Formel 1 in Bahrain: Motoren übertönen Granaten

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Am Sonntag fährt die Formel 1 in Bahrain - ungeachtet der seit Monaten andauernden Unruhen in dem Emirat. Auch wenn Bomben explodieren und die Polizei gegen Protestierer vorgeht: Fahrer und Verantwortliche der Formel 1 schauen weg, weil finanziell zu viel auf dem Spiel steht.

DPA

Amnesty International hat in diesen Tagen einen Bericht zur Lage in Bahrain veröffentlicht: Darin ist von Folter in dem Emirat die Rede, von 50 Toten bei Demonstrationen seit dem Vorjahr, von Hunderten politischen Gefangenen in den Gefängnissen des Königshauses. Amnesty International führte unter anderem den Fall eines 14-jährigen Jungen an, der starb, nachdem das Haus seiner Familie mit Tränengas befeuert worden war. Ein 18-Jähriger sei gezwungen worden, elf Stunden lang zu stehen. Polizisten hätten ihm angedroht, er werde vergewaltigt, wenn er nicht aussage.

Auch die Formel 1 ist an diesem Wochenende in Bahrain, und der Chef des Automobilverbands Fia, Jean Todt, sagt: "Die Fia ist eine Sportorganisation. Wir interessieren uns nur für den Sport."

Der Große Preis von Bahrain am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist das vierte Rennen dieses Formel-1-Jahres. Es ist das mit Abstand umstrittenste. Und es wird auch deswegen stattfinden, weil die Verantwortlichen sich wegducken, wenn es um die Benennung der politischen Verhältnisse in dem Emirat geht.

Ecclestone will das Rennen unbedingt durchziehen

Im Vorjahr war das Rennen kurzfristig aus dem Terminkalender gestrichen worden. Kurz zuvor waren die Unruhen zwischen der schiitischen Opposition und der sunnitischen Staatsmacht ausgebrochen, die Formel-1-Teams fürchteten um ihre eigene Sicherheit. Chefvermarkter Bernie Ecclestone hatte damals schon versucht, das Rennen nachholen zu lassen, aber das passte den Rennställen nicht in ihre ohnehin enge Jahresplanung.

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Fotostrecke: Formel 1 in Zeiten der Unruhe
Ecclestone war auch diesmal die treibende Kraft dabei, das Rennen gegen alle Widerstände durchzuziehen. Der 82-Jährige zog die Unabhängigkeit von Menschenrechts-Gutachten in Frage, in denen auf Folter hingewiesen wurde. Das Engagement des Briten ist angesichts enger wirtschaftlicher Verflechtungen zwischen der Formel 1 und dem Königshaus von Bahrain wenig verwunderlich. Die "Süddeutsche Zeitung" verweist auf Geschäftsverbindungen von Unternehmen aus dem Emirat mit McLaren und Ferrari. Ein Königssohn Bahrains fördert das Nachwuchsteam ART. Dort ist auch Nicolas Todt, der Sohn des Fia-Chefs, aktiv.

"Ich glaube nicht, dass das etwas Ernstes ist. Erst wenn die Menschen vor Ort sagen, dass es keine gute Idee wäre zu kommen, würde ich noch einmal darüber nachdenken", hatte Ecclestone der Tageszeitung "The Guardian" über die Unruhen in Bahrain gesagt.

"Das hier ist nicht Afghanistan"

Die Leute vor Ort: Damit meint Ecclestone wohl vor allem die Veranstalter des Rennens selbst und die staatlichen Stellen. Von deren Seite kommen denn auch die Beschwichtigungen. "Das hier ist nicht Afghanistan oder Syrien", hat Streckenchef Zayed al-Zayani mitteilen lassen und festgestellt, es gebe schließlich ja auch gegen die Olympischen Sommerspiele in London Proteste und Sicherheitsbedenken: "Und sagt man Olympia deswegen ab?" In einer offiziellen staatlichen Stellungnahme werden Vorwürfe der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch als "ausgedacht" abgetan.

Die Rennställe und Fahrer halten sich denn auch gänzlich an diese Vorgabe, kritische Töne sind von ihnen nicht zu hören. Selbst als Mitarbeiter des Force-India-Teams am Donnerstag zugegen waren, als eine Benzinbombe detonierte, hieß es vom Teamsprecher anschließend nur: Man wolle "den Zwischenfall nicht überbewerten", schließlich sei niemand zu Schaden gekommen. Zwei der betroffenen Force-India-Techniker haben sich dennoch zur Abreise entschlossen.

Wegducken, schweigen: Auch den Stars der Branche - von Sebastian Vettel über Michael Schumacher bis hin zu Lewis Hamilton - ist kein Kommentar dazu zu entlocken, ob ein Rennen unter solchen Umständen nicht deplatziert sei. Ferrari-Pilot Felipe Massa hat nach seiner Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel festgestellt: "Scheint alles ruhig zu sein."

Die Opposition im Land hat Versuche angekündigt, das Rennen am Sonntag zu stören. Bereits am Mittwoch gab es anlässlich einer Ausstellung über die Formel 1 Straßenkämpfe zwischen Polizei und Protestierern, die Sicherheitskräfte seien dabei mit Schockgranaten vorgegangen. Ein früherer Oppositioneller, Jasim Husain, hat aber schon im Hinblick auf den Sonntag abgewunken: "Es wird wohl Demonstrationen geben. Aber die würde es auch geben, wenn die Formel 1 nicht hier wäre." Dann ist es ja gut.

Das Motto, das die Königsfamilie für das Formel-1-Wochenende ausgelobt hat, lautet: "Eine Nation, im Feiern vereint".

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1. Tja,
Thrillhouse0580 19.04.2012
Zitat von sysopAm Sonntag fährt die Formel 1 in Bahrain - ungeachtet der seit Monaten andauernden Unruhen in dem Emirat. Auch wenn Bomben explodieren und die Polizei gegen Protestierer vorgeht: Fahrer und Verantwortliche der Formel 1 schauen weg. Weil finanziell zu viel auf dem Spiel steht. Formel 1 in Bahrain: Motoren übertönen Granaten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,828501,00.html)
Geld, oder Menschenleben? Die Frage erübrigt sich, oder sollte es zumindest. Arme verkehrte Welt
2. Papperlapapp!
Stelzi 19.04.2012
Die sollen halt mal für ein paar Tage eine Revolutionspause einelegen - ist doch nicht zu viel verlangt! Geht schliesslich um 'n Haufen Geld und Spass! Da muss man schon mal Rücksicht nehmen. Ehrlich, so egoistisch kann man doch nicht sein und 200 Millionen Zuschauern weltweit den Sport vermiesen nur weil den paar Bachreinern deren Leben nicht mehr passt! Pfui, sowas von selbstsüchtig sind die!
3. F1, Fußball EM, Olympia...
khid 19.04.2012
Zitat von sysopAm Sonntag fährt die Formel 1 in Bahrain - ungeachtet der seit Monaten andauernden Unruhen in dem Emirat. Auch wenn Bomben explodieren und die Polizei gegen Protestierer vorgeht: Fahrer und Verantwortliche der Formel 1 schauen weg. Weil finanziell zu viel auf dem Spiel steht. Formel 1 in Bahrain: Motoren übertönen Granaten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,828501,00.html)
Wer hier laut nach "Stopp, dort nicht..." ruft, der musste und müsste dies auch bei der Fußball-EM dieses Jahr sagen; hätte laut aufheulen müssen bei der Olympiade in China, etc., etc.! Das F1-Rennen in Bahrain ist nur ein einziges Event in diesem Staat - wenngleich das weltweit beachtetste... Mir drängt sich, bei allem Verständnis für die Protestbewegung, jedoch der Verdacht auf, dass man 12 Monate lang (letztes Jahr war´s ja noch schlimmer) die Füße still gehalten hat um passend zum F1-Wochenende wieder loszulegen mit Protest...?! Dieser Protest gegen das F1 Rennen schadet nicht allein der F1, sondern vermutlich auch vielen Menschen in Bahrain, die nichts mit dem Königshaus zu tun haben! Das Fahrer wie Teams sich politisch bedeckt halten, ist nur allzu verständlich: Sie müssten sich sonst nämlich eine dezidierte Meinung zum Protest bilden, bevor sie was sagen. Frage: Ist das die Aufgabe von Sportlern und Firmen, wenn sie in ein Land reisen (müssen) um ihrerseits gültige Verträge zu erfüllen?! Auf der anderen Seite würde mich nicht wundern, wenn Bernie nach dem erfolgreichen Rennen in Bahrain dem König die Pistole auf die Brust setzt! Bernie ist kein Weichei - und kein Unmensch! Das ist zumindest meine Lesart zu diesem Riesenzwerg!
4. Vorbild MS
vielfeindvielehr 19.04.2012
Der traurige Rest der Fahrer und beteiligten Firmen scheinen das Fairplay unseres honorigsten und charakterlosesten Motor-Sportlers MS auch nur zu kopieren.
5.
pascal-1 19.04.2012
Menschenrechte interessiert die Formel 1 nicht, Hauptsache fett Kohle machen, das ist echt traurig, aber von Ecclestone ist auch nichts anderes zu erwarten. Was wirklich bedauernswert ist, ist die Tatsache, dass es den Fahrern anscheinend auch egal zu sein scheint und sich niemand traut den Finger zu erheben, nicht einmal Vettel, der das ja nach einem Rennen gerne macht. Zu Stelzis Kommentar: Das kann man ja hoffentlich nur als Ironie verstehen, andernfalls tust du mir leid mit deiner Einstellung.
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