Geplatzte Motorendeals Formel 1 ohne Red Bull - fast alles spricht dafür

Die Formel 1 ohne Red Bull? Das wird immer wahrscheinlicher. Verhandlungen mit Mercedes als Motorenlieferant begannen für die Österreicher verheißungsvoll - und scheiterten. Eine besondere Rolle spielte Ex-VW-Chef Winterkorn.

Red-Bull-Bolide im russischen Sotschi: "Das wäre ein Schock"
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Red-Bull-Bolide im russischen Sotschi: "Das wäre ein Schock"

Aus Sotschi berichtet Karin Sturm


Sebastian Vettel wirkte ziemlich betroffen. "Das wäre ein Schock", sagte der Ferrari-Pilot, als er am Donnerstag zu dem Gerücht befragt wurde, das derzeit die Formel 1 beschäftigt: ein Ausstieg von Red Bull. Das Team, mit dem Vettel zwischen 2010 und 2013 viermal in Folge Weltmeister geworden war. "Ich kann mir das derzeit einfach nicht vorstellen", sagte Vettel.

So wie dem 28-Jährigen geht es vielen Formel-1-Beobachtern: Kaum jemand mag wirklich daran glauben, dass sich Red Bull zurückzieht. Doch was in den vergangenen Wochen meist als Drohgebärde der Österreicher abgetan wurde, wird inzwischen immer wahrscheinlicher: Das Team von Brause-Milliardär Dietrich Mateschitz wird 2016 womöglich nicht mehr am Start sein, gleiches würde dann auch für den Nachwuchsrennstall Toro Rosso gelten.

Red Bulls Problem ist der Motor. Die Antriebseinheit von Renault ist derjenigen von Mercedes hoffnungslos unterlegen, weshalb die Kooperation der beiden langjährigen Partner nach dieser Saison beendet wird. "Bis Ende Oktober", sagte Mateschitz nun, müsse ein neuer Motorenpartner gefunden werden. So eindeutig, wie jetzt der 71-Jährige, hatte noch niemand von Red Bull mit dem Ausstieg gedroht.

Dabei schien zeitweise ein Deal mit Mercedes sehr nahe. Nach dem Rennen in Ungarn Ende Juli gab der Daimler-Vorstand auf Drängen von Mercedes-F1-Aufsichtsratschef Niki Lauda grünes Licht für entsprechende Verhandlungen. Sehr zum Missfallen von Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, der von Anfang an gegen eine Zusammenarbeit mit Red Bull war, weil er einen direkten Konkurrenten nicht stärken wollte.

Red-Bull-Boss Mateschitz: "Wir lassen uns nicht mit Vorjahresmaterial abspeisen"
imago

Red-Bull-Boss Mateschitz: "Wir lassen uns nicht mit Vorjahresmaterial abspeisen"

Dann aber brachte ein Gespräch im Spätsommer die Wende. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE unterrichtete der damalige VW-Chef Martin Winterkorn, allerdings deutlich vor Bekanntwerden des VW-Abgasskandals, Wolff darüber, dass es bei Volkswagen Pläne für einen Formel-1-Einstieg mit der Tochter Audi gebe - und zwar ab 2018 an der Seite von Red Bull. Audi hat das immer dementiert.

Mercedes wollte aber nicht zwei Jahre lang die Vorarbeit für einen anderen deutschen Premiumhersteller machen, weshalb Wolff sich intern durchsetzte. Daher sagte Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, Red-Bull-Teamchef Christian Horner am Tag des Rennens in Monza Anfang September offiziell ab. Weder Mercedes noch Audi wollten sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu den Vorgängen äußern.

Mittlerweile hat der Abgasskandal vieles verändert. Weil die Aufarbeitung bei VW höchste Priorität genießt, liegen mögliche Formel-1-Pläne zumindest vorerst auf Eis. Dennoch gilt es als ausgeschlossen, dass Mercedes noch einmal umschwenkt. Auch wenn Formel-1-Boss Bernie Ecclestone in Sotschi noch einmal lange mit Wolff und Lauda zusammensaß.

Ferrari-Teamchef Arrivabene: Präsident Sergio Marchionne bearbeitet
Getty Images

Ferrari-Teamchef Arrivabene: Präsident Sergio Marchionne bearbeitet

Red Bulls zweite Option war Ferrari. Deren Präsident Sergio Marchionne hatte den Österreichern kurz nach Monza eine mündliche Zusage gegeben, sie 2016 mit Motoren beliefern zu wollen. Doch dann wurde Marchionne von seinem Teamchef Maurizio Arrivabene und Technikdirektor James Allison bearbeitet. Ihre Argumente: Man könne doch nicht einen direkten Konkurrenten stärken und sich selbst schwächen, weil man an seine Kapazitätsgrenzen stoße.

Marchionne machte einen Rückzieher und bot Red Bull an, die aktuellen 2015er-Motoren zur Verfügung zu stellen. "Als Team, das viermal Weltmeister war, lassen wir uns doch nicht mit Vorjahresmaterial abspeisen", zürnte Mateschitz daraufhin. Ferrari ist inzwischen eh nicht mehr bereit, überhaupt Motoren an Red Bull zu liefern. "Es sieht so aus, dass wir überhaupt keinen Motor bekommen", sagte Horner in Sotschi, wo am Sonntag (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL und Sky) der Große Preis von Russland ausgetragen wird.

Sollten Mercedes und Ferrari bei ihren Positionen bleiben, wird Mateschitz wohl tatsächlich die Reißleine ziehen. Für ihn ist die Formel 1 bloß eine Werbeplattform, nicht die Geschäftsgrundlage, wie für die klassischen F1-Teams McLaren und Williams. Nicht Red Bull braucht die Formel 1, sondern die Formel 1 braucht Red Bull, war immer die Denke bei den Österreichern.

Wenn Mateschitz investiert, will er Erfolg haben. Stellt sich der nicht ein, steigen die Österreicher aus einem Projekt halt wieder aus und in ein anderes ein. In den USA etwa beendete Mateschitz einst das Red-Bull-Nascar-Projekt, weil für ihn der entsprechende return on investment nicht mehr stimmte. In der Motorrad-WM stoppte er einst seine Unterstützung, weil Yamaha Red Bull nicht die gewünschten Motoren liefern wollte.

"Für die Formel 1 wäre es beschämend, zwei oder gar vier Autos zu verlieren. Ich hoffe wirklich, dass Red Bull der Formel 1 erhalten bleibt", sagte Vettel in Sotschi. Ein Ausstieg würde die Motorsportserie auch deshalb treffen, weil es keinen potenziellen Neueinsteiger gibt, der so ein starkes und unabhängiges Team ersetzten könnte.

Formel-1-Saison 2015
Die Teams und Fahrer
Mercedes
Lewis Hamilton und Nico Rosberg
Red Bull
Daniel Ricciardo und Daniil Kwjat
Williams
Felipe Massa und Valtteri Bottas
Ferrari
Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen
McLaren Honda
Fernando Alonso und Jenson Button
Force India
Nico Hülkenberg und Sergio Pérez
Toro Rosso
Max Verstappen und Carlos Sainz jr.
Lotus
Romain Grosjean und Pastor Maldonado
Sauber
Marcus Ericsson und Felipe Nasr
Manor Marussia
Will Stevens und Roberto Merhi
Der Rennkalender
Die Rekorde
Die meisten WM-Titel
Michael Schumacher (7)
Die meisten Grand-Prix-Siege
Michael Schumacher (91)
Die meisten Siege in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 13)
Die meisten Start-Ziel-Siege
Ayrton Senna (19)
Die meisten Podestplätze
Michael Schumacher (155)
Die meisten Podestplätze in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 17)
Die meisten Pole-Positions
Michael Schumacher (68)
Die meisten Pole-Positions in einer Saison
Sebastian Vettel (15)
Die schnellsten Rennrunden
Michael Schumacher (77)
Die meisten Grand-Prix-Starts
Rubens Barrichello (323)



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insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
muenchen84 09.10.2015
1. macht nix
wenn diese Marketingklitsche Red Bull verschwindet, denen gehts nicht um die Sache sondern um Selbstdarstellung, das können Sie auch mit anderem Kram machen
mrvol 09.10.2015
2. Tot,
Töter am Totesten.. das ist die Formel 1.. schaut das echt noch irgendwer..??.. Ganz ehrlich ?? Aufgelasene Budgets, Promizirkus, Mondpreise für Tickets .. Wer Motorsport erleben möchte, hautnah und live und mit toller Atmosphäre sollte einfach ein Bergrennen oder eine Rallye in seiner Nähe besuchen. Danach wird er den Formel 1 Mist nie wieder einschalten. Darauf erstmal einen Red Bull zur Beruhigung.. :-D..
rmuekno 09.10.2015
3. Wenn red Bull aussteigt, dann ist die F1 tot
Die F1 schafft sich langsam selber ab, diese Überregulierung bei den regeln und Motoren macht alles zu teuer und zu unattraktiv für Neueinsteiger. Bernie weiss schon warum er verkaufen will, so lange das noch was Wert ist.
Analfabeth 09.10.2015
4. Doch, es kommet etwas Neues
Kein potenzieller Neueinsteiger? Da hat aber jemand schlampig recherchiert. 2016 erwartet uns ein neues Team, das nicht nur von Ferrari mit Motoren versorgt wird, sondern im Gegensatz zu den Brausefritzen aus Österreich auch einen technischen Background hat.
MickyLaus 09.10.2015
5. Leider
kommt die Autorin zu einer falschen Schlußfolgerung. Mateschitz wir nicht die Reißleine ziehen. Es wird mit Renault weitergehen. müssen.
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