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Erfolg in Belgien

Vettels Tanz, Hamiltons Frust

Der Sieg im ersten Rennen nach der Sommerpause gibt Sebastian Vettel Hoffnung für den WM-Kampf mit Lewis Hamilton. Im Moment spricht vieles für den Ferrari-Piloten - auch die nächsten Strecken.

Aus Spa-Francorchamps berichtet Karin Sturm

REUTERS

Lewis Hamilton (l.), Sebastian Vettel

Montag, 27.08.2018   06:31 Uhr

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Als die italienische Hymne erklang, begann Sebastian Vettel auf dem Podest zu tanzen. Er freute sich über seinen souveränen Sieg und darüber, dass sich seine Erwartungshaltung bestätigt hatte. Vettel war mit viel Hoffnung und der Zuversicht nach Spa gekommen, im WM-Kampf wieder an Lewis Hamilton heranrücken zu können, vielleicht auch schon eine Trendwende einzuleiten. Und am Ende hatte der Ferrari-Pilot elf Sekunden Vorsprung auf den Weltmeister.

"Es war von Anfang bis Ende ein sehr gutes Rennen, im zweiten Stint konnte ich es dann zeitweise sogar ein bisschen entspannter angehen", sagte Vettel. "Aber vielleicht hat Lewis da auch schon ein bisschen zurückgesteckt, weil er merkte, dass er keine Chance hat." Der Rückstand des Deutschen auf den Briten beträgt nun nur noch 17 Punkte.

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Noch im vergangenen Jahr hatte die zweite Saisonhälfte Mercedes und Hamilton gehört. Diesmal aber, so meinte Vettel in Spa von Anfang an, seien die Vorzeichen anders. Denn im Ferrari stecke noch viel Entwicklungspotenzial, das sei 2017 nicht unbedingt so gewesen. "Und außerdem haben wir uns letztes Jahr dann natürlich auch einige entscheidende Fehler geleistet. Wenn das diesmal nicht passiert, sollten wir wesentlich besser dastehen", sagte Vettel.

Die nächsten Strecken sprechen für Ferrari

Im Moment hat Ferrari sogar einen Vorteil beim Motor. Und der hat sich keinesfalls verringert, nachdem die Scuderia und auch Mercedes ihre dritte und letzte Entwicklungsstufe eingesetzt haben. Auf den Strecken, die noch anstehen, ist dieser Vorteil sogar besonders wichtig: In Monza, aber auch in Sotschi, Suzuka oder Mexiko kommt es vor allem auf die Motorenleistung an. Dazu kommt mit Singapur noch ein Kurs, der Mercedes in der Vergangenheit nie lag. "Es sieht so aus, als ob Ferrari es diesmal wirklich schaffen könnte", glaubt Ex-GP-Pilot und ORF-Experte Christian Klien.

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Hamilton war nach dem Rennen in Belgien sichtlich genervt: "Jedes Mal, wenn wir mit einem Update einen Sprung machen, bringt Ferrari auch eines und macht einen eher noch größeren", sagte er. Direkt nach der Zieldurchfahrt hatte er von "Tricks bei Ferrari" gesprochen, was viele so werteten, dass er der Konkurrenz unlauteren Wettbewerb unterstellen wolle. Auf der Pressekonferenz ruderte Hamilton zurück: "Das habe ich mit Tricks nicht gemeint, sondern nur Sachen, die wir noch nicht haben."

Einer der "Tricks" in Sachen Leistung könnte ein neues Benzingemisch mit speziellen, extrem teuren Additiven sein, das Ferrari in Spa zum ersten Mal einsetzte. Hersteller Shell erklärt damit 20 Prozent des Leistungsgewinns der neuen Entwicklungsstufe.

Mercedes-Sportchef Toto Wolff war ebenfalls frustriert: "An diesem Ergebnis heute ist nichts Gutes", sagte er. Den Rückstand der Silberpfeile führte er aber nicht nur auf Motordefizite zurück: "Wir hatten nicht genügend Traktion, mussten deshalb stark auf die Reifentemperaturen aufpassen." Auch bei der Aerodynamik und beim Set-up müsse das Team also dringend nachbessern. "Denn es ist zu befürchten, dass die Probleme auf der ein oder anderen kommenden Strecke noch einmal auftauchen könnten."

Hamilton zeigt sich frustriert und besorgt

Das entscheidende Manöver setzte Vettel in Spa schon in der ersten Minute, noch bevor das Safety-Car wegen des Startcrashs im Hinterfeld auf die Strecke kam: Auf der langen Geraden nach Eau Rouge nutzte Vettel den Power-Vorteil und die vor allem auf Topspeed ausgelegte Abstimmung des Ferrari aus und schob sich an Hamilton vorbei. Beim Neustart ließ er dem Briten dann ebenfalls keine Chance - und damit war das Rennen eigentlich schon gelaufen.

Vettel weiß jetzt also, dass er unter normalen Umständen auf trockener Strecke ein Auto hat, mit dem er überall gewinnen kann. Und das weiß auch Hamilton. "Ferrari war ja auch in den letzten beiden Rennen schon schneller als wir. Wenn es nicht im richtigen Moment geregnet hätte, hätte ich da nicht gewonnen", sagte er und blickte dabei wohl besonders auf das Wochenende in Ungarn.

Was auch bekannt ist: Ein Vettel, der in der zweiten Saisonhälfte so richtig in einen Lauf kommt, ist unglaublich stark. So gewann er seine Titel 2010 und 2012: auch aus einem Rückstand heraus, auch in knappen Entscheidungen. Red-Bull-Teamchef Christian Horner hat das damals aus nächster Nähe miterlebt. Aus seiner Sicht hat die Zeit bei Ferrari Vettel zu einem "noch kompletteren Fahrer" gemacht. "Wenn er jetzt nach der Sommerpause seine Chance wittert, dann wird es sehr schwer, ihn zu schlagen", sagte Horner.

Und dann dürfte Vettel am Saisonende noch ausgelassener tanzen als in Spa.

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