Hamburg - Das erste und einzige Aufeinandertreffen aller zehn Teams vor dem Saisonstart in zwei Wochen hat in der Frage nach der künftigen Hackordnung für mehr Verwirrung als Erkenntnisse gesorgt. Völlig überraschend fuhr Honda-Nachfolger Brawn GP an den vier Testtagen in Barcelona auf dem Circuit de Catalunya vorneweg. Die Titelaspiranten Ferrari und BMW-Sauber tummelten sich eher im Mittelfeld. Favorit McLaren-Mercedes um Weltmeister Lewis Hamilton stürzte gar ans Ende der Formtabelle.

Brawn-Bolide in Barcelona: "Dann hat keiner eine Chance"
Nun träumt sogar Grand-Prix-Rekordteilnehmer Barrichello vom WM-Titel, der ihm bei Ferrari als Nummer zwei hinter Michael Schumacher verwehrt blieb. "Dieses Auto ist eine Bombe. Das habe ich schon nach dem ersten Tag gespürt", sagte der Brasilianer. Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug urteilte aus der Ferne: "Die sind so gut. Da ist nichts gespielt."
Krisenstimmung bei McLaren: "Wir haben ein Problem"
Das starke Brawn-Debüt lindert bei Mercedes auch den Ärger über die enttäuschende Zwischenbilanz der Silberpfeile. Während mit dem Motorenkunden aus Brackley plötzlich sogar Grand-Prix-Siege winken und auch das ebenfalls mit Mercedes-Aggregaten ausgestattete Force-India-Team einen verbesserten Eindruck hinterließ, kommen die Autos mit dem Silberanstrich nicht auf Touren. Diagnose: Massive Schwierigkeiten mit der Aerodynamik.
"Wir haben ein Problem", hieß es in Barcelona knapp aus dem McLaren-Camp. Dann fielen die Rollläden an den Garagen. Die Fahrer hatten Redeverbot. Doch ihre Gesichter sprachen Bände. Champion Hamilton will sein Glück erzwingen und riskiert Unfälle. Der Brite ist der Crashkönig des Testwinters. Jetzt sollen es abschließende Probefahrten kommende Woche in Jerez richten. "Wir arbeiten rund um die Uhr daran, uns zu verbessern. Aber es kann möglicherweise das erste Saisondrittel vergehen, bevor deutliche Steigerungen möglich sind", erklärte Haug.
Positiv entwickelte sich Nico Rosberg im Williams. Erstmals durfte er in Spanien mit Minimal-Tankfüllung auf die Jagd nach Bestzeiten gehen und etablierte sich hinter den Brawn-Boliden auf Rang zwei. "Ich glaube daran, dass Williams von den neuen Regeln profitiert. Alles beginnt bei Null, und wir konnten nicht mehr schlechter werden", sagte Rosberg.
Offen bleibt, was die Titelaspiranten Ferrari und BMW-Sauber leisten können. Meist experimentierten beide unter Rennbedingungen und wollten dabei feststellen, welchen Einfluss der Einsatz des Hybridantriebs auf den Verschleiß der Hinterreifen hat. Sogar bei BMW, dem größten Verfechter des neuen Energierückgewinnungssystems, ist noch nicht sicher, ob Kers beim Saisonauftakt in Australien zum Einsatz kommt.
Als Geheimfavorit wird Toyota gehandelt. Das in Köln-Marsdorf beheimatete Team beteiligte sich nicht am Wettrennen um Bestzeiten. Jarno Trulli und Timo Glock drehten stur ihre Runden und notierten zufrieden, dass ihr Auto schonender mit den Reifen umgeht als die meisten anderen. Toyota pokert hoch. Als einziges Team baute man ein Auto, das für den Verzicht auf Kers optimiert wurde. "Unseren Berechnungen nach fährt man auf den meisten Strecken ohne Kers schneller", sagte Technikchef Pascal Vasselon. Pilot Glock geht zuversichtlich in seine zweite volle Formel-1-Saison: "Unser Auto ist unter allen Bedingungen schnell."
fpf/dpa
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