F1-Pilot Button: Das wunderbare Comeback von Motor-Mozart
Erst galt er als Wunderkind des englischen Motorsports, dann schmähte man ihn als "verrostetes Auslaufmodell": Kaum einer kennt die Volten im Formel-1-Geschäft so gut wie Brawn-Pilot Jenson Button. Jetzt dominiert der Brite den Kampf um die WM-Wertung.
Comeback-Geschichten sind im Fahrerlager der Formel 1 eher selten. Aufstieg und Fall der Piloten verlaufen in schöner Regelmäßigkeit. Gleichwohl schickt sich der Brawn-Bedienstete Jenson Button, 29, derzeit an, diesen Regelsatz zu widerlegen. Damit erinnert er an Landsmann Nigel Mansell, dem 1992 im Williams-Renault Ähnliches gelang. Als Ferrari-Fahrer Michael Schumacher 2004 am Nürburgring aufschlug, fuhr er in den sechs Läufen bis dahin ebenfalls nur ein einziges Mal nicht auf Rang eins. Beide wurden in jenen Jahren Weltmeister.
Bereits Anfang des Jahrtausends galt Button als der neue Mozart im englischen Motorsport. Damals verbuchten die Insulaner den blutjungen Mann schon mal als Nationaleigentum und drückten ihn in der ersten Person Plural ans treue Herz. Jenson Button wurde "Our Jense", wie Nigel Mansell einst "Our Nige" war, obwohl Button doch so ganz anders ist als der feurige Schnauzbart. Der kam immer irgendwie überlebensgroß herüber, während Button eher als "nice boy next door" durchgeht.
Buttons Rookie-Saison 2000 wurde bei Williams eingeläutet und begleitet von einem enormen Medienrummel. Der Jungstar zeigte in der Tat seine Klasse. In Hockenheim zum Beispiel, wo er sich von Startplatz 16 auf Rang vier vorarbeitete, in dem Stil, der so typisch für ihn ist, cool, aggressiv, aber flüssig, ohne Ecken und Kanten. Seine Rennautos mögen das.
Dennoch musste er dann sein Cockpit für den Kolumbianer Juan Pablo Montoya räumen, saß zwei magere Jahre bei Benetton und der Benetton-Metamorphose Renault aus, unterschrieb schließlich beim Rennstall BAR, benannt nach seinem Eigner British American Tobacco, dessen Zigaretten auf und mit seinen Wagen beworben wurden. Dort zählte er seit 2003 zum lebenden Inventar - auch nachdem das glücklose Blaue-Dunst-Aufgebot, seit 2000 mit Honda-Motoren ausgerüstet, 2006 zur Honda-Außendienststelle mutiert war.
Der zweite BAR-Rang 2004 im Championat der Konstruktoren war indes vor allem Buttons Verdienst, Platz drei in der Fahrerwertung dank zehn Stippvisiten im Parterre des Podiums aber gewiss nicht das, wovon er immer geträumt hatte.
Kontinuität herrschte dennoch nicht. Immer wieder holte ihn seine Vergangenheit bei Williams ein. 2005 strebte er zurück in Sir Franks kleines Reich, aber BAR focht den bereits real existierenden Vertrag beim "Contract Recognition Board" erfolgreich an. Ein Jahr später verkehrte sich die Situation ins Gegenteil, als Frank Williams seine Rechte auf Button geltend machte, sich am Ende aber mit einer massiven Abfindung abspeisen ließ.
Nie aber verlor "Our Jense" den Glauben an sich selbst, ebenso wenig wie seine Getreuen: Vater John, der ihn zu allen Rennen begleitet und in seinem Fahrwasser inzwischen selbst zum Star geworden ist, sein Manager Richard Goddard, der ihn aus dem Dickicht des Kontrakts mit Williams freigehauen hatte.
2006 schien sich in Ungarn endlich alles zum Guten zu wenden. Nach sechs langen Jahren und 113 Starts führte Button den Honda RA106 zum Sieg über 70 schwierige Runden auf einem Kurs von beklemmender Enge. Aus einer Position in der siebten Startreihe schien das schier unmöglich. Der Knoten sei geplatzt, frohlockte Ex-Champion Damon Hill. Jetzt werde Jenson Button noch zahlreiche Grands Prix gewinnen, wahrscheinlich sogar einen Haufen Titel. Teamgefährte Rubens Barrichello aber riet ihm neidlos, erst einmal den schönen Augenblick voll auszukosten.
Ein weiser Vorschlag. Denn von nun an ging's bergab, und zwar mit Schmackes. Honda dümpelte matt auf den Arme-Leute-Rängen, mithin seine beiden Piloten. Am 5. Dezember 2008 erschütterte sie die Nachricht, der japanische Riese ziehe sich aus der Formel 1 zurück. Mit Lewis Hamilton huldigten die Briten unterdessen ihrem neuen Hightech-Helden. Button, stänkerte Renault-Rennpapst Flavio Briatore, sei ein verrostetes Auslaufmodell.
Briatore irrte: Nach der Übernahme der Honda-Erbmasse durch Teamchef Ross Brawn im März 2009 sieht sich Jenson Button als vergnügter Protagonist in einem modernen Märchen.
Dabei profitiert er allerdings davon, dass sein Wagen einen großen technischen Vorsprung hat. Die Konstrukteure konnten den Boliden bereits frühzeitig in der vergangenen Saison nach den neuen Fia-Regularien aufbauen, da das Team hoffnungslos im hinteren Viertel des Feldes lag. Ein klarer Vorteil gegenüber Ferrari und McLaren, die bis zum Schluss alle Energie in den Zweikampf um den WM-Titel steckten. Das nötige Personal für einen erfolgversprechenden Neustart stand bereit: Neben Red-Bull-Konstrukteur Adrian Newey ist Firmenboss und Chefdenker Ross Brawn der genialste Techniker im Grand-Prix-Geschäft.
Und: Jenson Button, der am Ende nur noch wie ein alternder Tennisstar durch sein Liebesleben auf sich aufmerksam gemacht hatte, legte ein perfektes Rennen nach dem anderen hin, nie makelloser als beim jährlichen Saisonhöhepunkt in Monaco.
Den Triumph beim Heim-Grand-Prix in Silverstone verpasste er zwar und landete nur auf dem sechsten Rang. Gelingt ihm jedoch am Saisonende der Gewinn der Gesamtwertung, werden ihm seine Landsleute diesen kleinen Makel sicher gern verzeihen.
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