Von Stephan Gröne
Der eigentlich viel zu enge Stadtkurs von Monaco ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten, eine Art "Jurassic Park" der Formel 1. Das einzige Rennen, das ohne Auslaufzonen auf stinknormalem Straßenasphalt über Stock und Kanaldeckel führt. Vor den Augen der zahlreichen Prominenten, die oftmals gelangweilt ihre Kristallkelche schwenken, reiht sich die Karawane normalerweise nach dem Start schnell hintereinander ein, um prozessionsartig die 78 Runden bis ins Ziel abzuspulen. Überholmanöver sind mangels Gelegenheit und Platz so gut wie ausgeschlossen.
Es sei denn, es regnet. So wie bei diesem sechsten WM-Lauf 2008. Dann bekommt die Formel 1 das größte Spektakel des Jahres beschert und die Zuschauer reiben sich verwundert die Augen. Wegen der großen Reifen- und Strategielotterie wird der Fahrer plötzlich wieder wichtiger als das Auto, der menschliche Faktor sorgt für nicht zu berechnendes Chaos.
Bei der diesjährigen Auslosung zogen überraschenderweise ausgerechnet die sieggewohnten Ferraris eine Niete nach der anderen und verlängerten trotz der ersten Doppel-Pole in Monaco seit 1979 die schwarze Serie im Fürstentum. Seit dem Erfolg von Michael Schumacher 2001 hat kein Ferrari-Pilot mehr in Monaco gewonnen.
Ganz böse erwischte es den amtierenden Weltmeister Kimi Räikkönen. Nach verschlafenem Start musste er eine zusätzliche Boxendurchfahrt einschieben, da die schlampige Ferrari-Crew seine Reifen nicht früh genug montiert hatte. Dazu addierte er nach und nach eine ganze Reihe eigener Fahrfehler, die kurz vor Schluss im Abschuss Adrian Sutils im Force India gipfelten, dem bis dahin vielleicht besten Fahrer des Tages.
Dadurch blieb der Finne zum ersten Mal seit zwölf Rennen ohne Punkte und verlor zusätzlich seine WM-Führung. Teamkollege Felipe Massa kam mit den Bedingungen zwar deutlich besser zurecht, eine falsche Taktik vermasselte aber auch seine Siegchancen.
Bei den nicht absehbaren Wetterverhältnissen setzten die Italiener zu früh auf eine Ein-Stopp-Strategie. Dass dies keine gute Idee war, gab Massa nach dem Rennen offen zu: "Das war der größte Fehler, den wir machen konnten." Der bis dato souverän führende Brasilianer wurde aufgrund seines voll getankten und dadurch viel zu schweren Autos auf Rang drei durchgereicht.
Die großen Profiteure des Ferrari-Debakels waren die Silberpfeile. Nach vier Pleiten in Folge und einem eher mittelmäßigen Qualifying steht McLaren dank einer couragierten Vorstellung von Lewis Hamilton endlich wieder ganz oben in den Siegerlisten. Obwohl auch der Brite nicht völlig fehlerlos durch das Regenchaos pflügte.
Aber er hatte ganz tief in den Glückstopf gegriffen. Ein eigens verschuldeter Reifenschaden zwang ihn zwar früh in die Box, machte ihn allerdings zu einem Zeitpunkt leicht und schnell, als die Strecke abtrocknete und halbwegs reguläre Bedingungen herrschten.
In dieser Phase zeigte Hamilton sein enormes fahrerisches Geschick und setzte sich mühelos von Massa und dem späteren Zweiten Robert Kubica (BMW) ab. Selbst eine zweite Safety-Car-Phase kurz vor Rennende konnte seinen Triumphzug nicht mehr aufhalten. Überschwänglich ließ er sich von seinem Vater, Bruder und Team feiern. "Dies muss der Höhepunkt meiner Karriere sein und ich bin mir sicher, dass dies das Highlight für den Rest meines Lebens sein wird", siedelte Hamilton seinen sechsten WM-Sieg ganz oben an.
Während die Glücklichen feierten, leckten die Pechvögel des Chaosrennens ihre Wunden. Und die kamen bis auf Sebastian Vettel, der im Toro Rosso als Fünfter sein zweitbestes Karriere-Resultat einfuhr, fast alle aus Deutschland. Allen voran der schon erwähnte Sutil. Endlich einmal konnte der Pianist seine Feinfühligkeit auch am Steuer beweisen und brillierte mit dem besten Händchen auf rutschigem Asphalt.
Vom 19. Platz gestartet, hatte er sich kurz vor Schluss bis auf den vierten vorgearbeitet. Dann rauschte ihm Routinier Räikkönen ins Heck und der Traum war beendet. "Meine Enttäuschung ist riesengroß. Es war wie ein Alptraum, den man nicht glaubt. Dieses Rennen war schon ein großer Erfolg. Aber am Ende einfach nur traurig", so Sutil.
Ähnlich geknickt schlich Nick Heidfeld von dannen, denn auch er hatte unter den ungewohnten Fehlern eines Routiniers zu leiden. Fernando Alonso (Renault) schob ihn unsanft von der Strecke und beendete seine Aufholjagd. Nach einem zusätzlichen Boxenstopp konnte Heidfeld seinen BMW zwar ins Ziel bringen, sah aber als Letzter die karierte Flagge. Zwei Plätze hinter Timo Glock (Toyota), der heillos überfordert säckeweise Lehrgeld zahlte. Im internen Duell gegen Kubica, der schon im Qualifying mit 6:0 der deutlich stärkere Fahrer ist, verliert Heidfeld nun auch noch nach WM-Punkten den Anschluss.
Glück im Unglück hatte Nico Rosberg im Williams. Der war nach guten Trainingsleistungen als heimlicher Favorit ins Rennen gegangen, verlor aber bei seinem Heim-Grand-Prix schon in der hektischen Anfangsphase zweimal seinen Frontflügel. Aussichtslos zurückliegend zeigte er zwischenzeitlich ein paar superschnelle Runden, ehe er mit einem spektakulären Crash nicht nur seinem Vater Keke den Atem stocken ließ. Anscheinend unverletzt stieg er aus dem übrig gebliebenen Haufen Hightech-Schrott und darf nun hoffen, dass beim nächsten Rennen in Kanada die deutsche Pannenserie endlich vorüber ist.
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