Bernie Ecclestone erscheint pünktlich. Das so genannte Interviewzimmer in seinem Büro im Londoner Stadtteil Kensington ist schlicht. Ein großer, ovaler Glastisch mit zehn Stühlen füllt den Raum. Der Chefvermarkter der Formel 1 hat ausreichend Zeit für das Interview mit SPIEGEL ONLINE eingeplant. "Wir können über alles reden. Nur nicht über die Sache mit CVC in München. Die Anwälte haben mir geraten, keinen Kommentar abzugeben", sagt der 80-Jährige über die staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen angeblicher Millionen-Zahlungen der BayernLB an Ecclestone und eine ihm nahestehende Firma.
SPIEGEL ONLINE: Herr Ecclestone, die Absage des Großen Preises von Bahrain hat für Schlagzeilen gesorgt. Gibt es Pläne, das Rennen nachzuholen?
Bernie Ecclestone: Dafür muss die Fia erstmal den Rennkalender ändern. Das ist wiederum Sache des Fia-World Councils, der mit seinen Delegierten Mitte März das nächste Mal zusammentrifft. Die Veranstalter von Bahrain müssten dazu noch den entsprechenden Antrag stellen. Ich habe mit Fia-Präsident Jean Todt darüber gesprochen. Wir müssten also im Fall der Fälle eine entsprechende Terminlücke finden. Eine Entscheidung muss aber auf jeden Fall vor Saisonstart fallen.
SPIEGEL ONLINE: Hätte der Bahrain GP früher abgesagt werden müssen?
Ecclestone: Nein, das war nicht möglich. Kurz vor der Krise war der Kronprinz noch mit mir zusammen. Er sprühte vor Ideen über die Zukunft. Und dann, schnapp, ging alles plötzlich los. Es war kaum Zeit zu reagieren. Natürlich brauchten wir um den 21. Februar herum eine Entscheidung. Das sagte ich ihm auch. Er fragte mich daher, was ich an seiner Stelle tun würde: Ich antwortete ihm: "Du bist im Land. Wir sind hier in Europa nicht in der Situation, die Dinge beurteilen zu können. Du musst entscheiden, was Du verantworten kannst, was jetzt das Wichtigste ist für euer Land." Deshalb entschied er dann, das Rennen erst mal abzusagen.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker sagen, die Formel-1-Verantwortlichen, auch die Motorsportbehörde Fia ist damit gemeint, habe sich nicht klar zu den politischen Zuständen in Bahrain geäußert. Wie politisch darf die Formel 1 in Ihren Augen sein?
Ecclestone: Sie darf niemals politisch sein. Besonders dann nicht, wenn es dazu noch um religiöse Konflikte geht. Man muss das so sehen: Meine Aufgabe ist es, für das gesamte Paket Formel 1 die besten Deals auszuhandeln und damit auch Arbeitsplätze zu sichern. Mehr als 5000 Leute haben Jobs, die mittelbar oder unmittelbar mit der Formel 1 zu tun haben. Meine Aufgabe ist es aber nicht, Politik zu machen. Dafür haben wir Politiker.
SPIEGEL ONLINE: Die Teammanager, die für die Logistik verantwortlich sind, halten ein Ersatzrennen für Bahrain aus organisatorischen Gründen nur in Europa für möglich.
Ecclestone: Es ist ganz einfach: Wir brauchen weder ein zusätzliches Rennen in Europa noch sonstwo. Wir brauchen ein Rennen in Bahrain. Wenn der Kronprinz der Meinung ist, dass sein Land wieder in der Lage ist, den Grand Prix auszutragen, wenn also keine Gefahr mehr darstellt, dorthin zu reisen, dann werden wir nach Bahrain zurückkehren.
SPIEGEL ONLINE: Kommen wir zu den sportlichen Aspekten: Eine Frage, die fast jeder gerne beantwortet hätte: Kann Michael Schumacher wieder Rennen und den Titel gewinnen?
Ecclestone: Daran habe ich keine Zweifel. Wenn er ein konkurrenzfähiges Auto hat, wird er ein Titelanwärter sein.
SPIEGEL ONLINE: Es gab in der Geschichte der Formel 1 mit Niki Lauda und Alain Prost aber nur zwei Weltmeister, die nach einem Rücktritt fähig waren, die WM nochmal zu gewinnen.
Ecclestone: Da sehe ich aber Unterschiede. Niki gewann zwei Titel, bevor er zurücktrat, Alain Prost drei. Michael trat aber als siebenmaliger Weltmeister ab. Dazu kommt: Beide, Lauda mit McLaren und Prost mit Williams, starteten ihr Comeback mit absoluten Topteams. Das war bei Mercedes in der vergangenen Saison nicht der Fall. Michael ist körperlich topfit und motiviert bis in die Haarspitzen. Wenn du mit ihm redest, spürst du das. Er will den Sieg mehr als alles andere. Wenn Mercedes ihm also ein Toppauto baut, kann er wieder gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Kann es nicht sein, dass die Konkurrenz heute für Schumacher viel größer ist? Lauda und Prost hatten keinen Vettel, Alonso, Hamilton oder Button, gegen die sie fahren mussten.
Ecclestone: Da stimme ich zu. Früher gab es nicht so viele so genannte "First Class Guys". Da konnten maximal drei Piloten die WM gewinnen, verteilt auf zwei Teams. Heute haben wir vier oder sogar fünf Teams, die Rennen gewinnen können. Das heißt, es gibt acht oder neun Fahrer, die die Möglichkeit haben. Einer davon liegt leider im Moment im Krankenhaus. Denn Robert Kubica zähle ich zu den Toppiloten.
SPIEGEL ONLINE: Der Pole verunglückte vor kurzem im Rallyeauto. Andere, wie Mark Webber oder Michael Schumacher, hatten schwere Unfälle auf dem Fahrrad beziehungsweise Motorrad. Müssen Formel-1-Teams nicht langsam ihren Stars verbieten, andere gefährlichen Sportarten auszuüben?
Ecclestone: Eins vorneweg - gerade Kubicas Unfall zeigt doch: Wenn einer sich aussuchen könnte, mit welchem Auto er einen Unfall hat, würde er einen Formel-1-Wagen nehmen. Kubicas Unfall in Kanada 2007 sah ja wirklich schlimm aus. Aber er stieg danach aus mit einer leichten Gehirnerschütterung und einem verstauchten Knöchel. Das zeigt: Die Formel 1 ist sicher wie nie. Fahrern irgendwelche Sachen zu verbieten bringt doch gar nichts. Soll ich ihnen den Geheimdienst auf den Hals hetzen, um sie immer zu kontrollieren?
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