Ferrari in der Formel-1-Krise Der italienische Patient

Sebastian Vettel hat kaum noch Chancen im Titelrennen der Formel 1. Der Deutsche leidet unter den Auswirkungen eines internen Machtkampfs bei Ferrari - und den chaotischen Verhältnissen im Team.

Ferrari-Boxenteam beim Rennen in Suzuka
DPA

Ferrari-Boxenteam beim Rennen in Suzuka

Von Karin Sturm


Lange Zeit konnte Sebastian Vettel die Fassade aufrechterhalten, aber in den vergangenen Wochen merkte man ihm an: Die interne Situation bei Ferrari, über die er nach außen bisher nie ein Wort verloren hatte, geht ihm allmählich an die Substanz.

Im Team herrschen Unruhe und Chaos. Das überträgt sich auf die sportliche Situation und mündet immer wieder in strategischen Fehlentscheidungen. Vettel muss diese auf der Strecke wieder ausbügeln - was die Gefahr riskanter Manöver mit sich bringt.

So war es dann auch in Suzuka, als Vettel bei einer Attacke gegen Max Verstappen mit dem Niederländer kollidierte und zurückfiel. Vettel rechtfertigte den Angriff, er hätte es einfach versuchen müssen. Eine Lücke wäre da gewesen, Verstappen habe außerdem keine Batterieleitung mehr gehabt. "So eine Chance ergibt sich so schnell nicht wieder." Vettel habe an der Stelle auch andere Autos überholt. "Aber Max hat mir halt keinen Platz gelassen - wie so oft bei ihm."

Maurizio Arrivabene vs. Mattia Binotto

Der vierfache Weltmeister Alain Prost, der in seiner Karriere ebenfalls schwierige Zeiten hatte, zeigt Verständnis für den Deutschen: "Wenn du um den Titel kämpfst, unbedingt Weltmeister werden willst, aber intern nichts passt, du dich von deinem Team alleingelassen fühlst, die entsprechende Unterstützung vermisst und das Gefühl hast, gegen Windmühlenflügel zu kämpfen, dann kann es ganz schnell passieren, dass du auch mal überziehst."

Der interne Machtkampf bei Ferrari zwischen Teamchef Maurizio Arrivabene und der Technikabteilung unter Mattia Binotto wurde in Suzuka erstmals öffentlich sichtbar. Nach dem verkorksten Qualifying, als Ferrari beide Fahrer bei fast trockener Strecke mit Regenreifen auf den Kurs schickte, schimpfte Arrivabene: "Ich mische mich grundsätzlich nicht in technische Dinge ein, aber was da heute geliefert wurde, ist indiskutabel. Vielleicht bräuchten wir ein paar erfahrenere Leute."

Ein seltsamer Vorwurf, denn von Binotto über Chefingenieur Jock Clear bis zu Vettel-Renningenieur Riccardo Adami oder dem Chefstrategen Inaki Rueda haben alle Verantwortlichen teils jahrzehntelange Formel-1-Erfahrung. Dennoch bleibt die Frage: Warum geht dann trotzdem so viel schief?

Fehler, Fehler, Fehler

Der Patzer in Suzuka war nicht der erste. Schon in Spa ging an der Ferrari-Box alles durcheinander, als im Qualifying plötzlich Regen einsetzte. Vettel musste aus dem Auto heraus seine Truppe dirigieren, um zu verhindern, dass bei dem panischen Hin und Her der Unterboden des Autos beschädigt wurde.

In Monza schickte Ferrari die Autos im Qualifying so auf die Strecke, dass Vettel seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen den entscheidenden Windschatten geben musste. Der Finne holte sich die Pole und verteidigte die Position beim Start sehr hart gegen Vettel. Dadurch geriet Vettel in einen Zweikampf mit Lewis Hamilton und drehte sich kurz darauf. Auch in Singapur misslang das Qualifying.

Der Machtkampf zwischen Arrivabene und Binotto scheint auf der oberen und mittleren Ebene Spuren zu hinterlassen - nichts funktioniert mehr. Beide haben gewisse "Fraktionen" im Team hinter sich, Arrivabene mehr in der Administration und der PR- und Marketing-Abteilung, Binotto bei den Technikern.

Vettel würde gerne Schumacher um Rat fragen

Letzterer sieht die Gefahr, nach dem Tod von Sergio Marchionne, dessen Schützling er immer war, ins Hintertreffen zu geraten. Arrivabene wiederum fürchtet, angesichts eines erneuten Misserfolgs am Ende der Saison gehen zu müssen.

Vettel hat sein Team in dieser Saison oft in Schutz genommen - aber Arrivabene versucht, über ihm treu ergebene Sekundanten dafür zu sorgen, dass der Deutsche für dieses Verhalten nicht belohnt wird. Im Gegenteil: Gerade gegenüber den italienischen Medien wird viel versucht, um vor allem Vettel für alle Misserfolge verantwortlich zu machen.

Vettel sagte kürzlich, dass er Michael Schumacher gerne um einen Rat fragen würde, wie die Politik bei Ferrari funktioniere - wenn das denn möglich wäre. Wobei Schumacher wohl auch keine Antwort wüsste. Denn zu seiner Zeit, mit Ross Brawn und Jean Todt und ganz ohne italienischen Einfluss von oben, funktionierte Ferrari zum bislang letzten Mal in der Geschichte wirklich reibungslos.

Sogar Stefano Domenicali, sicherlich mit mehr Fachwissen und Format gesegnet als Arrivabene, hatte während seiner Amtszeit Probleme, den Rennstall zusammenzuhalten. Der heutige Lamborghini-Chef ging im April 2014. "Ferrari ist zu italienisch, um in der heutigen Formel 1 Erfolg zu haben", sagte Ex-F1-Boss Bernie Ecclestone kürzlich in Sotschi. Und am Ende ist es wohl Sebastian Vettel, der vieles davon ausbaden muss.

insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
inge-p.1 07.10.2018
1.
"Aber Max hat mir halt keinen Platz gelassen - wie so oft bei ihm." - machesmal frage ich mich, ist das Aroganz oder Größenwahn von Vettel? Warum sollte auch Verstappen Platz machen? Wurde er überrundet und bekam die Blaue Flagge? Oder ist es selbstverständlich, dass, wenn Vettel kommt, alle aus dem Weg fahren? Dann hat doch Vettel das Problem, dann hat er den Kampf, die Formel 1 nicht verstanden. Aber so ist es eben, wenn man vom Ehrgeiz zerfressen ist.
hardeenetwork 07.10.2018
2. Schuld
...sind immer die Anderen. Schumacher hatte das Team klar und professionell im Griff. Das fehlt halt Vettel, der Schumi niemals das Wasser reichen kann.
alexrio 07.10.2018
3.
Zitat von inge-p.1"Aber Max hat mir halt keinen Platz gelassen - wie so oft bei ihm." - machesmal frage ich mich, ist das Aroganz oder Größenwahn von Vettel? Warum sollte auch Verstappen Platz machen? Wurde er überrundet und bekam die Blaue Flagge? Oder ist es selbstverständlich, dass, wenn Vettel kommt, alle aus dem Weg fahren? Dann hat doch Vettel das Problem, dann hat er den Kampf, die Formel 1 nicht verstanden. Aber so ist es eben, wenn man vom Ehrgeiz zerfressen ist.
Das lustige ist die Aussage von Max zum Vorfall mit Kimi: Red-Bull-Pilot Max Verstappen glaubt, er sei zu Unrecht bestraft worden. Schließlich habe er in der Situation mit Kimi Räikkönen nichts falsch gemacht. "Ja, ich habe vor der Schikane zu spät gebremst. Ich tat aber alles, um wieder auf die Strecke zurückzukehren. Ich denke, ich habe das auf sichere Art und Weise gemacht. Ich bin nicht mit irrer Geschwindigkeit zurück auf die Strecke gefahren. Doch Kimi hat in der Schikane die falsche Linie gewählt. Er hätte warten können, bis ich wieder auf der Strecke gewesen wäre. Wir haben uns leicht berührt. Die fünf Sekunden sind wirklich lächerlich."
wahrsager26 07.10.2018
4. Es reicht nicht aus ....
im weißen Hemd,schwarzer Hose und Goldkettchen um den Hals gegen den Reifen zu treten ....und groß aufzusprechen.Vorausgesetzt es stimmt,was geschrieben steht ,ja,da denke ich auch an die EU ! Mag aus dem Zusammenhang sein, lässt sich aber trotzdem nicht leugnen .Da hat es der 'Daimler' vermutlich leichter: er setzt voll und ganz auf deutsche Tugenden! Danke
bhang 07.10.2018
5. [Zitat] Das fehlt halt Vettel, der Schumi niemals das Wasser reichen k
ann. [/Zitat] Man könnte auch meinen, ihm fehlen Todt, Brawn, Byrne. Mit dem einen oder anderen von denen wird man nämlich Weltmeister (Räikkönen mit Todt 2007, Button mit Brawn 2009)… Das sind dann halt doch nicht außer Acht zu lassende Zutaten für den Erfolg, jene Herren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.