Aus Singapur berichtet Ralf Bach
Sebastian Vettel gab sich humoristisch. "Mission Possible" nannte er nach dem Großen Preis von Singapur die Möglichkeiten, seinen WM-Titel in den noch ausstehenden fünf Saisonrennen zu verteidigen. Damit das nicht gelingt, müsste McLaren-Pilot Jenson Button schon alle fünf Rennen gewinnen, um noch Weltmeister zu werden. Zudem dürfte Vettel dann nicht mehr in die Punkteränge fahren. Sprich, er müsste immer schlechter als Platz zehn abschneiden.
Nach dem Sieg in Singapur lautet Vettels bisherige Saisonbilanz aus 14 Rennen: Neun Siege, vier zweite Plätze und ein vierter Platz. Daher ist die WM entschieden. Für Button ist ein Sechser im Lotto wahrscheinlicher, als dass er Vettel in der Fahrerwertung noch überholt. Und auch bei Vettels Rennstall Red Bull glaubt niemand mehr daran, dass die Titelverteidigung noch schiefgehen könnte.
Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, leistete sich das Team des Salzburger Brausemilliardärs Dietrich Mateschitz schon während des Rennens in Singapur den Luxus, Teile für das Auto von 2012 auszuprobieren. Anders ausgedrückt: Vettels Testfahrten für die neue Saison haben schon begonnen. Mit Erfolg, denn selten fuhr Vettel souveräner als jetzt beim Nachtrennen.
Vettel wird bereits mit Ayrton Senna verglichen
Die Fahrkunst des 24-Jährigen versetzt mittlerweile sogar das eigene Team in Erstaunen. Red-Bull-Teammanager Jonathan Wheatley erinnerte Vettels Rennen in Singapur an den legendären Brasilianer Ayrton Senna. "Wie Sebastian selbst beim Überrunden punktgenau am Limit durch den dichtesten Verkehr fuhr, war Senna-like. Der ging auch nicht vom Gas, wenn Autos vor ihm im Weg standen", sagte Wheatley.
Und Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost, eigentlich ein eher emotionsloser Typ, bekommt glänzende Augen, wenn er dieser Tage über seinen ehemaligen Schützling Vettel spricht: "Sebastian hat sich gegenüber 2010 nochmal verbessert. Er paart Leidenschaft mit technischem Verständnis, Übersicht, Disziplin und Durchsetzungsfähigkeit. Das ist einmalig in dieser Form." Er betont Vettels außergewöhnliche Fähigkeit zu schnellen Problemlösungen im Cockpit. "Die meisten Rennen werden im Kopf entschieden. Und da ist Sebastian sehr stark", so Tost.
Zwei Umstände erfordern indes großes Können am Steuerrad: die Verzögerung mit den Karbonbremsen und die hohen Kurvengeschwindigkeiten. Vettel kann das aber kaum erklären. "Diese zwei Umstände sind mit Logik nicht zu begreifen. Die Kunst dabei ist, dein Hirn auszuschalten und automatisch zu fahren, irgendwie instinktiv. Vieles ist dann Gewöhnung, aber natürlich ist auch ein wenig Wahnsinn dabei."
Eine Formel für den perfekten Formel-1-Rennfahrer findet der Red-Bull-Pilot dann doch: "Auf jeden Fall musst du ein Reifenflüsterer sein. Denn die Reifen sind der einzige Kontakt zwischen Auto und Asphalt und haben entsprechend viel Einfluss auf das Fahrverhalten. Deshalb ist es wichtig, dass sie eine bestimmte Temperatur haben." Sind sie zu kalt, haften sie schlecht. Werden sie zu heiß, verschleißen sie zu schnell. "Fährst du los wie ein Stier, baut der Reifen schnell ab. Fährst du zu sanft, kommt er nie auf Temperatur", so Vettel. Die Mischung ist wichtig.
Zudem ist Red-Bull-Teamchef Christian Horner aufgefallen: "Sebastian hat eine perfekte Fahrzeugbeherrschung. Dabei, und das ist einfach unglaublich, verbraucht er relativ wenig Sprit. Ich glaube, dass niemand einen effizienteren Gasfuß hat." Das bestätigt Williams-Pilot Rubens Barrichello: "Sebastian scheint sehr sanft mit dem Auto umzugehen, um die Geschwindigkeit herauszuholen."
Viel Lob für Vettel, der auf die Frage, ob er den letzten fehlenden Punkt beim nächsten Rennen in Japan holen wird, trocken antwortete: "Ich denke, ich bin dazu in der Lage."
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