Formel-1-Affäre Mercedes soll Ferrari ausspioniert haben

Es geht um Sabotage und Spionage: Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung soll der Chefdesigner von McLaren-Mercedes von einem Ferrari-Chefmechaniker geheime Informationen erhalten haben. Das würde die jüngsten Erfolge der Silberpfeile schlagartig verblassen lassen.

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Die Geschichte klingt wie ein Krimi: Angeblich hat McLaren-Mercedes bei Ferrari spioniert. Denn bei dem gestern von McLaren-Mercedes entlassenen Techniker soll es sich laut Informationen der "Bild"-Zeitung um Chefdesigner Mike Coughlan handeln. Der Brite ist für das Chassis des McLaren-Rennstalls verantwortlich und damit einer der wichtigsten Männer rund um die beiden WM-Führenden Lewis Hamilton und Fernando Alonso. McLaren bestritt heute in einer Mitteilung, "urheberrechtlich geschütztes Eigentum von Ferrari" für seine Autos benutzt zu haben.

Hamilton, Räikkönen: Vorsprung durch Spionage?
AFP

Hamilton, Räikkönen: Vorsprung durch Spionage?

Die "Bild"-Zeitung stellte in diesem Fall einen Zusammenhang zu dem wenige Stunden zuvor bei Ferrari gefeuerten Chefmechaniker Nigel Stepney her . Der Ferrari-Mitarbeiter wird seit Wochen verdächtigt, im Mai vor dem Großen Preis von Monaco aus Frust über eine verweigerte Beförderung ein weißes Pulver – bei dem es sich laut "Bild" um Waschmittel handeln soll – in die Tanks der Ferraris von Felipe Massa und Kimi Räikkönen geschüttet zu haben. In diesem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft in Modena. Stepney streitet sämtliche Vorwürfe durch seine Anwältin Sonia Bartolini ab. Für SPIEGEL ONLINE war sie bis zum Nachmittag nicht zu erreichen.

Im Zuge der Ermittlungen gegen Stepney hatte McLaren von den Behörden in Modena den Hinweis bekommen, dass vertrauliche Ferrari-Daten an einen der eigenen Mitarbeiter weitergegeben worden waren. Bei der Durchsuchung von Stepneys Wohnung in England war laut einer offiziellen Ferrari-Mitteilung belastendes Material gefunden worden. Zudem berichtet die Zeitschrift "auto motor und sport", dass der für die Leistungsentwicklung zuständige Stepney eine Telefonliste mit den Nummern hochrangiger Ferrari-Angestellten an ein Konkurrenzteam weiter gegeben haben soll.

Bleibt die Frage, ob Stepney auch gemeinsame Sache mit Coughlan gemacht hat. Einiges spricht für diesen Verdacht. Denn McLaren teilte gestern kurz nach der Entlassung Ferrari-Mitarbeiters Stepneys mit, dass sich auch das McLaren-Team von einem Mitarbeiter getrennt habe, weil gegen diesen Mitarbeiter "durch Ferrari Untersuchungen eingeleitet wurden, die die Weitergabe von technischen Daten betreffen." Der namentlich nicht genannte Mann habe demnach Ende April "ein Paket mit technischen Informationen" über den italienischen Rivalen von einem Ferrari-Angestellten persönlich entgegengenommen, hieß es in der Mitteilung McLarens.

Laut "Bild"-Zeitung soll es sich bei diesem Ferrari-Mitarbeiter um Stepney gehandelt haben. Beide Formel-1-Routniers arbeiteten Mitte der 90er Jahre gemeinsam für Ferrari. Bereits 1990 hatten der 48-Jährige Stepney und sein gleichaltriger Kollege Coughlan gemeinsam bei Benetton unter Vertrag gestanden.

Nach der vermeintlichen Informationsweitergabe gelang McLaren eine Siegesserie. Der bis dahin sieglose Lewis Hamilton, der für seine fulminanten Erfolge wie ein Messias gefeiert wurde, setzte zu einem Höhenflug an und gewann seit Ende April zwei Rennen, wurde zweimal Zweiter und landete einmal auf dem dritten Rang. Sein Teamkollege Fernando Alonso dagegen zeigte weiterhin eher gemischte Leistungen: Einmal gewann der 25-Jährige, zwei weitere Male landete der amtierende Weltmeister seit Ende April auf dem Podest (einmal Zweiter, einmal Dritter). Zweimal beendete Alonso das Rennen auf Platz sieben.

Räikkönens deutlicher Absturz

Dafür ist der sportliche Absturz bei Ferraris Räikkönen umso deutlicher. In den ersten drei Rennen sammelte der 27-Jährige von März bis April mit einem Sieg und zwei dritten Plätzen genauso viele Punkte (22), wie die beiden McLaren-Piloten. Seit Mai ging es für Räikkönen dann schlagartig bergab. In fünf Rennen fuhr der Finne 19 Punkte für die Roten ein. Im selben Zeitraum brachte es Alonso auf 28 Zähler, Hamilton sogar auf 42 Punkte. Massa fuhr immerhin 30 Zähler für Ferrari ein.

Auffällig ist auch, dass sich die Kräfteverhältnisse nach Bekanntgabe der Unregelmäßigkeiten am 22. Juni wieder umgekehrt haben. So dominierte Ferrari den Grand Prix von Frankreich am vergangenen Sonntag und belegte am Ende die ersten beiden Plätze, während sich die Silberpfeile mit den Rängen drei (Hamilton) und sieben (Alonso) zufrieden geben mussten.

Aus Ferrari-Kreisen heißt es, dass es um eine "bedeutende Menge an technischen Informationen" gehe und nicht auszuschließen sei, dass auch andere Rennställe diese erhalten hätten. Ein Sprecher des Internationalen Automobilverbandes (Fia) erklärte, man sei über die Entwicklungen informiert. Diese Entwicklung könnte besonders die Erfolge von Superstar Lewis Hamilton verblassen lassen. Sollte sich herausstellen, dass McLaren geheime Informationen von Ferrari erhalten hat, bekommen die Erfolge des jüngsten Gewinners in der Geschichte der Formel 1 einen faden Beigeschmack.

Bei den Silberpfeilen ist man dennoch vorerst zur Tagesordnung übergegangen. Wie üblich verschickte der Rennstall vor dem Großen Preis von Silverstone am kommenden Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) seinen Newsletter. Ein wenig devot wird Ferrari darin die Favoritenrolle eingeräumt: "Magny-Cours hat gezeigt, dass es kein Abonnement auf Siege gibt. Ferrari war dort stärker, was heißt, dass wir uns weiter steigern müssen."



insgesamt 213 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 04.07.2007
1.
Es hätte mich eher der Fakt überrascht, dass es keine Spionage geben sollte.
amrod, 04.07.2007
2.
Zitat von DJ DoenaEs hätte mich eher der Fakt überrascht, dass es keine Spionage geben sollte.
Seh ich auch so. Ferrari hat in den letzten Jahren genauso schmutzige Tricks (und mit Sicherheit auch Spionage) angewandt, wie alle anderen Teams auch. Die Leistungen von Mercedes mit Spionage in Verbindung zu bringen ist allerdings Blödsinn. Die hätten ihr Auto niemals so schnell mit Ferrari-Technologie aufmotzen können. Höchstens gezielte Sabotage an den Ferraris wäre eine Erklärung. Aber soweit wollte wohl selbst der Autor (offfensichtlich ein Ferrari-Fan) nicht gehen...
TommIT, 04.07.2007
3.
Zitat von amrodSeh ich auch so. Ferrari hat in den letzten Jahren genauso schmutzige Tricks (und mit Sicherheit auch Spionage) angewandt, wie alle anderen Teams auch. Die Leistungen von Mercedes mit Spionage in Verbindung zu bringen ist allerdings Blödsinn. Die hätten ihr Auto niemals so schnell mit Ferrari-Technologie aufmotzen können. Höchstens gezielte Sabotage an den Ferraris wäre eine Erklärung. Aber soweit wollte wohl selbst der Autor (offfensichtlich ein Ferrari-Fan) nicht gehen...
Sagen sie einmal?? Bei allem Respekt warum neigen kleine Leute immer zu diese 'Ich will als Kleiner von allen gleich besch... werden Logik? Stehen wir da drauf? Ich nicht! Ferrari hat beschissen Es wurde bewiesen Raus mit Ferrari aus der Saison Mercedes hat besch... Raus mit Mercedes Solange alle raus bis ich mit dem alten VW Käfer die Formel 1 WM gewinnen kann. Es gibt nichts bekloppteres als der Masochistische Kleindumm Fan.Immer will er gleich aus Gerechtigkeitsgünden von allen teams angep..... werden für seine 300 Euro Gold Karte.... Wir Deutschen Fnas haben in der Hinsicht echt einen an der (Gerechtigkeits)klatsche... oder ist das etwa eine reine Präkariatsmacke? Übrigens 70% der Verkehrstoten sind Männer... Quotenregelung aus Gerechtigkeit? So gut Hamilton auch sein mag als Fahrer, zur Entwicklung des F1 McLaren kann er noch nict soviel beigetragen haben!
Klo, 04.07.2007
4.
Zitat von sysopWie sauber geht es in der Königsklasse des Motorsports zu? Mit welchen versteckten Tricks verschaffen sich die Teams Vorteile gegenüber der Konkurrenz und wie kann man Ihrer Meinung für mehr Ausgeglichenheit zwischen kleinen und großen Rennställen sorgen?
Werksspionage ist das Doping der Formel 1. Wieso sollte es das ausgerechnet dort nicht geben?
tschoemitoe, 04.07.2007
5. schon eklatant
Ferrari war anfangs total überlegen, dann kam plötzlich ein riesen Schritt von McLaren, der zeitlich komischerweise ziemlich genau mit den dargestellten Vorwürfen passt. Das sind natürlich keine Beweise, aber schon deutliche Indizien. Fakt ist, dass z.B. McLaren anfangs erhebliche Probleme mit den neuen Bridgestone-Reifen hatte. Diese wurden in Monaten der Vorbereitung auf die Saison nicht gelöst, dafür dann aber innerhalb weniger Wochen während der Saison?! Komischer Zufall... Ob Ferrari oder wer auch immer auch schon mal betrogen hat, spielt doch gar keine Rolle. Von Spionage wurde in den letzten Jahren immer mal wieder gesprochen, aber als Primus hatte es Ferrari wohl nicht nötig, selbst zu spionieren. Toyota wurde beschuldigt, bei Ferrari spioniert zu haben, jetzt McLaren. Ich denke auch, dass diese Form der Industriespionage durchaus üblich ist. Dennoch eher unangenehm, wenn sowas ans Licht kommt... Ferrari hat sich den Mitarbeiter selbst zum Feind gemacht, daher war soetwas eigentlich absehbar. Genauso glaube ich es nicht, wenn McLaren behauptet, die erhaltenen Informationen nicht verwendet zu haben...
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