Verliererinnen streckenweise so standhaft geweigert, aufs Tor zu schießen oder ihre wenigen Chancen zu nutzen, dass sie sich über die Niederlage gegen das leidenschaftlich kämpfende und ebenfalls gut organisierte englische Team nicht beschweren durften.
Das taten sie auch nicht. Während sich draußen der Arena-Parkplatz in Rekordgeschwindigkeit leerte, legte Japans Trainer Norio Sasaki bei der Pressekonferenz den Finger in die Wunde - und zwar in die der eigenen Mannschaft: "Wir haben zu oft einen Pass zu viel gespielt, anstatt den Abschluss zu suchen." Darin, dass diese Tatsache und nicht etwa die fußballerische Qualität der spielentscheidende Faktor gewesen war, waren sich Sasaki und seine englische Kollegin Hope Powell einig.
Es war an diesem Abend alles andere als leicht, sich gegen ein Team durchzusetzen, das mit seinen wenigen Torchancen zwar arg fahrlässig umging, ansonsten aber bewies, dass es spielerisch und in Sachen Spielorganisation zu den Ausnahmeerscheinungen dieses so heterogen besetzten Turniers gehört. Die Fehlpassquote bei dieser Weltmeisterschaft liegt bei etwa 40 Prozent. Die der Japanerinnen um Spielführerin Homare Sawa dürfte am Dienstagabend deutlich darunter gelegen haben. Statt Pässen ins Nichts sah man solche in den Rücken der Abwehr - statt langen Bällen in den freien Raum gab es kurze in den Fuß der Mitspielerin.
Verschieben, Pressing, Laufbereitschaft
Dennoch kam der Sieg der Engländerinnen nicht zufällig zustande. Sie machten die Räume eng und verschoben geschickt. Das gefürchtete Kurzpassspiel der Asiatinnen störten sie durch gutes Verschieben, Pressing und viel Laufbereitschaft. Sie taten also das, was auch Deutschland tun sollte, wenn es die Lehren aus dieser hochklassigen Begegnung zieht. "Wir haben das Spiel der Japanerinnen erstickt, sie haben nicht ganz so flüssig gespielt wie gegen Neuseeland oder Mexiko."
Die Engländerinnen haben gezeigt, wie man als physisch robustes, allerdings nicht durchweg filigranes Team spielen muss, wenn man gegen ein technisch überlegenes Team bestehen will.
Silvia Neid wird sich die Aufzeichnung aus Augsburg sicher sehr genau anschauen. An der Entschlossenheit der Japanerinnen sollte sie jedenfalls nicht zweifeln: "Wir nehmen das Spiel heute als positive Erfahrung mit", sagte Norio Sasaki, "wir wollen es immer noch ins Finale der Weltmeisterschaft schaffen." Was ihn da optimistisch stimme? "Wir können das, was wir heute falsch gemacht haben, schnell abstellen." Die deutsche Defensive dürfte inständig hoffen, dass genau das eine Fehleinschätzung ist.
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