Chaos in Indianapolis Schumacher gewinnt Boykottrennen

Der US-Grand-Prix war eine Farce. Die Michelin-Teams verzichteten aus Sicherheitsgründen auf die Teilnahme. Die Fia hatte verboten, die Autos straflos mit neuen Reifen auszustatten. Von sechs gestarteten Fahrern war Michael Schumacher der schnellste. Trotz des Sieges wollte keine Freude aufkommen.


Siegreicher Schumacher (r.) und Ferrari-Kollege Barrichello: "Wir müssen uns keiner Schuld bewusst sein"
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Siegreicher Schumacher (r.) und Ferrari-Kollege Barrichello: "Wir müssen uns keiner Schuld bewusst sein"

Indianapolis - Teams und Fia hatten sich trotz stundenlanger Diskussionen nicht auf einen Kompromiss einigen können. Michelin ("Wir konnten den Fehler einfach nicht finden") wollte für seine Reifen keine Garantie übernehmen. Die Pneus würden nur zehn Runden mit Vollgas überstehen, hieß es. Die Fia-Regeln verbieten es jedoch, Reifen zu verwenden, die nicht bereits in der Qualifikation eingesetzt wurden. So hätten die in der Nacht extra aus Europa eingeflogenen Ersatzreifen nicht straflos eingesetzt werden dürfen.Der Technische Fia-Direktor Charlie Whiting hatte heute Morgen Michelin und die Teams schriftlich darüber informiert, dass der Reifenwechsel ein Regelverstoß wäre und von den Rennkommissaren geahndet würde. "Wir denken, dass die Strafe nicht ein Rennausschluss, aber so schwerwiegend wäre, um sicherzustellen, dass kein Team dazu verleitet würde, in Zukunft Qualifikationsreifen einzusetzen", erklärte Whiting.Deshalb starteten in Indianapolis nur die Bridgestone-Teams. Es fuhren Rekordweltmeister Michael Schumacher, dessen Ferrari-Teamkollege Rubens Barrichello, die Jordan-Piloten Narain Karthikeyan (Indien) und Tiago Monteiro (Portugal) sowie die Minardi-Fahrer Christijan Albers (Niederlande) und Patrick Friesacher (Österreich). Nach 73 Runden lag Schumacher vor Barrichello.

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Grand Prix der USA: Aufruhr an der Rennstrecke

Für den Deutschen, der acht Monate lang nicht gewinnen konnte, war es der erste Sieg in dieser Saison. Als Dritter kam Monteiro ins Ziel. Im Übrigen wäre Schumacher fast mit Barrichello kollidiert, der Brasilianer musste auf die Wiese ausweichen - dieser Crash wäre die Krönung des absurdesten Rennens in der 55-jährigen F1-Geschichte gewesen.

Fan-Protest in Indianapolis: "Schande für die Formel 1"
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"Das ist der größte Witz aller Zeiten. Eine Farce, so etwas habe ich noch nicht gesehen", sagte der dreimalige Weltmeister Niki Lauda. "Du kannst den Leuten nicht vorschreiben, was sie tun sollen, wenn ihre Reifenfirma gesagt hat, dass man mit ihren Reifen nicht fahren kann", erklärte F1-Boss Bernie Ecclestone. Zur Zukunft der Formel 1 in den USA und jener von Michelin in der Königsklasse sagt er: "Es sieht nicht gut aus, in beiden Fällen."Die sieben Michelin-Rennställe - Renault, McLaren-Mercedes, BMW-Williams, Toyota, Red Bull, Sauber und BAR-Honda - hatten auf Anraten ihres Reifenherstellers aus Sicherheitsgründen auf den Start verzichtet. Die rund 150.000 Zuschauer am Indianapolis Grand Prix Circuit, die erst gar nicht glauben konnten, was sie da live miterlebten, sorgen für das vermutlich größte Pfeifkonzert in der Geschichte der Formel 1. Viele verließen direkt nach dem Start das Areal.Polizeischutz für Schumacher und Co.Michael Schumacher, der zum vierten Mal in Indianapolis siegte, und seine Kollegen mussten vor den aufgebrachten Zuschauern sogar von der Polizei geschützt werden. Gleich vier Beamte begleiteten den Ferrari-Piloten nach dem Rennen zur Pressekonferenz. "Es war ein Grand Prix der anderen Art. Ich wäre dieses Rennen gerne unter anderen Bedingungen gefahren", sagte Schumacher, der bei der Siegerehrung darauf verzichtet hatte, die sonst übliche Champagner-Dusch-Nummer zu vollziehen. "Ich fühle mit den Fans. Aber Ferrari hat nichts falsch gemacht. Wir müssen uns keiner Schuld bewusst sein", sagte der 36-Jährige. "Wir wollten den Zuschauern ein Rennen bieten. Leider kam es nicht dazu", gab Mercedes-Sportchef Norbert Haug zu.

Starterfeld in Indianapolis: Alles sehr übersichtlich
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"Bis zur Einfahrt in die Startaufstellung haben wir auf eine Lösung gehofft. Wenn ich die Entscheidung selbst hätte treffen können, wäre ich gefahren. Rennsport ist immer gefährlich. Aber letztlich muss ich die Entscheidung von meinem Team und vom Reifen-Hersteller akzeptieren", sagte David Coulthard (Red Bull). Anderer Ansicht war Mark Webber von BMW-Williams: "Wäre es meine Entscheidung gewesen, wäre ich hier auch nicht gefahren. Es war hier einfach nicht sicher genug.""Es ist uns nichts anderes übrig geblieben, als nicht zu starten", sagte Red Bulls Sportdirektor Helmut Marko, "das ist das Schlechteste, was passieren konnte. Es ist nicht auszuschließen, dass das das Ende der Formel 1 in den USA bedeutet." Von einem "schlechten Tag für die Formel 1" sprach McLaren-Teamchef Ron Dennis: "Es wurde deutlich, welche Probleme wir permanent bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen haben." Die Teams hatten sich nicht auf den kurzfristigen Aufbau einer Schikane aus Sicherheitsgründen vor der Steilkurve einigen können. Ferrari lehnte ab, die beiden anderen Bridgestone-Teams Jordan und Minardi hätten zugestimmt. Michelin hatte Bedenken, dass die Pneus in der überhöhten Kurve nicht halten würden. An dieser Stelle hatte Toyota-Pilot Ralf Schumacher am Freitag im Freien Training nach einem Reifenschaden einen schweren Unfall.

Pole-Fahrer Trulli: "Bitter für die Formel 1 und den ganzen Sport"
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"Ist ja egal, was wir machen. Den Schwarzen Peter kriegen wir immer zugeschoben. Das ist immer so gewesen. Wir haben damit gelernt zu leben", gab sich Michael Schumacher gelassen. "Wir wären auch mit den neuen Reifen gefahren und hätten einen Abzug der Punkte durch die Fia in Kauf genommen. Wir wollten einfach nur für die Fans fahren", so Renault-Teamchef Flavio Briatore, "da ist es doch egal, dass Ferrari die Punkte bekommt.""Es ist eine Schande für die Formel 1. Aber die Situation ließ sich wohl nicht abwenden und es wäre zu gefährlich gewesen", sagte Ralf Schumachers Teamkollege Jarno Trulli, der gestern die Qualifikation gewonnen hatte: "Es ist bitter für die Formel 1 und den ganzen Sport, dass wir heute nicht die erwartete Show bieten konnten. Aber die Analysen haben nunmal gesagt, dass Gefahr besteht.""Es ist frustrierend. Die Fans da draußen haben sich alle auf dieses Rennen gefreut. Es hätte funktioniert, wenn die Schikane gebaut worden wäre. Aber das hat man eben nicht gemacht und wenn die Reifen dann nicht halten, dann kann man eben nicht fahren", sagte der Österreicher Christian Klien (Red Bull).

Michelin-Team McLaren-Mercedes: Früh Feierabend
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Nick Heidfeld von BMW-Williams klagte: "Ich will nur nach Hause. Ich habe keine Lust mehr, mir das Rennen anzuschauen. Natürlich wären wir alle lieber gefahren, aber die Entscheidung von Michelin war richtig. Denn die Sicherheit geht vor. Wir wollten keinen Unfall riskieren, das wäre eine Katastrophe für alle."In der Fahrerwertung führt nach dem 9. von 19 WM-Läufen dieser Saison der Spanier Fernando Alonso (Renault) mit 59 Punkten. Als Zweiter folgt der McLaren-Pilot Kimi Räikkönen aus Finnland, der 37 Zähler auf seinem Konto hat. Weltmeister Michael Schumacher (Ferrari) belegt mit 34 Punkten Rang drei. Das nächste Rennen ist am 3. Juli der Große Preis von Frankreich in Magny-Cours.



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