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Vettel über seinen neuen Kollegen Leclerc

"Der Hype ist gerechtfertigt"

Der frühere Ferrari-Präsident hat ihm heimlich einen Vertrag gegeben, nun fährt Charles Leclerc bald im Team mit Sebastian Vettel. Alles Wichtige über den talentierten 20-jährigen Formel-1-Neuling, der gute Beziehungen hat.

Von Karin Sturm

DPA

Charles Leclerc (l.), Sebastian Vettel

Dienstag, 11.09.2018   14:52 Uhr

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Beim diesjährigen Grand Prix von Monaco saßen sie erstmals auf großer Bühne nebeneinander: Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel und Charles Leclerc, der 20 Jahre alte Sauber-Pilot und Formel-1-Neuling, der als Sechster in Baku und Zehnter in Barcelona seine ersten WM-Punkte eingefahren hatte.

Lewis Hamilton, ebenfalls vierfacher Weltmeister, war auch bei der Pressekonferenz - und Leclerc schienen die Lobeshymnen, die die beiden Superstars der Branche da auf ihn sangen, fast schon ein bisschen unangenehm zu sein. Vettel sagte: "Der Hype um ihn ist gerechtfertigt. Wenn man alle Nachwuchskategorien so durchläuft wie er, dann gehört man definitiv hier her."

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Vettel, der gerne noch ein Jahr mit seinem Freund Kimi Räikkönen gefahren wäre, wusste damals schon: Die Verantwortlichen bei Ferrari erörterten, ob man Leclerc bald ins Werksteam holen könnte. Und das, obwohl es in den vergangenen Jahrzehnten nicht der Ferrari-Philosophie entsprach, jungen, unerfahrenen Piloten eine Chance zu geben. "Ich mache die Verträge nicht, da muss man Maurizio Arrivabene fragen", sagte Vettel damals. "Aber ich sehe keinen Grund, warum er das nicht schaffen sollte."

"Zu früh für ihn"

Jetzt ist Leclerc am Ziel, von der kommenden Saison an fährt er für Ferrari. Der Platz wird frei, denn der frühere Formel-1-Weltmeister Kimi Räikkönen tritt zum Ende dieser Saison bei Ferrari ab und wechselt zum Schweizer Team Sauber. Leclerc kommt auch deshalb zu dieser Chance, weil der kürzlich verstorbene Ferrari-Präsident Sergio Marchionne, ein großer Leclerc-Fan, schon im Juni, rund um den Kanada-GP, seinem Ziehkind heimlich einen Vertrag gegeben hatte. Deshalb entschied der neue Ferrari-Präsident John Elkhann schon am Monza-Wochenende: "Wir respektieren das Papier - auch aus Respekt vor Marchionne."

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Leclerc, GP3-Sieger 2016, überlegener Formel-2-Champion 2017, muss sich nun an der Seite von Vettel in der Formel 1 beweisen. In einem Team, in dem mindestens die Hälfte der Verantwortlichen eher dagegen ist, dass er jetzt schon kommt. Das wird nicht einfach. "Zu früh für ihn", sagt auch Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve. "Der Druck bei Ferrari ist so extrem, es wäre besser für ihn gewesen, erst noch einmal ein Jahr in einem Mittelklasse-Team Erfahrung zu sammeln."

Beim Rennstall Sauber hatte Leclerc Eingewöhnungsprobleme, doch nach drei Rennen hatte er zusammen mit seinen Ingenieuren das Auto so weit, dass es zu ihm passte. Danach fuhr er besser als sein Teamkollege Marcus Ericsson, glänzte immer wieder mit starken Qualifying-Leistungen und guter Rennübersicht.

Wenige Tage nach dem Tod des Vaters saß er wieder im Cockpit

Außer in zwei, drei Rennen im Sommer - rund um Marchionnes Krankheit und Tod -, als sein Vertrag plötzlich wackelte und Leclerc nicht wusste, was passieren würde. Da sei er verunsichert gewesen, und seine Leistungen seien eingebrochen, erzählen Insider. Diese Episode gibt der Frage nach seiner mentalen Stärke und Reife zusätzliche Nahrung.

Andererseits hat Leclerc während seines Aufstiegs mehrfach bewiesen, dass er mit psychisch schwierigen Situationen gut umgehen kann. Als vergangenes Jahr sein Vater Hervé Leclerc, selbst Rennfahrer, überraschend starb, reiste er nur wenige Tage später nach Baku und gewann dort das Formel-2-Hauptrennen: "Er hätte sich gewünscht, dass ich starte", sagte Leclerc damals. "Durch alles, was passiert ist, habe ich gelernt: Rennfahren ist nicht alles im Leben. Das hat mir in einer Beziehung sogar geholfen: Es hat mit viel Druck genommen - und ich bin reifer geworden."

Der Tod des Vaters war der zweite Schicksalsschlag für ihn innerhalb kurzer Zeit: Leclerc war sehr eng mit Jules Bianchi befreundet, dem französischen GP-Piloten, der am 17. Juli 2015 an den Folgen seines Unfalls vom Japan-GP 2014 starb. "Aber ans Aufhören habe ich auch da nie gedacht", sagt er.

Beide wuchsen gemeinsam auf der Kartbahn von Papa Bianchi auf. Als die Karriere von Leclerc 2010 aus finanzieller Not vor dem Aus zu stehen schien, war es Jules Bianchi, der einen Kontakt zu Manager Nicolas Todt herstellte, dem Sohn des Fia-Präsidenten Jean Todt, der Sponsorengeld auftrieb. Diese Verbindung ist wohl einer der Gründe, warum Ferrari jetzt zu dem Vertrag stand: Mit der Familie des Fia-Präsidenten legt man sich ungern an.

Bei seinem Vater und bei Bianchi bedankte sich Leclerc auch noch einmal gesondert - nachdem er ihnen schon beim Monaco-GP sein Helm-Design gewidmet und dazu auf Twitter geschrieben hatte: "Spezielles Rennen, spezieller Helm. Ich werde mit dem Helm-Design meines Vaters antreten, das ich mit einem Tribut an Jules Bianchi ergänzt habe. Es war unser Traum, eines Tages in Monaco zu fahren, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Jules und er von oben zuschauen."

Einen Ratschlag gab Sebastian Vettel dem Youngster damals bei der Pressekonferenz in Monaco: "Hör nicht auf den Lärm rund um dich. Je besser du fährst, desto mehr Lärm dringt auf dich ein. Aber das musst du ausblenden. Also steig einfach in den Sauber und genieße die Formel 1 im Cockpit!"

Im Prinzip gilt das auch für seine kommende Zeit im Ferrari.

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