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27.01.2001
 

Interview mit Jean Todt

"Ich liebe Michael Schumacher"

Von Alfred Weinzierl

Ferrari-Rennleiter Jean Todt über sein Verhältnis zu Michael Schumacher, italienische Firmenkultur und Betrugsgerüchte.

Todt, Schützling Schumacher: "Er ist ein rational denkender Mensch"
DPA

Todt, Schützling Schumacher: "Er ist ein rational denkender Mensch"

SPIEGEL:

Kurz vor Michael Schumachers erster Testfahrt im neuen Jahr hat eine Nachricht die Ferrari-Gemeinde aufgeschreckt: Sollte der Deutsche 2001 den Weltmeistertitel verteidigen, könnte er seinen Vertrag mit dem Rennstall vorzeitig lösen. Stimmt das?

Todt: Das ist Unsinn. Michael hat einen Kontrakt bis 2002. Sicher gibt es beiderseitige Klauseln. Aber der Vertrag ist sehr fest.

SPIEGEL: Nach Siegen sieht man Sie und Schumacher in inniger Umarmung. Warum betont er immer wieder, dass seine Arbeit bei Ferrari ohne Sie nicht denkbar sei?

Todt: Ich liebe Michael, wir arbeiten phantastisch zusammen und pflegen eine für dieses Metier ungewöhnliche Freundschaft. Aber er ist ein rational denkender Mensch. Er weiß, was ich leiste, und er weiß, was die anderen leisten. Ich kann kein Problem mit dem Motor lösen, dafür gibt es unsere Ingenieure. Ich habe nur eine Organisationsstruktur geschaffen, die funktioniert. Insofern bin ich für Michael wie eine Garantie, dass die Dinge nicht aus der Bahn laufen.

SPIEGEL: Deshalb haben Sie Ihrem Personal ein preußisch anmutendes Pflichtbewusstsein eingeimpft?

Todt: Man kann nicht arbeiten in einem schmutzigen oder unaufgeräumten Büro, und ich hasse Zigarettenstummel auf dem Fußboden. Als ich antrat, habe ich den Leuten erklärt, dass an einem Grand-Prix-Wochenende nicht nur das Auto in bestmöglicher Verfassung sein muss, sondern auch die Mechaniker. Das bedeutet: kein Alkohol, sauberes Hemd, frische Rasur. Bei den Dreitagebärten habe ich Konzessionen machen müssen. Ich habe eingesehen, dass die italienische Mentalität eine besondere ist und es wichtigere Dinge gibt, für die man seine Prinzipien aufrecht erhalten muss als das tägliche Rasieren.

SPIEGEL: Der Tugendwächter Todt und der Pedant Schumacher ­ wie verkraften die Italiener diesen Kulturschock?

Todt: Michael ist eine Respektsperson. In der Öffentlichkeit ist er ein kühler, introvertierter Mensch, der selten lächelt. Wenn er mit den Mechanikern zusammen ist, spürt jeder, dass er gern dabei ist. Er ist offen, diskutiert mit ihnen, nimmt sie ernst, geht mit ihnen essen.

SPIEGEL: Wie ist sein Ton, wenn er den Mechanikern und Ingenieuren erklärt, was sie tun sollen?

Todt: Er ist bestimmt, aber immer freundlich. Er benutzt nie negative Wörter, verliert nie die Fassung. Er ist sehr nüchtern, fragt eine Menge.

SPIEGEL: Schumacher ist der Boss?

Fiat-Boss Gianni Agnelli, Todt: "Ich habe eingesehen, dass die italienische Mentalität eine besondere ist"
AP

Fiat-Boss Gianni Agnelli, Todt: "Ich habe eingesehen, dass die italienische Mentalität eine besondere ist"

Todt: Nein. Er war zuletzt zwei Monate nicht mehr in der Fabrik ­ bis auf einmal, da kam er zum Weihnachtsessen. Aber er ruft oft an, konnte kaum erwarten, das neue Auto zu sehen. Er ruft den Chefdesigner an, den Motoreningenieur, will alles genau wissen. Das ist seine Art, den Team Spirit zu verbessern. Er überträgt damit seine Motivation auf die anderen.

SPIEGEL: Nach Schumachers Siegen wirkt sein "Dank ans Team" inzwischen wie eine routinierte Floskel.

Todt: Michael ist der beste Fahrer. Eine schnelle Runde gelingt etlichen Piloten, doch ein komplettes Rennen konstant am Limit zu fahren, das beherrscht keiner wie er. Aber wenn das Team ihn eine Runde zu früh oder zu spät zum Boxenstopp ruft, kann das über Sieg oder Niederlage entscheiden, da mag er Gas geben, wie er will. Die Formel 1 ist ein Teamsport. Michael weiß das. Mit ihm haben wir dreimal die Weltmeisterschaft knapp verloren, aus verschiedenen Gründen. Es hat nie einen Vorwurf gegeben. Wir haben gemeinsam viel durchgemacht, das schweißt zusammen.

SPIEGEL: Gemeinhin gilt das Grand-Prix-Gewerbe als kaltes Business und extreme Ellbogengesellschaft ­ und Sie predigen menschliche Werte?

Todt: Sehen Sie: Ich bin hier manchmal Arzt, manchmal Feuerwehrmann. Aber vor allem bin ich der General Manager, der die richtigen Leute auswählen, überzeugen und einsetzen muss. Ich habe die Situation zu schaffen, dass sie ihren Job gut machen können. Wenn wir unsere Ziele erreichen wollen, müssen die Mitarbeiter glücklich sein. Wenn sie von frühmorgens bis in die Nacht arbeiten sollen, dann muss die Atmosphäre angenehm sein.

SPIEGEL: Schumacher sagte einmal, er sei der Meinung gewesen, "dass Seriosität und Ehrlichkeit in der Formel 1 nicht vorhanden sind ­ bis ich Jean Todt kennen gelernt habe". Hat Sie diese Aussage irritiert?

Todt: Ich finde es traurig. Höflichkeit und Respekt sind für mich Grundwerte. Ich bin hier für 600 Mitarbeiter verantwortlich. Ich habe nicht jeden Namen im Kopf, aber ich kenne jedes Gesicht. Denn alle sind durch mein Büro gegangen. Jeder Neue kommt zu mir: vor der Vertragsunterzeichnung und in der ersten Arbeitswoche. Alle wichtigen Entscheidungen werden durch mich verkündet. Keiner soll glauben, dass ich von manchen Dingen nichts weiß.

SPIEGEL: Sie tragen auch nach außen die Verantwortung, vor allem für Niederlagen. Wie gehen Sie damit um, dass allenfalls der Kopf des italienischen Fußballnationaltrainers öfter gefordert wird als Ihrer?

Todt: Was von außen, etwa über die Medien, herangetragen wird, das hat keine Priorität für mich. Ich verbringe verdammt viele Stunden in diesem Büro, gestern ging es bis Mitternacht. Heute zum Mittagessen gab es Marmeladenbrot und eine Tasse Tee. Ich gebe mich meinem Job hin, ich glaube an das, was wir tun. Und ich bin stolz darauf, über sieben Jahre auf diesem Stuhl überlebt zu haben.

SPIEGEL: Wären Sie heute noch Rennleiter, wenn Schumacher den Titel im vergangenen Oktober nicht gewonnen hätte?

Jean Todt: "Was von außen, etwa über die Medien, herangetragen wird, das hat keine Priorität für mich"
REUTERS

Jean Todt: "Was von außen, etwa über die Medien, herangetragen wird, das hat keine Priorität für mich"

Todt: Ehrlich gesagt: Ich bin nicht sicher. Es gab viel Druck von außen, vor allem als 1999 in Malaysia unser Luftleitblech nicht regelkonform schien. Aber wo war Ferrari, als ich anfing? Ich habe eine Menge auf den Weg gebracht. Ich habe die Leute ausgesucht, die den Aufschwung verursacht haben: Ross Brawn, den Technischen Direktor, Rory Byrne, den Konstrukteur, Schumacher und einige mehr. Und wo ist Ferrari jetzt? Wir konkurrieren seit vier Jahren um den Titel.

SPIEGEL: Mit dem ersten WM-Triumph seit 21 Jahren ist Ihre Mission eigentlich beendet. Haben Sie neue Ziele?

Todt: Ferrari ist so eine große Herausforderung, da kann man zweimal dasselbe Ziel haben. Wir sind schließlich immer noch der einzige Rennstall, der Auto und Motor baut. Und solange das Team zusammenhält, fühle ich keine Veranlassung zu gehen.

SPIEGEL: Mitte Februar wird wohl beschlossen, ab dem Grand Prix von Spanien die so genannte Traktionskontrolle in den Rennwagen wieder zuzulassen. Eine Elektronik wird dann das Durchdrehen der Antriebsräder verhindern. Eine gute Entscheidung?

Todt: Nicht gut, aber notwendig. Persönlich bin ich gegen jede Art von Fahrhilfen. Es soll schließlich ein Sport sein, die Fähigkeiten eines Menschen sollen den Unterschied ausmachen. Ein Auto zu beherrschen, das bei 800 PS nur 500 Kilo wiegt, muss eine Kunst bleiben. Trotzdem sehe ich keine Alternative: Wir müssen die Traktionskontrolle zulassen ­ denn ob sie in der Software des Autos drinsteckt oder nicht, ist kaum nachprüfbar. Die Freigabe verhindert wenigstens die Verdächtigungen.

SPIEGEL: Die beiden letzten Saisons waren mithin von Betrug geprägt?

Todt: Ich weiß es nicht. Ich will und kann hier keine Klage führen. Ich weiß nur, dass einiges passiert ist, was demnächst nicht mehr passieren wird.

SPIEGEL: Auch Ferrari wurde vorgehalten ­ unter anderem von McLaren-Mercedes ­, mit irregulären Rennwagen gefahren zu sein. Sie haben einigen Teamchefs daraufhin wegen fortgeschrittener Paranoia den Weg zum Psychiater empfohlen.

Todt: Das stimmt. Ich finde es erbärmlich, wenn für den Misserfolg Ausflüchte präsentiert werden, die den Sieger diskreditieren. Man muss auch mal einsehen, dass ein anderer schlicht besser war. Ich habe eine Menge Respekt vor McLaren. Sie sind wahnsinnig gut und in gewissen Dingen besser als wir. Was hätte ich davon, wenn ich behaupten würde, McLaren betrügt? Erstens glaube ich nicht daran, zweitens macht es mein eigenes Auto nicht schneller, und drittens ist es doch die beste Motivation, die Nummer eins mit noch mehr Energie, noch mehr Einsatz zu besiegen.

SPIEGEL: Sehen Sie sich als Außenseiter in dieser egomanischen Welt der Formel 1?

Todt: Das wahre Leben spielt sich hier in meinem Büro ab. An der Rennstrecke gibt es zu viele, die den Boden unter den Füßen verloren haben. Die tun mir Leid. Ich meide dieses glamouröse Getue. Bei einem Grand Prix bewege ich mich nur zwischen Ferrari-Box, Motorhome und Hotel.

SPIEGEL: Während des Qualifikationstrainings und des Rennens wirken Sie extrem angespannt. Leiden Sie wirklich so?

Todt: Die letzten 15 Minuten des Qualifying sind schlimm. Die Anspannung ist oft so groß, dass ich mit dem Atmen aus dem Rhythmus komme.

SPIEGEL: Was empfinden Sie dann?

Todt: Machtlosigkeit.

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