F1-Weltmeister Button: "Irgendwann hat man die Nase gründlich voll"

Formel-1-Fahrer Jenson Button zählt zu den dienstältesten Piloten der Königsklasse. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Brite über die Aussichten für seinen Rennstall McLaren, das Verhältnis zum Teamkollegen Lewis Hamilton - und über eine mögliche Zukunft im behaglichen Wohnzimmer.

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dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Button, wie ist es um Ihre Motivation bestellt? Man sagt ja, dass man innerlich etwas lockerlässt, wenn man ein wichtiges Ziel erreicht hat, bei Ihnen die Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr.

Button: Man könnte meinen, dass einer dann relaxter an die Dinge herangeht. Aber ich bin genauso besessen wie immer. Ich möchte in jeder Trainingssitzung der Beste sein, jedes Rennen gewinnen. Es gibt kein schöneres Gefühl, als oben auf dem Podest zu stehen, die anderen 23 Fahrer geschlagen zu haben. Für die Weltmeisterschaft gilt dasselbe. Hat man das einmal geschafft, steuert man es zum zweiten Mal an. Es gibt nur zwei Leute im Feld, Alonso und Schumacher, die das schon erreicht haben. Ich wäre gern der Dritte.

SPIEGEL ONLINE: Behagt Ihnen das Leben bei McLaren? Dem Rennstall eilt der Ruf voraus, so kalt und abweisend zu sein wie seine silberne Farbe oder die verspiegelte Fassade seines Hospitality-Gebäudes an den Rennstrecken.

Button: Unsinn. Ich habe wirklich das Gefühl, einer Familie anzugehören. Das liegt nicht zuletzt an der Person von Teamchef Martin Whitmarsh. Er ist ein Mann des Ausgleichs, der trotzdem die Fäden fest in der Hand behält.

SPIEGEL ONLINE: Gab es ein besonderes Ereignis, das dieses Gefühl ausgelöst hat?

Button: Das war eigentlich von Anfang an so, als ich zum ersten Mal in die Fabrik kam. Ich habe mich dort sofort energisch bemerkbar gemacht, damit die Ingenieure merkten, worauf es mir bei dem Wagen für diese Saison ankam. Und sie haben mich ernst genommen. Im Augenblick ist es ebenso beim Auto für 2011. Ich bin sehr häufig im McLaren-Hauptquartier in Woking und kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass irgendein anderer Fahrer mehr arbeitet als ich. Dennoch habe ich mich mit dem aktuellen McLaren eine Zeit lang schwergetan, weil mein Brawn-Auto voriges Jahr doch ziemlich anders war.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es gravierende Unterschiede im Set-up zwischen Ihrem Wagen und dem Ihres Teamkollegen Lewis Hamilton?

Button: Eigentlich nicht. Ich mag es, wenn meine Autos ein stabiles Heck haben und ich dadurch einen Spielraum im Umgang mit den Reifen vorn gewinne und sie optimal in eine Kurve schieben kann. Unsere Fahrstile sehen vor allem aus der Perspektive des Fernsehzuschauers völlig verschieden aus. Die Datenblätter zeigen aber erstaunliche Parallelen, etwa bei den Bremspunkten oder den Geschwindigkeiten an bestimmten Stellen.

SPIEGEL ONLINE: Bei mehreren Teams ist inzwischen Zoff zwischen den Fahrern ausgebrochen, so zwischen Sebastian Vettel und Mark Webber bei Red Bull oder Alonso und Felipe Massa bei Ferrari. Wie ist Ihr Verhältnis zu Lewis?

Button: Man darf sich das nicht als ein Miteinander von netten Kerlen vorstellen. Wir arbeiten gut zusammen, weil wir nur gemeinsam das Auto und damit unseren Rennstall voranbringen können. Wir sind beide vernünftig und offen fürs Gespräch. Wenn wir auf der Strecke aneinandergeraten sind, steigen wir nach dem Rennen aus dem Wagen und versuchen, die Atmosphäre zu bereinigen. Eine Ausnahme gab es trotz unseres Doppelsiegs in Istanbul nach unserem Duell Rad an Rad in der 48. und 49. Runde, als sich plötzlich im ganzen Team Fronten auftaten. Stallregie gibt es nicht, somit keine Fahrer Nummer eins und Nummer zwei. Wir verkehren auf Augenhöhe miteinander.

SPIEGEL ONLINE: 1989 herrschte bei McLaren Sprachlosigkeit zwischen Senna und Prost, die im Jahr davor noch leidlich miteinander ausgekommen waren. Am Ende türmte Prost zu Ferrari. Wäre so etwas bei Ihnen und Lewis Hamilton auch vorstellbar?

Button: Natürlich sind wir historisch - schon durch unsere Kenntnis von solchen Fehden - ein gutes Stück weiter. Aber wir wollen beide den Sieg und sind beide schnell und aggressiv. Lewis ist letztlich ein Gegner wie alle anderen auch. Von daher gesehen ist die Antwort ja. Solche Dinge können praktisch aus heiterem Himmel geschehen. Aber im Augenblick sind wir noch weit davon entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einander mal aus dem Urlaub angerufen? Gibt es kleine Aufmerksamkeiten und Geschenke zum Geburtstag oder zu Weihnachten?

Button: Die Antwort auf alle drei Fragen lautet ganz entschieden nein.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie noch mit 41 im Rennwagen unterwegs sein wie Michael Schumacher?

Button: Auf keinen Fall. Ich höre auf, wenn mir das Fahren keinen Spaß mehr macht. Es gibt noch andere Dinge im Leben als die Formel 1. Auch von dem ganzen Drum und Dran - Reisen, Zeitumstellungen, Hotelzimmer - hat man irgendwann gründlich die Nase voll.

SPIEGEL ONLINE: Wird es dann den Familienvater Jenson Button geben, im behaglichen Wohnzimmer umsorgt von Gattin Jessica und umspielt von netten kleinen Kindern?

Button: Gewiss nicht, bevor ich 40 bin. Aber eigentlich kann ich es mir überhaupt nicht vorstellen.

Das Interview führte Hartmut Lehbrink

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. Amtierender Weltmeister Button
laslu 01.09.2010
Jenson Button, bis vor einem Jahr hätte ich ihn nie auf der Liste der Weltmeister gehabt.. aber naja.. Er hatte echt großes Pech dieses Wochenende, ich finde es schon komisch, dass einem Top- Fahrer wie Sebastian Vettel solche Fehler in solchen Situationen passieren können.Ich hab auf Motorsport Total ein Artikel über den Unfallhergang gelesen.. da steht das Vettel einfach beim bremsen das Heck verloren hat.. frag mich wie das gehen soll! http://www.motorsport-total.com/f1/news/2010/09/Button_aergert_sich_immer_noch_ueber_Vettel_10090104.html
2. schade fuer Button
nandogo 02.09.2010
Da hat Vettel echt einen ernsthaften konkurenten raus gekegelt. Diese aktion war eines zukuenftigen weltmeisters nicht wuerdig. Er haette ihn auch in der naechsten runde ueberholen koennen. Es war einfach unueberlegt und unnoetig. Er sollte sich ein beispiel an webber nehmen, der fuhr auch hinter Kubica her, obwohl er schneller war. Webber ist von beiden der verdientere WM kandidat. Vettel ist noch nicht reif fuer den titel.
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Zur Person
Getty Images

Jenson Button wurde am 19. Januar 1980 in Frome (England) geboren. Als Achtjähriger begann er mit dem Kartsport, fuhr ab 1998 in der britischen Formel Ford und Formel 3. 2000 bekam er mit 20 Jahren beim Williams-Rennstall seinen ersten Vertrag in der Formel 1, holte bereits im zweiten Rennen seine ersten WM-Punkte und beendete die Saison als WM-Achter. Über Benetton (2001/2002) und BAR (2003/2004) kam Button 2005 zum Honda-Team, aus dem der Rennstall Brawn GP hervorging. Sein erster Grand-Prix-Sieg gelang ihm 2006 in Ungarn; von 183 F1-Rennen hat Button bislang neun gewinnen können, 29 Mal fuhr er aufs Podium. Die Saison 2008 beendete er noch als Gesamt-18., 2009 wurde er im Überraschungsteam Brawn das erste Mal in seiner Karriere Weltmeister. Seit Beginn der Saison 2010 fährt Button für den McLaren-Rennstall, liegt aktuell mit 147 Punkten auf Rang vier der Fahrerwertung.

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