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10.09.2010
 

Formel-1-Anhänger Moko

Fan phantastisch

Von Hartmut Lehbrink

In der Formel 1 definiert ein Senegalese den Begriff Fan neu: Moko hat selbst keinen Führerschein, weint vor jedem Start und ist ein optisches Ausrufezeichen. Seit Jahren folgt er dem Zirkus um den Globus, schläft notfalls im Zelt. Schweigen die Motoren, feiert er mit den Rolling Stones.

Er heißt Moko. Nur Moko? Nur Moko! Und dann buchstabiert er das Wort, und gleich am Anfang klingt dabei phonetisch die frohe Kunde "am okay" an, mir geht's bestens.

In der wimmelnden Melange des Formel-1-Paddocks ist Moko der knalligste Farbtupfer, buchstäblich, gewandet in papagenobunt-poppigen Outfits, auf dem Kopf eine lederne Ballonmütze, die seine Rastazöpfchen plattdrückt, an Händen und Unterarmen schier unzählige Ringe. Moko stammt aus dem Senegal, von wo er Mitte der Siebziger mit zarten 13 unter Hinterlassung einer überforderten Mama und vierer namenloser Brüder in Richtung USA ausbüxte. Wie alt er genau ist, irgendwie zeitlos 45, lässt sich angeblich nicht mehr ermitteln. "Bei uns zu Hause führt man über so was nicht Buch", sagt er, "da zählt nur, ob einer vor oder nach dem Regen geboren ist."

Häufig schlägt seine ohnehin laute und hohe Stimme um in einen kratzigen Diskant. Das bedeutet dann so viel wie: "Leute, was ich euch jetzt zu berichten habe, ihr werdet's nicht fassen." Moko befindet sich nicht einfach irgendwo, er findet vielmehr statt, ereignet sich gleichsam unaufhörlich, ein permanentes wandelndes Ausrufezeichen. Gewiss, er sei schon eine ungewöhnliche Erscheinung, ziemlich schrill und extravagant, räumt er ein. Da besteht die Botschaft natürlich nicht zuletzt aus ihrem Überbringer.

Vor allem jedoch ist Moko der chemisch reine Freak, der Fan an sich, dem das Dabeisein im Allerheiligsten dieses Sports ein diebisches Vergnügen bereitet. Manchmal, ganz plötzlich, redet er von sich selbst in der dritten Person Singular, wird ganz zu dem staunenden Kind, das er eigentlich immer geblieben ist: "Unfasslich, dass der kleine Junge aus dem Senegal hier sein darf, zusammen mit all diesen tollen Leuten", frohlockt er dann. Warum Formel 1? "Wenn du das Beste bekommen kannst, wählst du auch das Beste", hat er dazu zu sagen. Die Fahrer, ganz egal ob Sieger oder Verlierer, seien die Gladiatoren von heute, ein Grand Prix richtige Kunst, wie ein Matisse, ein Picasso, ein Modigliani. "Was da passiert, ist pure Magie, geht durch dich durch und macht dir eine Gänsehaut."

Die Küsschen-Küsschen-Gesellschaft macht sich über ihn her

Kurz vor dem Start müsse er immer weinen vor lauter Glück: "Dann ziehe ich mich in irgendeine Ecke zurück und bete für meine 24 Helden, damit sie wieder heil zurückkehren." Er sei Muslim - das Kreuz am Silberkettchen trage er nur als Amulett. Allenthalben, vom Mechaniker bis hin zum Teamchef, macht Moko seine Kardinaltugenden aus, Leidenschaft und Disziplin: "Das sind die Fundamente des Erfolgs." Einen Führerschein, wie sonderbar, hat er nicht, hatte er nie, nicht einmal das Bedürfnis, selbst zu fahren. Was die Wahl seiner Unterkünfte anbelangt, ist er nicht zimperlich, nächtigt notfalls - wie vor zwei Jahren in Hockenheim - in einem Zelt, welches er in seinem kleinen Sturmgepäck mit sich führt. In Spa ein paar Wochen später, da war er echt sauer, haben sie ihm alles geklaut.

Nicht überall ist so viel brüllende Hingabe willkommen. Maria Teresa de Filippis etwa, die kleine Grande Dame des Sports und Vorstandsmitglied in der Grand-Prix-Seniorenvereinigung "Club des Anciens Pilotes", zeigt sich gar zart genervt von Mokos robuster Verehrung. Aber im Allgemeinen ist er wohlgelitten, und so macht sich die Küsschen-Küsschen-Gesellschaft in Bernie Ecclestones absurdem Dorf über Moko her und gibt und empfängt entzückt die drei rituellen Küsse ins Leere. Den Zugang zu der wandernden Gralsburg dieses Sports ermöglichen ihm die Gutmenschen von Ferrari. Seit jeher haben sie aus dem Rahmen fallende Außenseiter liberal unter ihre Fittiche genommen.

Don Sergio Mantovani etwa, einen Modeneser Geistlichen, der sich der Marke und dem Rennsport gleichsam als zweiter Religion verschrieben hatte, oder den am Ende vollkommen immobilen winzigen Greis Silvio Ferri, ein "Hardcore-Tifoso" aus Verona - er konnte noch mit wissendem Grinsen von den Tagen in den Zwanzigern plaudern, in denen Enzo Ferrari selbst Rennen fuhr.

300.000 Flugmeilen per annum

Bereits als Bengel mied Moko die ausgetretenen Pfade, indem er sich nicht vom kollektiven Fußball-Hype in seinem Land einfangen ließ, sondern zum Sechs-Stunden-Rennen von Dakar pilgerte, sich zielstrebig ins Fahrerlager schmuggelte und Piloten wie Claude Ballot-Lena und Carlo Facetti persönlich kennenlernte. Als 1979 Jody Scheckter im Ferrari Champion wurde, war es um Jung-Moko geschehen: "Das schmiss mich um: einer aus Afrika, der es zum Weltmeister gebracht hatte!" Fortan war er in Dijon anzutreffen, in Spa, in Zeltweg, suchte erneut die Nähe seiner Idole. Und Enzo Ferrari erglühte als Zentralgestirn in Mokos Kosmos: "Welch ein Mann! Ohne Enzo wäre die Formel 1 nicht, was sie ist. Diese verhohlene Leidenschaft! Zeit seines Lebens verließ er seinen angestammten Ort nicht, und trotzdem kannte ihn die Welt."

"Leidenschaft" und "Welt", das sind Schlüsselbegriffe aus Mokos Vokabular, zusammen mit "Magie", "Traum", "Faszination" und "unglaublich" - nur der Superlativ tut's. Auch im Winter und zwischen den Rennen zieht er weltweit Augen, Ohren und die geballte Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen auf sich. Wohnhaft und mit Büros in New York und Los Angeles, befindet er sich 300.000 Flugmeilen pro anno auf Reisen, als Fan und dienstlich.

Moko ist in vielerlei Verwendungen für die Luxusmarke Chrome Hearts tätig, als Designer und Promoter, er wirbt etwa für deren ausgefallene Accessoires in Sachen Leder, Schmuck und Möbel. Und wieder findet man ihn im Gefolge und an der Seite der Superstars. Der Umgang mit Elton John, Cher, Eddie Murphy oder Karl Lagerfeld zählt zu seinem Tagesgeschäft. Und mit den Rolling Stones: "Das ist ein anderer Traum, der wahr wurde. Als Junge hörte ich ihre Musik, heute feiere ich mit ihnen." Das Leben ein Traum - vielleicht, mutmaßt Moko, werde er in zehn Jahren von etwas ganz anderem träumen als der Formel 1.

Im Augenblick jedenfalls fiebert er noch dem nächsten Grand Prix entgegen.

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