Titelkampf in der Formel 1 Vettel braucht Schützenhilfe

Sebastian Vettel steht in der WM-Wertung 14 Punkte vor Lewis Hamilton. Ist der Deutsche also Favorit auf den Titel? Das Restprogramm der F1 kommt eher Mercedes entgegen. Die Kandidaten in der Analyse.

Lewis Hamilton und Sebastian Vettel (rechts)
AFP

Lewis Hamilton und Sebastian Vettel (rechts)

Aus Spa-Francorchamps berichtet


Wenn die Weltmeisterschaft in der Formel 1 nicht auf, sondern neben der Strecke vergeben würde, stünde der Sieger wohl schon fest. Nach der dreiwöchigen Sommerpause machte Lewis Hamilton im Fahrerlager einen lockeren und entspannten Eindruck, plauderte über seine Reise nach Kuba, präsentierte ein Nasenpiercing und wirkte wild entschlossen: "I'm here for blood", sagte Hamilton.

Bei seinem großen Rivalen Sebastian Vettel wirkte alles etwas ernster, gezwungener. Im Fahrerlager des Circuit de Spa-Francorchamps, diese von fast allen Piloten so geliebte Achterbahn in den Ardennen, beantwortete Vettel die Fragen in aller Kürze. Seine Vertragsverlängerung mit Ferrari könne sich noch etwas hinziehen, stattdessen begrüßte er den neuen Einjahresvertrag seines Teamkollegen Kimi Räikkönen und er redete bereits über das kommende Rennen in Monza, das Ferrari-Heimspiel. Dort zählt für Vettel nur ein Sieg.

Das unterschiedliche Verhalten in der Öffentlichkeit ist aber nur ein Randaspekt. Sportlich trennt die beiden wenig. Die Analyse vor der zweiten Saisonhälfte:

Restprogramm: Vorteil Mercedes

Neun Rennen stehen noch aus, theoretisch kann ein Fahrer im Idealfall noch 225 Punkte holen. Das Erstaunliche am engen Titelkampf ist, dass Ferrari und Mercedes zwei sehr unterschiedliche Autos gebaut haben und trotzdem so nah beieinander liegen. Enge Kurven, glatter Asphalt, großer Reifenverschleiß - auf diesen Strecken kommt die Scuderia besser zurecht. Wenn dank langer Geraden und schneller Kurven Motorleistung gefragt ist, sind die Silberpfeile kaum zu schlagen.

Genau diese Anforderungen bieten die Strecken in Spa, Monza und Suzuka, auch die Rennen in den USA und Abu Dhabi liegen wegen ihrer Kurvencharakteristik eher Mercedes. Als klare Ferrari-Strecke geht nur Singapur durch. Bleiben noch Malaysia, Mexiko und Brasilien, wo die Verhältnisse ausgeglichen sind.

Teamleistung: Unentschieden

Über die gesamte Saison gesehen, machte Ferrari bisher den besseren Eindruck. Gute Strategieentscheidungen, funktionierende Motor- und Aerodynamik-Updates, schnelle Boxenstopps - die Italiener leisteten sich, anders als in den Vorjahren, kaum Fehler. Das hat Mercedes erkannt. "Wir haben aus unseren schlechten Rennen gelernt", sagte Hamilton in Spa, "wir wollen uns vor allem in Sachen Abstimmung verbessern."

Dafür müssen Teamchef Toto Wolff und seine Ingenieure das Auto noch besser verstehen lernen. Der längere Radstand des Mercedes sorgte in der ersten Saisonhälfte zeitweise für ein Übersteuern, was vor allem Hamilton Probleme bereitete. Allerdings könnte Ferrari in Sachen Motor-Elemente in Schwierigkeiten geraten. Sowohl Vettel als auch Räikkönen haben bei den sechs verschiedenen Bauteilen jeweils mindestens drei Versionen verbaut, beim Turbolader ist bereits Nummer vier in Gebrauch. Dieser Nachteil ist seit dem Training in Spa ausgemerzt, Hamilton und Bottas liegen nun bei drei Elementen ebenfalls beim vierten Bauteil. Wird ein fünftes Element benötigt, wird der Fahrer nach dem Qualifying zehn Plätze nach hinten versetzt.

Der WM-Dritte Valtteri Bottas hat 33 Punkte Rückstand auf Vettel
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Der WM-Dritte Valtteri Bottas hat 33 Punkte Rückstand auf Vettel

Teamkollegen: Vorteil Ferrari

Theoretisch kann bei nur 33 Punkten Rückstand auf Vettel auch noch Mercedes-Pilot Valtteri Bottas in den WM-Kampf eingreifen. Der Große Preis von Ungarn hat immerhin gezeigt, wie ernst es die Silberpfeile mit der fehlenden Stallorder meinen. In Budapest hatte der an diesem Tag schnellere Hamilton seinen Teamkollegen zunächst überholt, als der Angriff auf die beiden Ferrari fehlschlug, ließ er den Finnen wieder vorbei.

Bottas, und das ist durchaus überraschend, zeigt konstante Leistungen. Er gewann die Rennen in Russland und Österreich, anders als Vettels Teamkollege Kimi Räikkönen, der seit über vier Jahren auf einen Sieg in einem Formel-1-Rennen wartet. Und trotzdem spricht diese Konstellation eher für Ferrari. Denn Bottas wird, je länger die Saison andauert und er noch Titelchancen haben wird, zum Einzelkämpfer und könnte Hamilton wichtige Punkte wegnehmen.

Räikkönen wiederum ist, wenn auch zum Teil zähneknirschend, ein Teamplayer, der Vettels Erfolge absichern soll. Eigene Interessen? Die darf der Finne bei Ferrari nicht mehr verfolgen. Wenn er in den kommenden neun Rennen mal vor Vettel liegen sollte, wird er den WM-Führenden irgendwann vorbeilassen.

Psyche: Unentschieden

Für Red-Bull-Teamchef Christian Horner ist die Sache klar: Er kennt Vettel nach vier gemeinsam errungenen Weltmeisterschaften sehr gut und glaubt an dessen Nervenstärke. "Sebastian ist mit zunehmenden Druck immer besser geworden", sagte der Brite. "Wenn sich der Titelkampf zugespitzt hat, war er außergewöhnlich stark." Seit neun Jahren fährt Vettel in der Formel 1, achtmal holte er in der zweiten Saisonhälfte mehr Punkte.

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Titelkampf in der Formel 1

Wer gewinnt die Fahrerwertung?

Das gilt aber auch für Hamilton, der in neun von zehn Saisons nach der Sommerpause mehr Punkte einfuhr. Dazu gehört auch, dass beide Piloten sehr diszipliniert sind und selten Fehler machen. Vettel hat den Pfad der Tugend in Aserbaidschan allerdings bereits einmal verlassen, als er Hamilton seitlich ins Auto fuhr. Auszuschließen ist nicht, dass es weitere Zwischenfälle auf der Strecke gibt.

Fazit: Die Entscheidung wird erst im letzten Rennen in Abu Dhabi fallen. Es spricht insgesamt mehr für Hamilton als für Vettel, deshalb muss der Deutsche auf Unwägbarkeiten hoffen: Ausfälle, Unfälle, technische Probleme. Oder einfach Wetterkapriolen - damit könnte es schon in Spa am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL) losgehen.



insgesamt 8 Beiträge
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bhang 25.08.2017
1. [Zitat] Genau diese Anforderungen bieten die Strecken in Spa, Monza
und Suzuka, auch die Rennen in den USA und Abu Dhabi liegen wegen ihrer Kurvencharakteristik eher Mercedes. Als klare Ferrari-Strecke geht nur Singapur durch. Bleiben noch Malaysia, Mexiko und Brasilien, wo die Verhältnisse ausgeglichen sind. [/Zitat] Tja, und dennoch ist Ferrari besser, weil sie insgesamt das bessere Auto haben (Allround-Auto oder so ähnlich nennt man das wohl). Auf Strecken, auf denen AMG besser war, war Ferrari bei normalen Rahmenbedingungen nicht hoffnungslos weit dahinter, sondern hatten auch eine Siegchance (z.B. in Baku oder Kanada (bloß wegen Startkuddelmuddels sah das nicht so aus) oder Österreich oder Barcelona). Umgekehrt jedoch, wenn Ferrari besser war, war AMG hoffnungslos unterlegen (Monaco, Ungarn). Also wird Ferrari weiterhin auch auf eigentlichen AMG-Strecken (Belgien, Monza, Suzuka, USA, AbuDhabi) an AMG dran sein und umgekehrt, AMG auf Ferrari-Strecken (u.a. Singapur) komplett aussichtslos unterwegs sein, was den Sieg angeht. Dann noch einerseits unendlich viel Schützenhilfe bei Ferrari für Vettel und andererseits überhaupt keine, oder jedenfalls keine übermäßige Schützenhilfe für Hamilton bei AMG (im Gegenteil: bisweilen war sogar Hamilton der, der seinen Platz abgab in Ungarn... und falls jetzt jemand ankommt mit, "tja, wenn Hamilton zu Saisonmitte immer noch nur ein paar Pünktchen vor dem Nr.2-Fahrer liegt, selbst schuld...": sorry, aber hat Ferrari 1999 dennoch nicht davon abgehalten, die "Nr.2" hinten zu lassen, obwohl Irvine zu Saisonmitte noch viel weniger Punkte Rückstand zum Nr.1-Fahrer im Team hatte (siehe 1999 in Frankreich). Nee nee, Hamilton hat's schwerer und braucht Schützenhilfe in Form von Ausfällen bei Vettel damit's spannend wird/bleibt (siehe Silverstone... erst da wurde es - Potzblitz - von den Punkten auf einmal wirklich nahezu ausgeglichen aufgrund des Vettel'schen Reifenplatzers).
lupo49 25.08.2017
2.
Für mich ist Vettel als Steuerflüchtling jetzt Schweizer und verstehe nicht weshalb man immer noch so viel Aufhebens um ihn macht. Die Fans sollten andere Vorbilder nehmen.
harke 25.08.2017
3.
@lupo49 Würde ich an seiner Stelle sein, ich würde auch in die Schweiz ziehen. Kann ihn 100% verstehen.
ziehenimbein 25.08.2017
4. Wo jemand wohnt oder Steuern zahlt
ist mir vollkommen egal. Mit Sicherheit hat Vettel in Deutschland bereits mehr Steuern gezahlt als ich oder andere jemals zahlen werden. Ich mag ihn als Fahrer und in den Teams oder unter seinen Kollegen ist er wohl auch recht beliebt.
lionel.logue 25.08.2017
5. Eine Figur wie die andere
Weder Vettel noch Hamilton taugen in irgeneiner Weise als Vorbild. Steuerflüchtlinge, egoistisch, zumeist hirnlos, aber als Fahrmaschinen perfekt. Wobei Vettel wegen seines unglaublich unreifen Ausrasters in Aserbaidschan sich selbst disqualifizierte - andere hätten es auch tun sollen.
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