Chaos-Rennen in Ungarn Schumachers kindliche Dummheit

Fernando Alonso war bereits ausgeschieden, doch Michael Schumacher wollte beim Formel-1-Rennen in Budapest zu viel. Der Ferrari-Pilot wurde für seinen aggressiven Fahrstil bestraft. Dennoch kann er sich über einen WM-Punkt freuen.

Von Stephan Gröne


Rennen auf dem Hungaroring sind meist Langweiler. 20 WM-Läufe gab es bisher, zehnmal fuhr der Gewinner der Pole Position zum Sieg. Für Spötter ein Anlass, den Kurs wenig liebevoll in "Hunga-Boring" umzutaufen. Doch was Michael Schumacher, Fernando Alonso und Co. beim diesjährigen Rennen in Budapest ablieferten, war alles andere als langweilig, es war der größte Formel-1-Krimi der vergangenen Jahre.

Den Hauptanteil daran hatte das Wetter. Zum ersten Mal seit fast drei Jahren regnete es wieder an einem Rennsonntag. Das zwang fast alle Fahrer dazu, ihr Auto mit den sogenannten Intermediates (Allwetter-Reifen) zu bestücken und mit dieser Zwischenlösung auf gute Bodenhaftung zu hoffen. Ein Trugschluss von Ferrari, denn diese ging wie allen Bridgestone-Teams auch den Italienern schon nach wenigen Metern flöten.

Schumacher schob sich zwar nach gutem Start von Platz elf auf vier vor, musste dann aber entsetzt feststellen, dass er bei anhaltendem Regen gut drei Sekunden pro Runde auf die Fahrer an der Spitze, allesamt mit Michelin-Gummis unterwegs, verlor. An die hatte sich wunderbarerweise Alonso gesetzt, der von Position 15 gestartet weltmeisterlich auftrumpfte und auf dem Weg durchs Feld auch an Schumacher vorbeizog, obwohl dieser sich trotz deutlicher Unterlegenheit unfairerweise so breit wie nur eben möglich gemacht hatte.

Doch nicht nur bei Alonsos Überholmanöver quengelte Schumacher herum - was Folgen haben sollte. Anfangs verlor er einen Flügel im ebenso chancenlosen Duell mit Giancarlo Fisichellas Renault. Nach einem zusätzlichen Stopp war die Schmach endgültig komplett, als Alonso ihn überrundete.

Ausgerechnet Kimi Räikkönen, heißer Kandidat für eine mögliche Nachfolge von Schumacher bei Ferrari, brachte den Rekordweltmeister zurück ins Geschehen. Der Finne zerbröselte im 100. Grand-Prix seinen McLaren-Mercedes am Hinterrad von Vintantoni Liuzzis Toro Rosso. Durch die resultierende Safety-Car-Phase rundete sich Schumi zurück und war als Siebter wieder in den Punkten - und bei zunehmend trocknender Piste der schnellste Mann im Feld.

Nach Alonsos letztem Boxenstopp schien es vollends Schumachers Tag zu werden. Der langsamer werdende Spanier hatte sich Slicks aufziehen lassen, um noch einmal richtig Gas geben zu können. Doch ausgerechnet die sonst an Perfektion leidende Renault-Crew ließ ihn im Stich und vergaß zwei Reifenmuttern festzuzurren. Die flogen Alonso wenig später um die Ohren und sorgten für den ersten Ausfall des 25-Jährigen in dieser Saison. Dennoch blieb der Weltmeister gelassen: "Beim Stopp hatte ich hinterher sofort das Gefühl, das irgend etwas nicht stimmt. Jetzt gönne ich mir erst einmal eine Pause."

Diese Bierruhe hätte auch Schumacher gebrauchen können. Der musste gegen Rennende eine falsche Ferrari-Strategie ausbaden. Zu früh entschied sich die "Scuderia", auf die Trockenreifen zu verzichten und weiter mit den Intermediates zu fahren. Jenson Button, der als 14. gestartet war, entwischte an der Spitze und brachte den Sieg locker nach Hause. Für ihn der erste nach 114 Rennen, für Honda die Premiere seit dem Wiedereinstieg in die Formel 1. Auf Rang zwei liegend wurde Schumacher immer langsamer und hatte schnell die slickbereifte Konkurrenz im Nacken. Wer glaubte, dass Schumacher nun risikolos auf sichere WM-Punkte setzen würde, sah sich getäuscht.

Der alternde Held nahm die Faust aus der Tasche und gab sein Gehirn ab. Anstatt die späteren Zweiten und Dritten Pedro de la Rosa (McLaren-Mercedes) und Nick Heidfeld (BMW-Sauber) durchzuwinken und zumindest als Vierter fünf Punkte abzusichern, fuhr Schumacher sinnlose Rad-an-Rad-Duelle über Stock und Stein. Diese Sturheit und kinderliche Dummheit zahlt sich allerdings äußerst selten aus.

Schumacher überschätzte sich, drei Runden vor Schluss kam es zur Kollision mit Heidfelds Heck. Doch von Zerknirschtheit beim 37-Jährigen keine Spur: "Das hat mich einige Nerven gekostet. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Das bin nun mal ich wie ich bin. Da wird gekämpft bis zum Schluss."

Dass er am Ende dennoch einen WM-Punkt mitnahm, ist der Disqualifikation von Robert Kubica zu verdanken. Der BMW-Sauber des Polen hatte Untergewicht, und so rückte Schumacher, der zunächst als Neunter gewertet wurde, noch in die Punkteränge.



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