Neues Sicherheitskonzept in der Formel 1 "Was scheiße aussieht, ist auch scheiße"

Ein Bügel am Cockpit soll die Formel-1-Fahrer 2018 noch besser schützen. Viele Piloten können sich mit Halo nicht anfreunden, das System sei hässlich. Aber es gibt auch sinnvolle Argumente dagegen.

Lewis Hamilton testet das Halo-System
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Lewis Hamilton testet das Halo-System

Von Karin Sturm


Selten war ein einziges neues Element in der Formel 1 ein solcher Aufreger wie jetzt Halo, jener neue Cockpitschutz, den die Fia ab kommendem Jahr obligatorisch macht - und der die Boliden durch den Bügel ein bisschen wie einen Flip-Flop aussehen lässt.

Im Fahrerlager in Budapest gibt es derzeit kaum ein anderes Thema, die Entscheidung spaltet die Formel 1, Fahrer und Experten ebenso wie Medien und Fans. Besonders von Letzteren hört man vor allem Ablehnung, meist aus optischen Gründen. Aber auch Haas-Pilot Kevin Magnussen ist der Meinung: "Was scheiße aussieht, ist auch scheiße."

Unter Druck gesetzt hat sich die Fia selbst mit der Erklärung vor mehr als einem Jahr, man habe jetzt mit Halo ein System, das die Sicherheit für die Fahrer um 17 Prozent erhöhe. Wenn man es jetzt nicht auch so schnell wie möglich einführe, so fürchten die Verantwortlichen, könnte es im Falle eines folgenschweren Unfalls Klagen gegen die Fia geben. Und beim Thema Klagen ist man durch den Fall des 2014 in Suzuka verunglückten Jules Bianchi, dessen Familie Klage gegen die Fia eingereicht hat, sehr empfindlich.

Bei den Unfällen von Bianchi und Massa hätte Halo wohl nichts gebracht

Für einige Szenarien hat die oberste Behörde gute Argumente - die dann auch von den Piloten wie Sebastian Vettel oder Fernando Alonso, die Halo unterstützen, immer wieder ins Feld geführt werden: Das System soll Kräften von 15 g widerstehen, im Falle eines Überschlags als zweiter Überrollbügel wirken. Zwei tödliche Unfälle der vergangenen Jahre, allerdings nicht in der Formel 1, wären durch ihn sehr wahrscheinlich zu verhindern gewesen: Der von Henry Surtees 2009 in der englischen Formel 2 und der von Justin Wilson 2015 in der Indy-Car-Serie - ersterer von einem Reifen, der zweite von herumfliegenden Teilen getroffen.

Bei den beiden vergangenen schweren Formel-1-Unfällen hätte Halo wohl keinen Unterschied gemacht: Im Fall Bianchi ebenso wenig wie bei Felipe Massa, der 2009 in Budapest von einer weggeflogenen Feder eines vorausfahrenden Autos am Kopf getroffen worden war.

Auf der anderen Seite stehen die Argumente der Gegner. Ingenieure einiger Teams geben zu bedenken: Gerade bei Startunfällen könne es passieren, dass sich ein aufsteigendes Auto in einem Halo-Bügel verhakt. Manche befürchten, gerade lose Kleinteile könnten vom Halo so abgelenkt werden, dass sie den Fahrer am relativ ungeschützten Oberkörper treffen.

"Was ist mit der eingeschränkten Sicht?"

"Freak-Szenarien lassen sich theoretisch immer finden", kontert die Fia, sie sieht auch die Verlängerung der Aussteigezeiten als "zu vernachlässigenden Nebeneffekt" an. Bis jetzt mussten die Piloten im Fall von Feuer innerhalb von fünf Sekunden aus dem Cockpit kommen. Jetzt wird diese Zeit verlängert werden müssen, man spricht von acht bis zehn Sekunden. Es stellt sich die Frage: Warum waren die fünf Sekunden bisher so wichtig, auf einmal aber nicht mehr?

Selbst im Normalbetrieb, also ohne Unfälle, befürchtet Romain Grosjean, einer der Vorsitzenden der Fahrergewerkschaft GPDA, mögliche Probleme - vor allem mit der Sicht: "Die bisherigen Testerfahrungen beschränken sich auf freie Trainings bei relativ wenig Verkehr. Was ist mit der Sicht auf die Startampel? Und was mit der Wahrnehmung von Flaggen am Streckenrand?" Lewis Hamilton glaubt an den von der Fia versprochenen Sicherheitsgewinn, sieht aber auch einen anderen unschönen Nebeneffekt: "Die sowieso schon zu schweren Autos werden jetzt noch einmal schwerer." Insgesamt wiegt das Halo-System zehn Kilogramm.

Vom neuen Formel-1-Besitzer Liberty Media war zu dem Thema noch nichts zu hören. Offiziell hat der Rechteinhaber in Sicherheitsfragen kein Mitspracherecht, es darf aber stark angenommen werden, dass Liberty Media versucht, auf solche Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Die vielen negativen Stimmen zu Halo könnten zum Imageproblem für die Formel 1 werden. Andererseits sind die neuen Bosse Amerikaner - und nirgendwo ist die Angst vor Schadensersatzklagen so groß wie in den USA.



insgesamt 44 Beiträge
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spmc-125536125024537 28.07.2017
1. Sas sieht wirklich scheiße aus
Dann können sie doch gleich geschlossene Autos wie in Le Mans fahren. Die sehen eh am besten aus. Oder sagt das Reglement, dass ein F1 Wagen offen sein muß?
hans.wurstxxl 28.07.2017
2. Warum
gibt man nicht jedem eine Fernbedienung in die Hand und gut. Die Formel 1 ist zu einem lächerlichen Theaterstück geworden.
zinnaecker 28.07.2017
3. Was ist das denn?
Sieht ja echt übel aus (wie ein Dendelen) und hilft warscheinlich nicht viel...
HasiHase 28.07.2017
4.
Besser wäre doch eigentlich ein Bügel über den Kopf. Der hätte außerdem noch den Vorteil, dass man gleich noch Scheiben anbringen könnte, damit der Fahrer vor der Witterung geschützt wäre. Bei der Vorstellung fällt mir ein ... irgendwo habe ich das so ähnlich schon mal gesehen! ... Sportwagen?
a.s.89 28.07.2017
5. Gewöhnungssache...
Man hat sich an optisch nicht schön anzusehende Heckflossen gewöhnt und an herausstehende Nasen am Frontflügel. Wenn es mehr Sicherheit für den Fahrer bringt, sollen sie es einführen. Echte Fans schauen Formel 1 wegen dem, was auf der Strecke passiert. Ansonsten kann man sich immer noch Bilder von älteren F1 Wagen an die Wand hängen, wenn man Lust dazu hat.
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