Ecclestones 80. Geburtstag: Schussfahrt durch alle Fettnäpfchen

Er liebt Geld, Macht, Autos und bisweilen die skandalös deutliche Sprache: Bernie Ecclestone, Mastermind der Formel 1, wird 80 Jahre alt - doch wie tickt dieser exzentrische, steinreiche Mann? Hartmut Lehbrink erinnert sich an vier gemeinsame Jahrzehnte mit dem Despoten.

Bernie Ecclestone: Wortkarg und steinreich Fotos
REUTERS

Irgendwie ist Charles Bernard Ecclestone, geboren in St. Peter South Elmham in der englischen Grafschaft Suffolk am 28. Oktober 1930, immer ein Thema. In diesen Tagen haben ihn drei Dinge noch mehr als sonst ins Gespräch gebracht: sein 80. Geburtstag am Donnerstag, das tollkühne Unterfangen, den Grand Prix von Südkorea praktisch auf einer Großbaustelle stattfinden zu lassen, und seine postume Laudatio für Saddam Hussein. Der habe, ließ der nur 1,58 Meter große Pisten-Pate vergangene Woche im "Guardian" verlauten, immerhin den Irak in ein stabileres Gemeinwesen verwandelt.

Seine Ausfälle gegen das demokratische Prinzip, verbunden mit dem treuherzigen Bekenntnis zu effizientem Despotismus, haben bei Bernie Ecclestone Tradition. Seine anerkennenden Worte über des "Führers" Qualitäten Anfang Juli 2009 in der "Times" sind ja noch in bester Erinnerung.

Natürlich werden solche Stepptänze durch die Fettnäpfe aus seiner eigenen Vita gespeist. Das Projekt Formel 1 gehorcht anderen Spielregeln. Wenn der Herrscher über Zigtausende, die oberen Knöpfe seiner blütenweißen Hemden salopp geöffnet, durchs Fahrerlager oder die Startaufstellung wandelt, tut er dies in aller Regel in der erlauchten Gesellschaft von Regierungschefs, Royals und Perlen der Popkultur. Horden von lautlos rückwärts huschenden Fotografen leuchten seine Miene nach Emotionen aus, werden aber selten fündig. Stets umweht den umtriebigen Grand-Prix-Zampano ein Hauch von Mysterium, von ihm selbst bewusst kultiviert.

"Wir sind nicht so etwas wie die Mafia, sondern wir sind die Mafia"

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Frühe Interviews, als er Anfang der Siebziger den just erworbenen Brabham-Rennstall noch in Sidcup im südwestlichen Großraum London von einem Büro über einem skandinavischen Möbelhaus aus regierte, verliefen nicht nur für den Verfasser dieser Zeilen ungemein unbefriedigend. Der listig zusammengestellte Fragenkatalog war im Nu aufgebraucht, da Ecclestone immer nur mit einem einsilbigen "Yes" oder "No" antwortete. Später wurde er mitteilsamer, ohne indessen je viel von sich preiszugeben. Der frühere Lotus-Pilot Innes Ireland hatte eine einleuchtende Erklärung dafür: "Ich erinnere mich noch gut an eine Party Mitte der sechziger Jahre im Haus von Graham Hill. Bernie war vergnügt und ausgelassen wie wir alle, ein guter Kumpel. Heute nickt er mir nur noch kalt zu, wenn er mich sieht. Es sind wohl sein Geld und seine Macht, die ihn unansprechbar gemacht haben."

Scheidung in 58 Sekunden

Ecclestone hat die Königskaste des Rennsports mit eiserner Faust zu dem gemacht, was sie heute ist: eine straff geführte Organisation, die das Produkt Tempo perfekt vermarktet. Große historische Machttheoretiker wie Machiavelli oder Clausewitz brauchte er gar nicht zu lesen - er beherrscht ihre Lehren intuitiv. In klugem Zusammenspiel mit Feindfreund und Fia-Präsident Max Mosley formte er die Formel 1 über lange Zeit nach seinem Willen. Manche Beobachter nannten das Bündnis der beiden einen Mephisto/Mephisto-Pakt. Mosley stolperte voriges Jahr bekanntlich über eine Sex-Affäre, aber Ecclestone kommt schon alleine klar. Fast schon ritualisiert: die Drohung der bis 2009 noch reichlich involvierten Hersteller, eine Parallel-Serie zu inszenieren, wenn ihnen vor allem Bernies Finanzpolitik nicht behagte. Sie nötigte ihm immer nur ein müdes Lächeln und ein minimales Entgegenkommen ab.

Ebenfalls vergebliche Liebesmüh: die Sorge darum, wer ihn denn nun eines Tages ersetzen soll. Hochgehandelten potentiellen Nachfolgern wie Flavio Briatore oder dem monegassischen Banker mit Ferrari- und Fia-Vergangenheit, Marco Piccinini, war bislang ein ähnliches Los beschieden wie Prince Charles oder CDU-Kronprinzen unter Helmut Kohl - die Amtsinhaber saßen und sitzen sie einfach aus. Ecclestone erfreut sich auch durchaus zufriedenstellender Gesundheit. Dass ihm vor zwölf Jahren in Las Vegas ein deutscher Schäferhund die Nasenspitze abbiss, war ja eher eine kosmetische Panne.

Vielleicht ist es ja sein Hygiene-Fimmel, der den bekennenden Nichtraucher und Nichttrinker Mister E. bisher vor ernsteren Krankheiten bewahrt hat. Bei den Ecclestones - voriges Jahr wurde er in einem Akt von 58 Sekunden von seiner Gattin Slavica, mit der er die beiden Töchter Tamara und Petra hat, geschieden - konnte man vom Boden essen.

Bezeichnend: Als er in seiner Brabham-Alfa-Periode einmal im Wohntrakt des Transporters neben einer dampfenden Mahlzeit einen Ansaugstutzen vorfand, pfefferte er ihn wütend durch das halbe Fahrerlager.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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1. Überspitzt:
wurstball 28.10.2010
Für den Wahrgeheitsgehalt folgender Aussage kann ich nicht bürgen, aber er bringt ein gewisses Empfinden auf den Punkt: Ecclestone hat es geschafft, den F1-Zirkus 3x für teures Geld zu verkaufen - ohne dabei auch nur einen Hauch Macht einzubüßen. Und das, obwohl im der Laden nichtmal gehört!
2. Dieser Mann ist im Grunde...
Sapientia 28.10.2010
Zitat von sysopEr liebt Geld, Macht, Autos und bisweilen die skandalös deutliche Sprache: Bernie Ecclestone, Mastermind der Formel 1, wird 80 Jahre alt - doch wie tickt dieser*exzentrische, steinreiche*Mann? Hartmut Lehbrink erinnert sich an vier gemeinsame Jahrzehnte mit dem Despoten. http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,725347,00.html
extrem uninteressant - ein aufgeblasener Gebrauchtwagen-Händler, der mit windigen Geschäften und napoleonischem Gehabe zum Vorteil seines eigenen Bankkontos die Formel 1 zu einem Zirkus gemacht hat, in dem der Sport nur noch eine sklavische Rolle spielt.
3. Aber doch...
ratxi 28.10.2010
Zitat von Sapientiaextrem uninteressant - ein aufgeblasener Gebrauchtwagen-Händler, der mit windigen Geschäften und napoleonischem Gehabe zum Vorteil seines eigenen Bankkontos die Formel 1 zu einem Zirkus gemacht hat, in dem der Sport nur noch eine sklavische Rolle spielt.
...interessant genug, dass darüber gepostet wird. Und Bernie hat, so recht Sie auch haben mögen, einen Zirkus aufgezogen, dessen Faszination Millionen Fans in aller Welt erliegen. Es ist eine Faszination, die z.B. dem klassischen Fussballfan so gut wie nicht zu erklären ist... Wenn Ecci damit seine archaischen Triebe befriedigen kann, sei´s dem Greis gegönnt...
4. Komisch...
Shneedlewoods 28.10.2010
"extrem uninteressant" Sie fanden es aber schon mal so extrem interessant, daß Sie es nicht nur gierig gelesen haben, sondern sich sogar an der Diskussion beteiligen....
5. Wie tickt der Leser?
ohmscher 28.10.2010
Zitat von sysopBernie Ecclestone, Mastermind der Formel 1, wird 80 Jahre alt - doch wie tickt dieser*exzentrische, steinreiche*Mann http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,725347,00.html
Könnte man als Journalist nicht dieses für mich unglaublich hässliche "wie tickt" weglasssen? Mich schüttelt's jedes Mal, wenn ich das lesen muss.
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Zum Autor
C. Lehbrink
Hartmut Lehbrink ist unzählige Sportwagen-, Formel-2-Rennen und um die 400 Große Preise alt. Dazu kommen jährlich zehn bis zwölf weitere Grands Prix. Diese Passion, sagt Lehbrink, ist lebenslänglich und unheilbar wie auch sein Faible für Musik aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seine Frau behauptet steif und fest, er habe das Wort „Ferrari“ häufiger ausgesprochen als den Schlüsselbegriff „Ich“. In den Rückspiegel blickt er ohne Nostalgie: „Früher waren die Dinge nicht schöner, nur anders." Lehbrink hat mehr als 20 Formel-1-Bücher verfasst, die meisten zusammen mit Freund und Fotograf Rainer W. Schlegelmilch. Das letzte – über die sechziger Jahre – wurde im Herbst 2010 in Hamburg vorgestellt: „The Golden Age of Formula 1“.