F1-Pilot Sutil: Schöngeist unter Druck

Von Jörg Schallenberg

Der Deutsche Adrian Sutil muss um seinen Platz in der Formel 1 kämpfen. Im vergangenen Jahr galt der Fahrer, der beinahe Pianist geworden wäre, noch als kommender Star. Jetzt fährt er selbst im eigenen Team Force India hinterher – und hat Ärger mit einem Erpresser und der Konkurrenz.

Sebastian Vettel war stinksauer. Absolut "hirnlos" sei das Manöver seines Konkurrenten Adrian Sutil gewesen, wetterte der Toro-Rosso-Pilot nach dem Großen Preis von Barcelona - bei dem für beide Fahrer schon in der ersten Runde Endstation war. Force-India-Pilot Sutil hatte allzu wagemutig versucht, an David Coulthard im Red Bull vorbeizukommen und so eine Kettenreaktion ausgelöst, an deren Ende Vettel von einem Super Aguri von der Piste geschoben wurde.

Nein, schön, war diese Szene nicht, findet auch Sutil im Rückblick - doch auf eines besteht er: "Es war mein Fehler, aber hirnrissig war das Manöver nicht". Schließlich hatte der 25-Jährige "da eine Lücke gesehen, in die auch mehr als ein Auto reingepasst hat". Nur war die dann etwas schneller wieder zu als gedacht, was auch das Aus für den Force-India-Fahrer bedeutete. Aber solch deftige Kritik von einem anderen jungen deutschen Fahrer will sich Sutil trotzdem nicht gefallen lassen - und reagiert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE angriffslustig: "Jeder darf seine eigene Meinung haben, ich denke, gerade wenn man einen Fahrer unmittelbar nach einem Ausfall interviewt, spielen die Emotionen eine große Rolle. Vettel, der ja noch in keinem Rennen über die erste Kurve hinausgekommen ist, war da wohl sehr emotional in seinen Aussagen."

Was sich nach einem Zickenkrieg der Formel-1-Hinterbänkler anhört, offenbart vor allem eines: Die Situation für Vettel und wohl noch mehr für Sutil ist prekär. Dass sich ausgerechnet er als "hirnlos" bezeichnen lassen muss, jener Fahrer, der als multitalentierter und intelligenter Schöngeist im Formel-1-Zirkus gilt, dessen Eltern bei den Münchner Philharmonikern spielten, und der beinahe eine Karriere als Pianist eingeschlagen hätte, bevor es ihn auf die Piste zog - das belegt, mit welchen Problemen der Pilot zu kämpfen hat, der sich selbst für mindestens genauso gut wie Lewis Hamilton hält.

In der vergangenen Saison noch lieferte Sutil als Debütant manche tolle Vorstellung im hoffnungslos unterlegenen Spyker, verblüffte im Qualifying und ergatterte beim Großen Preis von Japan sogar einen WM-Punkt. Toyota, Williams und McLaren meldeten Interesse an. Und sagten dann wieder ab. "Ich hatte einen gültigen Vertrag bei Force India. Ein Wechsel wäre nur mit einer hohen Ablöse möglich gewesen", bedauert Sutil heute. Das Interesse sieht er aber schon als Erfolg: "Es war schön, meinen Namen bei verschiedenen Teams auf der Liste zu sehen."

Doch das interessiert heute kaum noch. "In der Formel 1 vergisst man schnell", sagt Sutil, der 2008 für Force India fährt, das Nachfolgeteam von Spyker. Dort hat er größte Schwierigkeiten, den Anschluss zu halten. Sein Teamkollege, der erfahrene Italiener Giancarlo Fisichella, hängt ihn im Qualifying beständig ab - und fuhr seinerseits in Barcelona fast in die Punkteränge. Schon gibt es erste Gerüchte, nach denen es für den hoffnungsvollen Deutschen, der so gut zum Star taugen würde, schon die letzte Formel-1-Saison sein könnte. Sutil blockt ab: "Ich weiß, dass ich in die Formel 1 gehöre und dass ich das kann."

Vor der Realität kann allerdings selbst der notorisch selbstbewusste Pilot nicht davonfahren: "In den ersten zwei Rennen waren es mechanische und technische Probleme, da hatte ich gute Starts. Im dritten Rennen war es dann ein Unfall, bei dem ich meinen Vorderflügel verloren habe", erklärt Sutil, "und beim vierten in Barcelona habe ich dann wohl gedacht, so, Du musst es echt mal schaffen! Das war dann auch wieder zuviel."

Und dann noch die Sache mit der Erpressung. Sein Vater hatte einen alten Computer auf den Müll geworfen. Ein findiger Bayer schnappte sich das Gerät, auf dessen Festplatte E-Mails von und an Lewis Hamilton, alte Fotos und Informationen über Bankgeschäfte zu finden waren. Er wollte 10.000 Euro, bei der fingierten Übergabe wurde der Täter gefasst. "Ich habe es nach dem Barcelona-Rennen erfahren und zum Glück war es nach ein paar Tagen schon wieder vorbei. Es ist immer belastend, wenn einer persönliche Daten von dir hat", sagte Sutil.

Dabei ist der Druck eh schon enorm - gerade für einen Fahrer wie Sutil. Denn wer bei einem kleinen Privatteam unterwegs ist und damit vom Siegespodest so weit entfernt wie die Erde vom Mars, hat meist nur eine begrenzte Zeit, um die großen Teams auf sich aufmerksam zu machen. Die kleinen Rennställe wechseln ihre Piloten schnell mal aus – vor allem, wenn ein neuer Fahrer neue Sponsoren mitbringt. Oder nicht zu erwarten ist, dass einer es schafft, die vergleichsweise schwachen Autos stetig am Limit zu halten und ab und zu ein paar werbewirksame Runden hinzulegen.

Im vergangenen Jahr fuhr Sutil seinen Teamkollegen Christijan Albers in Grund und Boden- für diese Saison bekam der Niederländer kein Cockpit mehr. Jetzt droht Sutil das gleiche Schicksal, auch wenn er sich gewappnet sieht: "Albers kam in die Situation, dass er das Auto überreizt hat und einfach zuviel wollte - aber das passiert mir nicht." Sebastian Vettel wird das vermutlich anders sehen.

Beim Großen Preis der Türkei (Sonntag, 14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird der Deutsche erneut gegen seinen wichtigsten Konkurrenten antreten - den Italiener Fisichella im anderen Force India. "Ich sehe keinen großen Abstand zu ihm", behauptet Sutil, "es ist wichtig für mich, jetzt Rennen zu Ende zu fahren."

Doch dazu müsste er endlich jene Fehler abstellen, die ihn so weit zurückgeworfen haben - wie er selbst sagt: "Der Wegfall der Traktionskontrolle ist schwierig gewesen, das habe ich mir anders vorgestellt. Aber die größten Probleme bei mir waren die Reifen. In den Einführungsrunden des Qualifyings habe ich sie zu sehr strapaziert und dann waren sie nicht mehr gut genug, um mir den perfekten Grip zu geben für die eine entscheidende, schnelle Runde."

Besonders bedauerlich wirkt in dieser Situation die Nachricht, dass sich mit Super Aguri gerade einer jener wenigen Rennställe verabschiedet hat, deren Autos man auch mit einem Force India mal hätte überholen können. Wen könnte Sutil jetzt eigentlich noch hinter sich lassen, von Fisichella mal abgesehen? Bei dieser Frage muss er ausnahmsweise einen Moment überlegen. "Ich würde auf Toro Rosso tippen, die können wir angreifen", sagt er dann amüsiert. Toro Rosso? Für die fährt Vettel. Es klingt wie ein netter Gruß: Bis demnächst also, in der ersten Kurve.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Formel 1
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Vote

Auf dem Sprung?: Wie bewerten Sie die Chancen von Adrian Sutil, dauerhaft in der Formel 1 zu fahren?


Fotostrecke
Formel-1-Fahrer Sutil: Kicken, Rudern und ein wenig Klavier