Alboreto-Unfall Rätselraten über Unglücksursache

Einen Tag nach dem Tod des ehemaligen Formel-1-Fahrers Michele Alboreto bei Testfahrten auf dem EuroSpeedway in der Lausitz kann sein Audi-Team noch nichts über die Gründe für den furchtbaren Unfall sagen.


Das zertrümmerte Auto vom Michele Alboreto
AFP

Das zertrümmerte Auto vom Michele Alboreto

Cottbus - Trauer bei Audi, Bestürzung bei den früheren Weggefährten und viele offene Fragen. Am Tag nach dem tödlichen Unfall des ehemaligen Formel-1-Piloten Michele Alboreto bei Testfahrten mit einem Audi-Sportwagen auf dem EuroSpeedway Lausitz steht die Motorsportwelt noch unter Schock.

"Das ist ein tragischer Unglücksfall. Ich war geschockt, als ich davon hörte. Meine Gedanken sind bei seiner Familie", sagte Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher vor dem Großen Preis von Spanien in Barcelona.

"Einer der größten Rennfahrer der achtziger Jahre"

BMW-Motorsportdirektor Gerhard Berger, der 1987 und 1988 gemeinsam mit Alboreto bei Ferrari aktiv war, erfuhr am Donnerstag vor dem Abflug nach Barcelona vom Tod seines ehemaligen Teamkollegen und war ebenso bestürzt: "Michele wird mir in Erinnerung bleiben als einer der größten Rennfahrer der achtziger Jahre."

Vor Alboreto, der eine Frau und zwei Töchter hinterlässt, waren in diesem Jahr bereits der Porsche-Werksfahrer Bob Wollek aus Frankreich bei einem Fahrradunfall sowie das amerikanische Nascar-Idol Dale Earnhardt in einem Rennen tödlich verunglückt.

Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen

Der Ingolstädter Autokonzern Audi hatte einen Tag nach dem Unglück einen Ingenieur und einen Experten aus der konzerneigenen Unfallforschung an die Rennstrecke südöstlich von Berlin geschickt, um die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Cottbus zu unterstützen, die sowohl das Unfallauto als auch die Leiche Alboretos beschlagnahmt hat. Zudem wurden am Donnerstag die Teammitglieder routinemäßig von der Polizei befragt.

"Ich bedaure, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht mehr sagen können als in unserer ersten Stellungnahme am Mittwochabend. Zum einen wäre es ein Eingriff in ein schwebendes Verfahren, zum anderen haben wir leider auch keine neuen Erkenntnisse über die Unfallursache", sagte Rainer Nistel, für Öffentlichkeitsarbeit zuständiges Audi-Vorstandsmitglied am Tag nach dem fatalen Unfall.

Abflug über die Leitplanken


Die Ingolstädter hatten seit Montag auf der 11,3 Kilometer langen Teststrecke am EuroSpeedway Lausitz private Hochgeschwindigkeits- und Aerodynamiktests für das 24-Stunden-Rennen am 17. und 18. Juni in Le Mans durchgeführt. Dabei hatte am Mittwoch gegen 17.30 Uhr Alboreto die Kontrolle über seinen offenen Audi R8 verloren.

Nach Aussage eines Streckenpostens, dem wohl einzigen Augenzeugen, sei das Auto plötzlich nach rechts abgebogen, aufgestiegen, über eine Dreifach-Leitplanke hinweggeflogen und habe sich dabei mehrmals überschlagen. Der offene Rennwagen prallte hinter den Leitschienen auf einem Erdwall auf.

Michele Alboreto umringt von Motorsportfans
REUTERS

Michele Alboreto umringt von Motorsportfans

Laut EuroSpeedway-Geschäftsführer Hans-Jörg Fischer war ein an Start und Ziel platzierter Krankenwagen mit Rettungspersonal nach rund zwei Minuten an der Unfallstelle. Ein sofort angeforderter Hubschrauber traf nach weiteren drei Minuten vor Ort ein. Nach Aussage der Rettungsärzte hatte Alboreto allerdings keine Überlebenschance. Die Obduktion am Donnerstag ergab nach Aussage von Oberstaatsanwältin Petra Hertwig, dass der Italiener an den Unfallfolgen, und nicht vielleicht durch eine Herzinfarkt oder eine ähnliche Erkrankung starb.

"Der liebe Gott hat wieder einmal Schicksal gespielt"


Fischer betont, dass der Unfall nichts mit dem Streckenverlauf zu tun hatte und glaubt: "Dieser Abflug hätte auch auf jeder anderen Rennstrecke der Welt passieren können. Wir sind natürlich tief betroffen und bestürzt, wie der liebe Gott wieder einmal mit dem Schicksal gespielt hat. In Gedenken an den großartigen und beliebten Sportler werden wir diesen Streckenabschnitt in Michele-Alboreto-Gerade umbenennen."

Der 310 Millionen Mark teure EuroSpeedway Lausitz, der ein Trioval, einen darin integrierten Straßenkurs sowie die Industrie-Teststrecke umfasst, war im August 2000 eröffnet worden und gilt als eine der sichersten Rennstrecken der Welt. Am 15. September wird im Oval erstmals die US-Cart-Serie, das US-Pendant zur Formel 1, ein Rennen in Europa absolvieren.



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