Formel 1 in Shanghai Chinesische Reifenoper

Während sich Ferrari und Lotus über Platz eins und zwei in China freuen, verzweifelt die Konkurrenz an den Reifen. Die neuen Pneus bauen sehr schnell ab, wenn die Abstimmung nicht richtig passt. Vor allem Red Bull hat große Probleme - weil das Auto zu schnell für die Reifen ist.

Lotus-Pilot Räikkönen (l.), China-Sieger Alonso: Cleverer als die Konkurrenz
AP/dpa

Lotus-Pilot Räikkönen (l.), China-Sieger Alonso: Cleverer als die Konkurrenz

Aus Shanghai berichtet


Die Reifen! Nach dem Training am Freitag, nach dem Qualifying am Samstag, nach dem Rennen am Sonntag: Beim Großen Preis von China drehte sich alles um die Reifen. Wann nimmt man welche Mischung, wie schnell bauen sie ab? Fragen, die noch nie so wichtig waren wie in dieser noch jungen Saison, die schon jetzt immer mehr zur "Reifenoper" zu werden droht.

In Shanghai waren die Pirelli-Pneus im Training schon nach wenigen Runden hinüber. Ganze Brocken lösten sich, flogen wie Geschosse durch die Gegend. Der frühere Formel-1-Fahrer und jetzige TV-Experte Marc Surer stellte ernüchternd fest: "Diese Reifenmischungen sind zu weich." Pirelli baute - gewollt oder nicht - für diese Saison Reifen, die sehr schnell abbauen und damit noch mehr über Sieg und Niederlage entscheiden als die Jahre zuvor.

"Es hat nicht viel mit Rennfahren zu tun, wenn man das ganze Rennen praktisch nur auf die Reifen auslegt", meckerte Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel, der in Shanghai als Vierter das Podest um 0,2 Sekunden verpasste. Es gewann Fernando Alonso im Ferrari vor Lotus-Pilot Kimi Räikkönen und Lewis Hamilton im Mercedes. Der Zieleinlauf spiegelte das derzeitige Kräfteverhältnis wider, bei dem es nur um das Zusammenspiel von Auto und Reifen geht. Und nur bei Ferrari und Lotus kommt man mit den Pneus aus Italien einigermaßen klar.

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Großer Preis von China: Fernandos Flugstunde im Ferrari
Beide Teams haben sich in der Reifen-Frage einfach cleverer als die Konkurrenz verhalten. Lotus stellte Pirelli ein Auto aus der Saison 2010 zur Verfügung, das der italienische Reifenhersteller regelmäßig zu Testzwecken und zur Reifenentwicklung nutzte. An der Teststrecke arbeiten Lotus-Mechaniker und -Ingenieure für Pirelli. Auch wenn diese Lotus-Techniker vom Testteam nichts mit denen vom Rennteam zu tun haben - ein Datenaustausch lässt sich kaum vermeiden. Bei Lotus wissen sie daher besser als bei anderen Teams, wie sie ihre neuen Modelle entwickeln müssen, um sie bestmöglich auf die Pirelli-Reifen abzustimmen.

Ferrari hat dieses Wissen nicht, dafür aber eine gute Personalpolitik betrieben. Ende vergangenen Jahres verpflichtete der Rennstall Pedro de la Rosa als dritten Piloten. Der Spanier war zuvor Pirelli-Testpilot. Er kennt sich wie kaum ein anderer mit der sensiblen Charakteristik der italienischen Reifen aus. De la Rosa weiß zudem ganz genau, welche Grundabstimmung man am Auto einstellen muss, um von Anfang an weniger Reifenprobleme im Rennen zu bekommen. Das fängt mit Flügeleinstellungen an, geht weiter über den Sturz der Räder und spezielle Set-ups am Motor, damit das Beschleunigen nicht zu abrupt auf die Hinterräder wirkt, bis hin zu der Frage, welche Radaufhängungen am besten zu den Reifen passen.

Der Red Bull ist zu schnell für die neuen Reifen

Bei über 500 verschiedenen Abstimmungsparametern, über die ein Formel-1-Auto verfügt, "kann das Wissen um die beste Basisabstimmung schon ein entscheidender Vorteil sein", sagt Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko. Dass die aktuellen Pirelli-Testfahrer Jaime Alguersuari (Spanien) und Lucas di Grassi (Brasilien) mehr mit ihren Landsleuten Fernando Alonso und dessen Ferrari-Teamkollegen Felipe Massa reden, als mit anderen Piloten, ist auch kein Nachteil für die Scuderia.

Red Bull hat - einfach ausgedrückt - ein Problem mit der Geschwindigkeit. Der RB9, entworfen von Adrian Newey, dessen Credo die ultimative Kurvengeschwindigkeit ist, hat einfach zu viel Tempo für die momentane Generation der Pirelli-Reifen. Deren Seitenwände halten dem Red Bull nicht lange genug stand. Das gibt sogar Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery zu: "Sicherlich hat Red Bull in den Hochgeschwindigkeitskurven sehr viel Abtrieb, was besonders auf die hinteren Reifen geht."

Force-India-Pilot Adrian Sutil erklärt: "Es macht einen großen Unterschied, ob du mit Tempo 240 oder 260 durch eine Kurve fährst. 20 Stundenkilometer mehr gehen richtig auf die Reifen." Bei Red Bull sieht man genau diesen Umstand problematisch. "Natürlich sieht es derzeit so aus, als würden wir nur rumjammern. Aber wir können doch nicht dafür bestraft werden, dass wir das schnellste Auto gebaut haben", sagt Teamchef Christian Horner. Pirelli-Boss Hembery entgegnet: "Es gehört eben auch zur Formel 1, ein Auto zu entwickeln, das im Zusammenspiel mit den Reifen am besten funktioniert. Lotus und Ferrari haben das bisher gut geschafft."

Red Bull muss jetzt noch das nächste Rennen in Bahrain am kommenden Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL und Sky) überstehen und hofft dann auf andere Reifenmischungen. Am Auto selbst kann man nicht viel machen. "Du kannst nicht einfach weniger Flügel fahren, um weniger Abtrieb zu bekommen, und damit das Reifenproblem lösen", sagt Ex-Jordan-Cheftechniker Gary Anderson, "die Basis ist nun mal da".

Im Verbund mit Mercedes macht sich Red Bull dafür stark, dass Pirelli ab dem übernächsten Grand Prix in Barcelona neue Reifenmischungen einsetzt. Härtere, die weniger abbauen und auch den Fliehkräften des Red-Bull-Bolidens standhalten. Ferrari und Lotus sind - natürlich - dagegen. Eine Entscheidung von Pirelli steht noch aus.

insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
unifersahlscheni 14.04.2013
1. Warum...
Zitat von sysopAP/dpaWährend sich Ferrari und Lotus über Platz eins und zwei in China freuen, verzweifelt die Konkurrenz an den Reifen. Die neuen Pneus bauen sehr schnell aber, wenn die Abstimmung nicht richtig passt. Vor allem Red Bull hat große Probleme - weil das Auto zu schnell für die Reifen ist. http://www.spiegel.de/sport/formel1/formel-1-ferrari-und-lotus-kommen-am-besten-mit-den-reifen-klar-a-894288.html
... würfeln die nicht gleich den Weltmeistertitel aus? Denn dass das fahrerische Können eher drittranigig ist, kann man sich bei solchen Reifen ja denken...! :)
ein-berliner 14.04.2013
2. Ein Parameter wird hier vergessen
Zitat von sysopAP/dpaWährend sich Ferrari und Lotus über Platz eins und zwei in China freuen, verzweifelt die Konkurrenz an den Reifen. Die neuen Pneus bauen sehr schnell aber, wenn die Abstimmung nicht richtig passt. Vor allem Red Bull hat große Probleme - weil das Auto zu schnell für die Reifen ist. http://www.spiegel.de/sport/formel1/formel-1-ferrari-und-lotus-kommen-am-besten-mit-den-reifen-klar-a-894288.html
Der wichtigste Parameter wird hier nicht genannt oder absichtlich verschwiegen, der Fahrer!
abudabi94 14.04.2013
3. Falsche Idee
Es ist die falsche Idee wenn bei der Formel 1 die Reifen über Sieg oder Niederlage entscheiden. Natürlich zeichnet es Fahrer wie Raikonnen und Button aus sehr sparsam und vorsichtig mit den Reifen umzugehen, aber es sollte immernoch der jenige gewinnen, welcher im Zusammenspiel mit seinem Auto der schnellste ist. Vielleicht hat Ecelstone Pirelli auch nur um diese Butterweichen Reifen gebeten damit die Formel 1 weiter in den Fokus der Medien rückt. Meine Hoffnung für nächste Saison: die alten Bridgestone reifen, wobei man hier wieder nicht weiß was die mit den kleineren Motoren machen..
raber 14.04.2013
4. Reifenoper ist eine dumme Ausrede
anscheinend haben Ferrari und Lotus das Gesamt-Management besser im Griff. F-1 Rennen sind keine "Reifenoper" bloss weil man dieses Thema noch nicht beherrscht. Also liebe Red Bulls: Hausaufgaben machen. Vielleicht könnt ihr alle Faktoren mit einbeziehen und dann dumme Ausreden sein lassen.
Stelzi 14.04.2013
5. Blödsinn
Zitat von ein-berlinerDer wichtigste Parameter wird hier nicht genannt oder absichtlich verschwiegen, der Fahrer!
Das ist deshalb Blödsinn, weil keiner sehen will wer am langsamsten und damit pfleglichsten mit den Reifen umgeht, aber gerade noch schnell genug fährt um zu gewinnen. Die Formel 1 war mal die Krone des Motorsports, wo es darum ging das schnellste Auto mit dem schnellsten Fahrer zu verbinden. Davon ist aktuell nichts mehr übrig, wie auch die Rundenzeitenvergleich zu den letzten Jahren zeigen. Heute wird auf biegen und brechen ein Reifenzirkus veranstaltet, der mittlerweile auch den Verdacht der Begünstigung aufkommen lässt. Es reicht ja nicht das Todt als FIA Chefkasper ständig Regeln im Sinne Ferraris zurechbiegt, jetzt baut auch noch der italienische Reifenlieferant Reifen, mit denen vorallen Ferrari auf wundersame Weise am besten kompatibel ist.
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