Von Lukas Rilke
Große Gefühle, sagt Fernando Alonso über sich selbst, sind nicht seine Sache. Nicht im Privatleben, erst recht nicht im Beruf, auf der Rennstrecke. Werte wie Disziplin und Arbeitsethik sind dem 31-Jährigen wichtiger.
Am Sonntag um kurz vor 19 Uhr unserer Zeit hätte er ein paar Emotionen zeigen können - und niemanden hätte es gewundert. Wenige Minuten zuvor hatte Alonso die Formel-1-WM in einem der dramatischsten Finals der Geschichte und mit nur drei Punkten Rückstand an Sebastian Vettel verloren. Es blieb bei einem Lob für die Leistung seines Teams. Von Enttäuschung oder Trauer sprach Alonso nicht. Nur kurz schien er den Tränen nahe, schloss seine Augen und umarmte Teamkollegen Felipe Massa, der ihm beim Rennen in São Paulo geholfen hatte.
Den stärksten emotionalen Ausbruch zeigte Alonso später auf dem von ihm vielgenutzten Kurznachrichtendienst Twitter: Ein zwinkernder Smiley folgte dem Satz, man habe mal wieder deutlich mehr geleistet, als von den Ferraris erwartet worden war - ";)". Ein Semikolon, eine schließende Klammer, zwei Zeichen nur. Und doch kann man sich vorstellen, wie viel Überwindung Alonso dieser Zweckoptimismus kosten muss.
Seine Konstanz zeichnete Alonso auch in dieser Saison vor allem aus, als Zweiter war er am Sonntag hinter Jenson Button ins Ziel gekommen, zum 13. Mal bei 20 Saisonrennen stand er auf dem Podium. Er fuhr in jedem Rennen, das er beendete, in die Punkte. Und all das, ohne übertrieben hohes Risiko zu gehen. Anders als etwa Lewis Hamilton versucht er nicht, bessere Platzierungen zu erzwingen. Zudem gilt er als taktisch perfekt. Vettel ist der alte und neue Weltmeister - Alonso aber der wohl kompletteste Fahrer.
Sein Problem ist, dass Ferrari ihm auch im dritten Jahr in Folge kein Titel-Auto zur Verfügung stellen konnte. "Viel langsamer als die anderen" sei sein Bolide mal wieder gewesen, sagte Alonso auch nach dem Grand Prix in Brasilien. Sein Rennstall weiß um den Nachteil, entschuldigte sich nach dem Saisonfinale. "Wir können den Fakt nicht ignorieren, dass wir nicht in der Lage waren, ihm ein schnelleres Auto zu geben. Das ist uns teuer zu stehen gekommen", sagte Teamchef Stefano Domenicali. Vor allem gegen Vettels Red Bull sieht der Ferrari schlecht aus, auch wenn der wohl beste Pilot im Feld hinter dem Lenkrad sitzt.
Der Speed des Ferrari F2012 reicht eigentlich nicht einmal für einen zweiten WM-Platz, Alonso holte mit seinen Fahrkünste jedoch in vielen Rennen das Beste aus dem Wagen heraus. Auf freier Strecke aber hatte er kaum eine Chance. Nur zweimal konnte er sich im Qualifying die Pole-Position sichern (Vettel: sechsmal), startete oft von den hinteren Plätzen und musste sich vorarbeiten. Kaum einer kann dies so gut wie Alonso. Er selbst sagt, er fahre lieber Rennen, als alleine seine Runden zu drehen. "Es gibt nichts Besseres, als mit dem Ferrari in die Kurve zu gehen, zu beschleunigen, zu bremsen", schwärmte er einst. Ferrari zu fahren gebe ihm "ein besonderes Gefühl".
Seit 2010 fährt Alonso für die Scuderia, gilt mit 25 Millionen Euro Jahresgehalt als Bestverdiener unter den Piloten. Dass Fernando Alonso überhaupt Rennfahrer geworden ist, verdankt er dem Zufall - und einem kleinen Mädchen: seiner Schwester Lorena. Vater José Luis hatte der Achtjährigen ein Kart zusammengebaut, doch sie verlor schnell die Lust daran. Die Chance für den kleinen Fernando - auch wenn der Dreijährige mit den Füßen nicht mal an das Gaspedal kam.
"Ich arbeite 24 Stunden am Tag für Ferrari"
Er quengelte so lange, bis der Vater, selbst begeisterter Hobby-Kartfahrer und Arbeiter in einer Sprengstofffabrik in der Nähe der asturischen Stadt Oviedo, den Mini-Rennboliden an seinen Sohn anpasste. Der Rest ist Geschichte, 1999 wechselte Alonso in den Formel-Sport, ein Jahr später folgte eine Saison in der Formel 3000, ehe ihn Flavio Briatore zu Renault holte.
2005 und 2006 triumphierte er mit dem Team, es folgte ein einjähriges Intermezzo mit McLaren. Dann ging sein großer Traum in Erfüllung: Ferrari holte Alonso, sein Vertrag läuft noch bis Ende 2015. Doch auch Alonso ist vor den ständigen Wechselgerüchten in der Formel 1 nicht gefeit. Zuletzt liebäugelte Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz mit einer Verpflichtung, sollte Vettel seinen Rennstall eines Tages verlassen.
Doch Alonso wird nicht müde, seine Verbundenheit zu den Italienern zu beteuern. "Ich arbeite 24 Stunden am Tag für Ferrari", sagt er - und erwartet das Gleiche von seinem Team. "Zum Glück bin ich bei Ferrari umgeben von Gleichgesinnten", beschreibt Alonso das Verhältnis zu seinem Rennstall. Doch der Spanier muss sich Fragen gefallen lassen: Hilft Alonso genug mit, das Auto zu verbessern? Als Michael Schumacher nach zwei WM-Titel 1996 zu Ferrari ging, waren die Italiener ebenfalls chancenlos. Schumacher machte den Boliden Stück für Stück besser, nach vier Jahren gewann er im Ferrari die Weltmeisterschaft, vier weitere folgten. Vier bis fünf Jahre gibt sich Alonso selbst noch, um vielleicht doch noch WM-Titel Nummer drei einzufahren. Vielleicht wird er also doch noch bei seinem Traumrennstall Weltmeister.
Und dann ist da noch dieser andere Traum. Einen eigenen Rennstall will er aufmachen, mit Fahrern, die er selbst entdeckt und Sponsoren, die er selbst ausgewählt hat. Allerdings träumt Alonso nicht von einem Formel-1-Team. Er will mit einer eigenen Radmannschaft bei der Tour de France antreten. Weniger anfällige Technik, mehr Einfluss des Fahrers auf das Ergebnis: Die Saison 2012 wird Fernando Alonsos Traum weiter angefacht haben.
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