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02.11.2008
 

Formel-1-Drama

Hamilton rast in letzter Minute zum WM-Sieg

Von Jörg Schallenberg

Spektakulärer Formel-1-Showdown in Sâo Paulo: Kurz vor dem Ziel schien McLaren-Mercedes-Pilot Lewis Hamilton den sicher geglaubten Weltmeistertitel verloren zu haben - wegen Sebastian Vettel. Dann rettete ihn ein Manöver in der letzten Runde, Felipe Massa unterlag mit nur einem Punkt Differenz.

Hamburg - Mehr Dramatik ging nicht.

Eigentlich sah alles nach einem langweiligen Finale der Formel-1-Saison 2008 aus. Bis zur vorletzten der 71 Runden auf dem Rennkurs von São Paulo lag Ferrari-Pilot Felipe Massa vorn und Titelkonkurrent Lewis Hamilton auf dem fünften Platz. Das war exakt jene Konstellation, die dem Briten den WM-Titel mit einem Punkt Vorsprung sichern würde.

Doch dann passierte es: Nachdem die meisten Fahrer wegen einsetzenden Regens die Reifen gewechselt hatten, zog in der 70. Runde plötzlich Sebastian Vettel im Toro Rosso an Hamilton vorbei.

In diesem Moment hatte Hamilton die Weltmeisterschaft verloren - denn bei Punktgleichheit hätte die größere Anzahl an Siegen den Ausschlag für den Brasilianer Massa gegeben. Die 100.000 Zuschauer an der Piste begannen nach Vettels spektakulärer Aktion schon zu jubeln. Massa fuhr kurz darauf als Tagessieger über die Ziellinie. In der Ferrari-Box fielen sich schon alle Mitarbeiter in die Arme - sie glaubten, auch den Weltmeistertitel sicher zu haben.

Doch auf den letzten Metern kippte das Rennen erneut.

Zwar hatte Hamilton keine Chance mehr, den überragenden Vettel zu stellen. Doch dann zogen beide Piloten mühelos an Timo Glock im Toyota vorbei - der auf Trockenreifen gesetzt hatte und jetzt offenbar nicht mehr dagegenhalten konnte. Hamilton eroberte sich fast mühelos den fünften Rang zurück. Da hatte er die Weltmeisterschaft wieder gewonnen.

McLaren-Mercedes-Teamchef Ron Dennis erklärte nach dem Rennen: "Wir hatten Lewis über Funk gesagt: Glock ist das Ziel! Glock musst du packen!" Hamilton verstand die Botschaft.

Nach der Zieldurchfahrt rannte er völlig ausgelassen zu seinem Vater und seinem Bruder, die während des Rennens in der Box der Silberpfeile mitgezittert hatten. Das Publikum pfiff den Briten minutenlang aus. "Ich glaube, ich habe es noch gar nicht richtig begriffen. Das war das intensivste Rennen meines Lebens. Ich bedanke mich bei meinem Team und allen meinen Freunden. Ich war in der letzten Runde kurz davor, durchzudrehen. Es ist ein Traum", sagte Hamilton später.

Massa blieb dagegen minutenlang wie benommen in seinem Wagen sitzen - bei der Siegerehrung hatte er Tränen in den Augen. Als er sich wieder gefasst hatte, sagte er: "Es war ein perfektes Rennen trotz des schwierigen Wetters zu Anfang und zum Ende. Ich bin sehr stolz auf das Rennen, das Team und die Leute an der Strecke. Wir haben keinen Fehler gemacht und dann passiert am Ende so ein Ding, dass Hamilton noch den Glock überholt."

Der deutsche Toyota-Pilot verteidigte sich: "Ich habe das definitiv nicht mit Absicht gemacht, ihn vorbei gelassen oder so. Wir haben gepokert. Ich bin einfach so lange wie möglich auf Trockenreifen draußen geblieben. Ich wusste auch, dass die letzte Runde die schwerste werden würde." Tatsächlich verlor Glock auf den wenigen hundert Metern bis ins Ziel noch sechs Sekunden auf Hamilton.

Der jüngste Weltmeister der Formel-1-Geschichte

Für den unglücklichen Massa ist das kein Trost. 97:98 lautete das Endergebnis der Fahrerwertung. Der eine Punkt Unterschied - er ist es, der dem 27-Jährigen zum WM-Titel fehlte.

Hamilton ist mit 23 der jüngste Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Er holte den ersten Titel für McLaren-Mercedes seit 1999. Ferrari siegte in der Konstrukteurswertung.

Bereits vor Rennbeginn hatte das Wetter Unruhe ausgelöst. Wenige Minuten bevor die Fahrer zur Einführungsrunde starten sollten, entlud sich ein Wolkenbruch über der Piste. Die Rennleitung entschied sofort, den Start abzubrechen, damit die Teams auf Intermediate-Reifen wechseln konnten. Die Unsicherheit im Fahrerlager war greifbar: Weil der Regen kurz darauf aufhörte, der Startbereich schnell abtrocknete, es an manchen Stellen der Piste aber weiter tröpfelte, geriet die Reifenwahl zum Lotteriespiel.

Mit gut zehn Minuten Verspätung ging es dann los. Alle Favoriten starteten vorsichtig. Lediglich auf den hinteren Plätzen löste ein Dreher von Williams-Pilot Kazuki Nakajima Chaos aus: Neben Nelson Piquet jr. (Renault) schied auch David Coulthard im Red Bull aus und musste das letzte Rennen seiner 14-jährigen Formel-1-Karriere schon in der ersten Runde beenden.

Dann entschloss sich Vettel plötzlich zum Angriff

Nach einer kurzen Safety-Car-Phase ging dann der WM-Kampf endlich richtig los. Felipe Massa führte, Lewis Hamilton lag auf Platz vier. Allerdings konnte er nicht auf die Hilfe seines McLaren-Mercedes-Kollegen Heikki Kovalainen hoffen, denn der Finne ließ sich schnell von Sebastian Vettel im Toro Rosso und Renault-Pilot Fernando Alonso überholen.

Nach zehn Runden wechselte Massa von Regen- auf Trockenreifen, Lewis Hamilton kam kurz danach an die Box. Für wenige Runden lag der Brite dann auf Platz sieben - und sein Konkurrent aus Brasilien durfte sich kurzzeitig als Weltmeister fühlen. Doch Hamilton gab sich keine Blöße und fuhr schnell und souverän auf Platz fünf vor.

Vor ihm zog Massa als Führender einsam seine Runden, spätestens ab der Hälfte des Rennens dürfte er nur noch darauf geachtet haben, was sein Titelkonkurrent im Silberpfeil machte. Ein überragendes Rennen lieferte erneut Vettel, der einen ausgezeichneten Start hinlegte und den Vorjahres-Weltmeister Kimi Räikkönen (Ferrari) ebenso im Kampf um Platz abhängte wie Alonso. Zwischenzeitlich kam der Deutsche bis auf eine Sekunde an Massa heran, fiel dann nach einem Boxenstopp auf Platz sechs zurück - direkt hinter Hamilton.

Dort entschied er plötzlich, den Titelkandidaten doch mal anzugreifen. "Ich wusste gar nicht, auf welcher Position ich lag", sagte der 21-Jährige nach dem Rennen - und lachte. Er wird zu Red Bull wechseln - und gilt bereits heute als Weltmeister von morgen.

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