Zu wenig Fans, zu hohe Kosten Formel Krise

Die Formel 1 feiert den neuen Weltmeister - und sich selbst. Warum eigentlich? Die Rennserie steckt in der größten Krise ihrer Geschichte. Hier sind die Gründe für den Niedergang.

Formel-1-Boss Ecclestone: Die Zuschauerzahlen gehen weltweit zurück
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Formel-1-Boss Ecclestone: Die Zuschauerzahlen gehen weltweit zurück

Von Karin Sturm


In der Formel 1 wird gefeiert: bei Mercedes, weil Lewis Hamilton erneut Weltmeister geworden ist. Die Strategen der Rennserie freuen sich, weil ihr Produkt wieder große Bilder liefert - und damit große Aufmerksamkeit erhält.

Weltmeister in der Formel 1: Das zieht, immer noch. Doch die große Silberpfeil-Party in Austin kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Motorsport in der wohl größten Krise seiner 65-jährigen Geschichte steckt.

Das hat nicht so sehr mit der derzeitigen Langeweile durch die Mercedes-Dominanz zu tun. Schließlich waren Sebastian Vettel Anfang dieses Jahrzehnts, Michael Schumacher nach der Jahrtausendwende sowie Ayrton Senna und Alain Prost als McLaren-Honda-Duo Ende der Achtzigerjahre, Anfang der Neunzigerjahre ebenfalls konkurrenzlos. Das Interesse an der Formel 1 war dennoch riesig.

Jetzt sind vor allem die Schwierigkeiten riesig, und sie sind hausgemacht. Die Serie hat durch kaum noch zu durchschauende Regeländerungen sowie Intransparenz selbst dafür gesorgt, dass sich immer mehr Menschen von ihr abwenden. Sechs Probleme gibt es.

Problem Nummer 1: Die sinkende Akzeptanz bei den Fans

Die Zuschauerzahlen der Formel 1 gehen weltweit zurück. Sowohl die der Fans an den Rennstrecken als auch die TV-Einschaltquoten. Die Gründe sind vielfältig: Bei den Besucherzahlen spielen unter anderem die hohen Eintrittspreise eine Rolle. Aber grundsätzlich empfinden viele die heutige Formel 1 als nicht mehr attraktiv. Die Hybrid-Motorenformel mit ihren vergleichbar leisen Triebwerken hat für viele Zuschauer nichts mehr mit Motorsport zu tun. Dazu kommt der Eindruck, die Fahrer wären in ihren hoch technisierten Autos heute quasi "ferngesteuerte" Marionetten, abhängig vor allem von den Ingenieuren an der Box.

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Problem Nummer 2: Das Motorenreglement

Die mangelnde Akzeptanz der Fans ist nur eine Folge des aktuellen Motorenreglements. Die hochkomplexe Technik sorgt aber vor allem dafür, dass es weniger Vielfalt gibt. Einen Antrieb für ein Formel-1-Auto zu bauen ist für fast alle potenziellen Motorenlieferanten mittlerweile viel zu aufwendig und damit viel zu teuer geworden. Nur Mercedes hat die Technologie derzeit wirklich im Griff, Ferrari noch einigermaßen, Renault und Honda sind weit abgeschlagen. Mangels Konkurrenz können Mercedes und Ferrari bestimmen, welches Team noch konkurrenzfähig ist - schließlich liefern sie die Motoren an viele andere Rennställe.

Problem Nummer 3: Die Kostenfrage

Gerade für die kleinen, unabhängigen Teams wird es immer schwieriger, in der heutigen Formel 1 zu überleben, geschweige denn halbwegs konkurrenzfähig zu sein. Die Spitzenställe geben um die 300 Millionen Euro im Jahr aus. Die Kleinen hingegen haben massive Probleme, ein Budget auf die Beine zu stellen, das gerade mal einem Drittel davon entspricht. Das hat auch damit zu tun, dass die großen Teams pauschal viel mehr von den Gesamteinnahmen abbekommen, ohne dass diese Zahlungen an Platzierungen geknüpft sind. Allein die Motoren, die früher maximal acht Millionen Euro pro Saison kosten durften, schlagen heute für die Kundenteams mit knapp 20 Millionen Euro zu Buche.

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Problem Nummer 4: Der sukzessive Rückzug aus Europa

Die Formel 1 wandert vom klassischen europäischen Kernmarkt, wo die meisten Fans sind, immer mehr in Regionen ab, in denen sie keine Wurzeln hat. Warum? Weil dort Regierungen aus Prestigegründen bereit sind, die von Ecclestone geforderten hohen Antrittsgelder von meist 25 bis 35 Millionen Euro zu bezahlen. Russland zum Beispiel, Bahrain und kommende Saison Aserbaidschan.

Europäische Veranstalter können da nicht mithalten. Einen Frankreich-GP gibt es schon seit einigen Jahren nicht mehr. Jüngst fiel der Grand Prix von Deutschland aus, selbst der Klassiker Monza ist über 2016 hinaus nicht gesichert. Und jetzt gerät Silverstone in Schwierigkeiten. Auch bei den Briten fehlt plötzlich Geld, die Finanzierung des Rennens 2016 ist längst nicht mehr gesichert.

Problem Nummer 5: Komplizierte interne Machtverhältnisse

Strategiegruppe, Formel-1-Kommission, Fia-Motorsport-Weltrat: Die Gremien, die über die Regel- und Entscheidungsfindung in der Formel 1 heute bestimmen, sind ein kompliziertes Konstrukt. Fakt ist: Der Motorsport-Weltverband Fia, der ja eigentlich die Kontrolle haben sollte, scheint sich unter Präsident Jean Todt immer weiter zurückzuziehen; die großen Teams und damit vor allem auch die Hersteller übernehmen nach und nach die Macht. Und die haben natürlich mehr ihre eigenen Interessen im Blick als das Wohl der gesamten Serie.

Problem Nummer 6: Die laufende EU-Klage und die Folgen

Force India und Sauber legten kürzlich die seit Langem angekündigte Beschwerde über Machtstruktur und Finanzverhältnisse in der Formel 1 bei der Europäischen Union ein. EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager bekam eine detaillierte Aufstellung über die Verteilung der Einnahmen und auch über die Wege der Regelfindung in der Strategiegruppe, in der die kleinen Teams nicht vertreten sind. Aus Brüssel bekamen die Kläger die Information, dass es wohl schon bis Anfang 2016 ein Ergebnis geben soll. Wenn die EU-Kommission Sauber und Force India tatsächlich recht gibt, was gar nicht so unwahrscheinlich ist, dann hätte das für die Formel 1 weitreichende Folgen, dann wäre das ganze derzeitige System nicht mehr zu halten.

Ein solches Verfahren trägt natürlich nicht gerade zur Wertsteigerung des Produkts an sich bei. Keine guten Karten für die Verkaufsabsichten von F1-Boss Bernie Ecclestone, der seine Anteile angeblich loswerden will. Der fast 85-jährige Engländer war es, der ein Großteil der heutigen Formel-1-Strukturen geschaffen hat - und damit auch ein Großteil der Probleme.



insgesamt 86 Beiträge
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andibaer 26.10.2015
1. Früher ...
... war nicht alles besser, aber ein kleines Team mit pfiffigen Technikern konnte sich mit einer guten Idee (optimierte Regelauslegung) solange einen Vorteil verschaffen, bis der Rest der Teams es verstanden und kopiert hatte. Heute hat der den Vorteil, der das meiste Geld hat. Und da der Teufel immer ... na, sie wissen schon ... wird sich in naher Zukunft - siehe Motorenkrieg - auch nichts ändern. Für mich ist die Formel 1 in ihrer jetzigen Komplexität ein Auslaufmodell, welches nur noch weiter gemolken wird.
rolandjulius 26.10.2015
2. Diktaruren werden so lange geduldet...
bis jemanden der Kragen platzt, weil die Felle davon geschwommen sind.
patrickkulinski 26.10.2015
3. Probleme 2+3
Ich predige es regelmäßig in Gesprächen, dass das sehr enge Reglement, was man technisch darf und was nicht, der wohl größte Stolperstein für die Serie ist. Die aktuellen Autos sind vom Prinzip her sehr ähnlich, und die besten Detaillösungen gewinnen, was eine extrem teure Angelegenheit ist. Gleichzeitig ist ein nötiger Stand der Technik festgehalten, um teilnehmen zu können. Bei einer Entfesselung der Ingenieure wären zum einen wieder aufregende Konzepte drin... und zum anderen gleichzeitig zumindest rudimentär konkurrenzfähige Lösungen für den kleinen Geldbeutel. Was zudem nicht erwähnt wurde ist, dass es kommerzielle Teilhaber gibt, die Geld an der Formel 1 verdienen wollen. Dieses Geld fehlt dann naturgemäß den Teams.
BettyB. 26.10.2015
4. Fast unglaublich
Da schauen sich doch tatsächlich angeblich weniger Männer das Kreisfahren an? Wie lässt sich das erklären? Da haben doch einige nicht etwa erkannt, dass das Hintereinanderherfahren irgendwie doch nicht so prickelnd ist?
willi_ac 26.10.2015
5. Autokratische Systeme ...
... kommen irgendwann an ihr Ende. Im Vergleich dazu kommt einen die Fifa wie ein Hort von Demokratie und Mitbestimmung vor. Man versucht hier gar nicht erst, ein System aufzubauen, das durch gute Regeln unabhängig von den konkret handelnden Personen eine gewisse Stabilität und auch langfristige Akzeptanz bekommt. Da werden Streckenbetreiber in die Pleite getrieben (Nürburgring) bzw. wird die öffentliche Hand gemolken, um eine kleine Champagnerclique zu alimentieren. Motorsport erscheint mir inzwischen aus der Zeit gefallen zu sein. Und nebenbei: Trotzdem ist das auch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer noch Sendezeit wert. Schade um meinen GEZ-Beitrag.
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