Ferrari vor der Saison 2019 Wenn zwei sich streiten, kommt ein Dritter

Sebastian Vettel und Ferrari standen sich in dieser Saison selbst im Weg - und Besserung ist nicht in Sicht. Fiat-Boss John Elkann scheut wichtige Veränderungen im Rennstall.

Sebastian Vettel (r.) und Lewis Hamilton
AFP

Sebastian Vettel (r.) und Lewis Hamilton

Aus Mexiko-Stadt berichtet Karin Sturm


Im Moment einer seiner größten Niederlagen in der Formel 1 bewies Sebastian Vettel Größe. Er ging noch im Ziel auf Lewis Hamilton zu, gratulierte ihm und doch war die Szene symptomatisch für diese Saison: Hamilton, der nur halbherzig zuhörte und sich der Gratulation dem Anschein nach lieber entzogen hätte, war für Vettel 2018 nicht zu greifen. Was der Ferrari-Pilot auch anstellte, Rockstar Hamilton war vorbereitet und fuhr beeindruckend souverän zum fünften WM-Titel.

Mit Platz zwei in Mexiko zeigte die Kombination Vettel-Ferrari nach fünf verschenkten Rennen in Folge mal wieder, was in konstanter Bestform auf allen Ebenen möglich gewesen wäre. Mit geringerem Druck war die Stimmung bei Ferrari nicht mehr ganz so angespannt wie zuletzt, das Team agierte besonnen - und prompt war auch Vettel in der Lage, ein fehlerfreies Wochenende hinzulegen.

Ferrari muss ab sofort nach vorn schauen. Der Motor des Rennstalls war zwar bereits in diesem Jahr zeitweise der Beste, aber um 2019 wieder angreifen zu können, müssen die Verantwortlichen um Fiat-Chef John Elkann die Fehler der laufenden Saison analysieren:

  • Das Team leistete sich zu viele Fehlgriffe in Sachen Strategie oder Stallorder.
  • Das Update-Paket nach der Sommerpause machte das Auto langsamer und musste zurückgenommen werden.
  • Vettel fuhr hohes Risiko und streute zu viele Fahrfehler ein.

Für Ross Brawn, der zusammen mit Michael Schumacher und Jean Todt die letzte große Ferrari-Ära prägte, hängt das alles zusammen. Er wolle Vettel nicht angreifen, aber seine Fehler "scheinen kein Zufall mehr zu sein. Sie zeigen, dass er im Moment etwas neben der Spur ist", sagte Brawn in Austin. "Ferrari sollte sich darauf fokussieren, einen Weg zu finden, das Talent von Sebastian voll auszuschöpfen. Man wird ja nicht grundlos viermaliger Formel-1-Weltmeister, und er hat sicher nicht verlernt zu gewinnen", analysierte Brawn weiter. Die Formel 1 sei ein fordernder Sport, in dem Erfolg nur dann möglich sei, wenn alle Puzzlestücke passen."

Auch Mark Webber, Vettels Ex-Teamkollege bei Red Bull, sagte kürzlich: "Ferrari bräuchte einen Toto Wolff oder einen Christian Horner, um seine Piloten besser führen zu können." Und David Coulthard, Ex-McLaren-Pilot, jetzt britischer TV-Experte, sagt: "Sebastian braucht eine Teamführung, die wie zu Schumacher-Zeiten mit Jean Todt und Ross Brawn voll hinter ihm steht und wo Politik keine Rolle spielt."

Wie sieht die neue Ferrari-Führung aus?

Was auffällt: Vettels Probleme häuften sich in der zweiten Saisonhälfte in der Phase, in der auch die Unruhe bei Ferrari zunahm - eine Abwärtsspirale, die niemand aufhalten konnte. Der Anfang? "Es besteht kein Zweifel, dass das Team durch den plötzlichen Tod von Anführer Marchionne (Ex-Fiat-Chef, im Juli 2018 verstorben, Anm. d. Red.) unter Schock stand", so die Analyse von Brawn. Im entstandenen Machtvakuum brachen dann die internen politischen Kämpfe so richtig aus - worunter schnell die allgemeine Performance litt.

Es geht um den Machtkampf zwischen Teamchef Maurizio Arrivabene und Technikchef Mattia Binotto. Der auslaufende Vertrag von Arrivabene bot Ferrari eine gute Vorlage, die Führungsebene zu verschlanken, wie der SPIEGEL vor einigen Tagen schrieb. Doch italienische Medien berichten nun über Pläne, Arrivabene wegen guter Kontakte zu Ferrari-CEO Louis Cammileri doch zu halten. Elkann will sich wohl weiterhin wenig einmischen und angeblich schwebt ihm im Moment etwas anderes vor.

Nämlich eine dritte Person - noch über Arrivabene und Binotto. Sie soll die offizielle Aufgabe haben, sich um die Finanzen zu kümmern und vor allem die Verbindungen zu Liberty Media und dem Motorsport-Weltverband Fia zu pflegen. Und inoffiziell für klare Verhältnisse zwischen Arrivabene und Binotto sorgen. Ob das klappen kann - oder nur dazu führt, dass dann drei Leute durcheinanderreden - hängt wohl in erster Linie davon ab, wer sich als "Wunderheiler" finden ließe.

Elkann scheint dabei weniger im Management des Fiat-Konzerns zu suchen - er hört sich bei Leuten um, die die Formel 1 gut kennen. Was aus dieser Idee wird, ob sich tatsächlich jemand findet, der sich diese schwierige Aufgabe zutraut, muss sich zeigen. Und es gibt einen zweiten Knackpunkt: Den, ob der für die technische Entwicklung des Ferrari so wichtige Binotto, der immer wieder mal Abwanderungsgedanken hegt, unter diesen Umständen bleiben würde. Ginge er, wäre das für Ferrari die schlechteste Lösung.

insgesamt 39 Beiträge
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Referendumm 30.10.2018
1. Wieder einmal
ein guter Beitrag von Karin Sturm. Danke! Keine Ahnung, warum Ferrari so sehr an Arrivabene festhält. Nur weil er vom Hauptsponsor Marlboro kommt? Die ganzen Strategiefehler gehen schlussendlich auf sein Konto. Dass Vettel ein mehrfacher Glücks-WM (dank A. Newey) ist, weiß doch jeder objektiv denkende F1-Fan. Vielleicht reißt er noch das Ruder herum, wenn Leclerc ihn 2019 einheizen wird. Oder er wird für immer als das entlarvt, was er bisher ist. P.S. Wie sehr das Talent von Vettel entzaubert wurde, sah man an seiner mäßigen bis katastrophalen letzten Saison bei Red Bull (2014). Ricciardo hatte Vettel voll demontiert - klar, Ausreden gabs danach zu Hauf. Wie so immer ist Vettel uneingeschränkter WM - bei Ausreden.*** Und wenn er es mental nicht gebacken bekommt, sollte er sich dann doch mal nen Psychoheini besorgen, wie es Rosberg auch mal tat. Danach wurde Rosberg übrigens WM. *** Der Ausreden-Knüller schlechthin: Die vielen Dreher von Vettel sollen angeblich darauf beruhen, dass der Ferrari bei Fahrzeugkontakt mit anderen sehr instabil reagieren würde. LOL
MisterM 30.10.2018
2. Bei allem Respekt...
aber Sie haben anscheinend leider keine Ahnung von Formel 1 und ich wette, dass Sie auch noch nie persönlich ein Wort mit Vettel oder Arrivabene gewechselt haben. Sätze wie "... Hamilton, der nur halbherzig zuhörte und sich der Gratulation dem Anschein nach lieber entzogen hätte ..." sind einfach lächerlich. Passt exakt zu dem, was Räikkönen vor dem Texas Wochende in einem Interview sagte: "Es wäre viel besser, wenn mehr die Wahrheit geschrieben werden würde und weniger Mist."
Southwest69 30.10.2018
3. Völlig richtig
Schließe mich dem ersten Post an. Selbst im Über Newey-Red Bull (der am besten und am weitesten seine Flügel verbiegen konnte), hat Vettel so viel Fehler abgeliefert, das man manchmal doch dran zweifeln konnte, ob er den Titel nicht vielleicht doch versaut. Alonso war zweimal sehr nahe dran, den Titel im Ferrari zuholen, als Fahrer immer eine sichere Bank. Das in der Formel Eins nicht immer der bessere Pilot Weltmeister wird, dafür sind Vettel und Alonso geradezu Paradebeispiele. Aber mit Lewis Hamilton ist auf jeden Fall der richtige Mann Weltmeister geworden und er ist noch jung genug um Schumachers Rekord von acht Weltmeistertiteln zu egalisieren, oder zu übertreffen. Man sollte bei der Beurteilung der Fahrer mal die nationale Brille weglassen. Gratulation Lewis Hamilton, ein würdiger Weltmeister.
wannbrach 30.10.2018
4.
Die Formel 1 ist im Grunde zum Einschlafen denn das Beste Auto gewinnt, erst wenn alle Fahrer die selben Autos fahren würden wäre es interessant.
ajantis 30.10.2018
5. Immer wieder lustig....
wie Vettels Erfolge kleingeredet werden. Das noch im Kontext der Mercedesüberlegenheit der letzten 5 Jahre ist regelrecht zum totlachen. Noch nie war eine Auto so extrem überlegen über eine so lange Zeit. Da sind die RB, davor Ferrari, davor McLaren ect Zeiten ein Witz dagegen.
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