Drittes Formel-1-Rennen in Shanghai Die Reifenprüfung

"Wie ein Bett auf vier Pfosten": Lewis Hamilton beschwerte sich über die Balance seines Autos. Dabei sahen die Zuschauer beim Sieg von Nico Rosberg ein ungewohnt unterhaltsames Rennen - auch dank einer klugen Regeländerung.

AFP

Von Karin Sturm


Der Unfall in der ersten Kurve war beim dritten Saisonsieg von Nico Rosberg das wichtigste Nebenthema in Shanghai. Zwei der Protagonisten, Sebastian Vettel und Daniil Kvyat leisteten sich vor der Siegerehrung vor laufenden Kameras ein entsprechendes Rededuell. Vettel beschwerte sich beim Russen: "Du bist da wie ein Torpedo angeschossen gekommen", meckerte Vettel, "wenn ich auf meiner Linie weiterfahre, dann krachts." Der Red-Bull-Pilot antwortete trocken: "Dann fahr da halt nicht weiter." Der Deutsche erwiderte, schon sichtlich verärgert: "Nur war da auf der anderen Seite noch ein Auto" - das von seinem Ferrari-Teamkollegen Kimi Räikkönen eben, das Vettel dann auch prompt aus dem Weg räumte. Kvyat antwortete unbeeindruckt: "Ich kann auch nicht alle Autos sehen, ich hab nur zwei Augen."

Überhaupt tat der Russe so, als könne er die Aufregung gar nicht verstehen: "Es hat doch nicht gekracht, wir sind beide auf dem Podium, was willst du?" Vettel versuchte noch einmal, seinen Standpunkt klar zu machen: "Ja, für dich hats nicht gekracht, du hattest heute noch mal Glück. Für uns andere aber schon." Mit ein bisschen Abstand kam dann aber auch Vettel zu der Erkenntnis, dass es wohl ein normaler Rennunfall gewesen sei, "und ich war dann in der Mitte im Sandwich und konnte nichts mehr machen".

Zweiter Grund für die "Wichtigkeit" dieses Zwischenfalls: Er sorgte letztlich für all die Konsequenzen, die das Rennen nachher prägten: Lewis Hamilton etwa war indirektes Opfer: Als der von Vettel berührte Räikkönen wieder auf die Strecke fuhr, musste Felipe Nasr im Sauber ihm abrupt ausweichen - und rasierte dabei Hamiltons Mercedes den Frontflügel ab. Und auf den Überresten all dieser Feindberührugen fing sich Daniel Ricciardo (Red Bull) seinen Reifenschaden ein.

Eine Regeländerung, die funktioniert

Dass die Startphase dann aber eins der unterhaltsamsten und spektakulärsten Rennen der letzten Jahre einleitete, lag auch an einer der vielen Änderungen, mit denen die Regelhüter in den vergangenen Jahren die Formel 1 attraktiver zu machen versuchten. In diesem Fall erfolgreich: Die Teams haben seit Beginn dieser Saison drei statt zuvor zwei verschiedene Reifenmischungen zur Verfügung. Das gibt strategisch mehr Möglichkeiten - und sorgt letztlich für mehr echte Überholmanöver. Echt im Unterschied zu den doch manchmal eher als künstlich eingestuften Überholmanöver per DRS, also flach gestelltem Flügel, auf der Geraden.

Warum ist das so? Weil es bei drei verschiedenen Mischungen - in China waren es medium, soft und supersoft - größere Geschwindigkeitsunterschiede gibt. Die Rundenzeiten variieren auch zwischen sonst relativ gleichwertigen Autos innerhalb von 1,5 Sekunden. Und in diesen Bereichen sind dann auch in der heutigen Formel 1 mit ihren aerodynamisch so ausgefeilten Autos, die das Hinterherfahren hinter einem Konkurrenten so schwierig machen, Überholmanöver möglich.

Was auch zur Spannung und Unterhaltung beiträgt: Die Teams können so die Stärken ihrer Autos besser ausspielen: Ferrari etwa die Tatsache, sehr schonend mit den Reifen umzugehen. So konnte Vettel bei seiner Aufholjagd speziell auf den schnelleren Super-soft setzen, der bei ihm bis zu 13 Runden hielt - andere Team stellten schon nach fünf oder sechs Runden massiven Abbau fest. Konkurrent Mercedes kommt dagegen mit dem härteren Mediumreifen besser zurecht als die meisten anderen Teams - eine Tendenz, die sich schon im Winter bei den Testfahrten abzeichnete.

Wobei sich aber auch zeigte: Die ganzen Theorien funktionieren so richtig nur, wenn man auch ein schnelles und intaktes Auto hat. Musterbeispiel dafür: Lewis Hamilton. Dessen Mercedes wurde durch die Feindberührung am Start so stark beschädigt, dass er erheblich an Abtrieb verlor, und das Auto sich fuhr "wie ein Bett auf vier Pfosten", wie es der Weltmeister recht drastisch formulierte. Was dann wiederum bedeutete, dass zusätzlich zum sowieso nicht mehr optimalen Speed die Mediumreifen, die er für seine letzte Rennphase aufgezogen hatte, mehr litten als gewöhnlich. So musste der Weltmeister am Ende, anstatt weiter aufzuholen, Ricciardo und Räikkönen ziehen lassen. Sieger Rosberg freute sich über diese misslungene Reifenprüfung - sein Vorsprung in der WM-Wertung wuchs deshalb auf 36 Punkte an.

Formel-1-Saison 2016
Die Teams und Fahrer
Mercedes
Lewis Hamilton und Nico Rosberg
Ferrari
Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen
Williams
Felipe Massa und Valtteri Bottas
Red Bull
Daniel Ricciardo und Max Verstappen
Force India
Nico Hülkenberg und Sergio Pérez
Renault
Kevin Magnussen und Jolyon Palmer
Toro Rosso
Daniil Kwjat und Carlos Sainz jr.
Sauber
Marcus Ericsson und Felipe Nasr
McLaren Honda
Fernando Alonso und Jenson Button
Manor
Rio Haryanto und Pascal Wehrlein
Haas
Romain Grosjean und Esteban Gutierrez
Der Rennkalender
20. März: Australien (Melbourne)
3. April: Bahrain (as-Sachir)
17. April: China (Shanghai)
1. Mai: Russland (Sotschi)
15. Mai: Spanien (Barcelona)
29. Mai: Monaco (Monte Carlo)
12. Juni: Kanada (Montréal)
19. Juni: Europa (Baku)
3. Juli: Österreich (Spielberg)
10. Juli: Großbritannien (Silverstone)
24. Juli: Ungarn (Mogyoród)
31. Juli: Deutschland (Hockenheim)
28. August: Belgien (Spa-Francorchamps)
4. September: Italien (Monza)
18. September: Singapur (Singapur)
2. Oktober: Malaysia (Sepang)
9. Oktober: Japan (Suzuka)
23. Oktober: USA (Austin)
30. Oktober: Mexiko (Mexiko-Stadt)
13. November: Brasilien (Interlagos)
27. November: Abu Dhabi (Yas-Insel)
Die Rekorde
Die meisten WM-Titel
Michael Schumacher (7)
Die meisten Grand-Prix-Siege
Michael Schumacher (91)
Die meisten Siege in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 13)
Die meisten Start-Ziel-Siege
Ayrton Senna (19)
Die meisten Podestplätze
Michael Schumacher (155)
Die meisten Podestplätze in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 17)
Die meisten Polepositions
Michael Schumacher (68)
Die meisten Polepositions in einer Saison
Sebastian Vettel (15)
Die schnellsten Rennrunden
Michael Schumacher (77)
Die meisten Grand-Prix-Starts
Rubens Barrichello (323)
insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
ctv24 17.04.2016
1. Tolles Formel 1 Rennen
Diese Reifenänderung bewährt sich - ich wurde heute bestens unterhalten. Auch die Rennen in Australien und Bahrain waren spannend, es lohnt sich also wieder, einzuschalten. Das Einzige, was noch fehlt, ist der Kampf um Platz 1 - bisher hatte Rosberg da aber auch viel Glück (und er fährt auch sehr stark). In Bahrain fällt Vettel aus, Hamilton mit Kollision, dieses Mal wieder eine Kollision zwischen den Ferrari und Hamilton vom letzten Platz. Kurz: Sieht gut aus, zukünftig mit weniger Pech für Ferrari und Hamilton gegenüber Rosberg auch für die Spitze!
braamsery 17.04.2016
2. Muss auch sagen,
dass das Rennen mal wesentlich spannender war als zuletzt. Allein dass ein hamilon nicht einfach das Feld von hinten bis aufs Podium aufrollt war schon ein Zeichen, dass nicht alles immer schlecht ist.
judueck 17.04.2016
3. Super Rennen, aber.....
....es ist schade das man jetzt Rosberg beschenkt! Oder glaubt jemand das jetzt plötzlich, zufällig alles gegen Hamilton läuft! Ich glaube man will so wieder etwas Spannung rein bringen!
TS_Alien 17.04.2016
4.
Woher die Geschwindigkeitsüberschüsse kommen, Reifen oder DRS, ist letztlich egal. Tatsache bleibt, dass der Überholte nicht wirklich kontern kann. Genau das macht aber Motorsport aus. Die F1 ist mit den neuen Reifenarten etwas interessanter geworden, aber richtig spannend ist sie immer noch nicht.
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