Grand Prix auf dem Circuit Paul Ricard Wie Frankreich die Formel 1 zurückholte

Zehn Jahre lang hatte es kein Formel-1-Rennen in Frankreich gegeben - diese Zeit geht nun zu Ende. Wie ein Politiker darum kämpfte - und warum dieser Weg keine Option mehr für den Hockenheimring ist.

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Von Karin Sturm


Manchmal hängt ein großer Deal zum großen Teil an einer einzigen Person. Das Comeback des französischen Grand Prix nach zehn Jahren Pause ist so ein Fall: Der entscheidende Strippenzieher im Hintergrund heißt Christian Estrosi und ist derzeit Bürgermeister von Nizza.

Estrosi ist ein früherer Motorradrennfahrer, der von 1976 bis 1983 auch in der WM antrat und später in der Politik Karriere machte - ohne Abitur übrigens, denn die Schule hatte er zugunsten des Motorsports abgebrochen. Unter den Präsidenten Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy gehörte er als Minister der Regierung an.

Er bekleidete auch danach hohe Ämter, vor allem im Département Alpes-Maritim. Von 2008 bis 2016 war er schon einmal Bürgermeister von Nizza, ehe er im Mai 2017 erneut in dieses Amt gewählt wurde - obwohl er dank einiger kleinerer und größerer Skandale (Veruntreuung öffentlicher Gelder) nicht unumstritten ist.

"Im Prinzip waren wir uns nach zehn Minuten einig"

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Estrosi überzeugte über Jahre hinweg Regionalpolitiker unterschiedlicher französischer Departements davon, öffentliche Gelder in das Rennen zu investieren. Man spricht von etwa 14 bis 15 Millionen Euro jährlich. Sein Hauptargument: Tourismusförderung für die komplette Region, spekuliert wird auf zusätzliche Einnahmen von bis zu 65 Millionen Euro.

Estrosi hatte sich auch die Unterstützung französischer Formel-1-Führungspersönlichkeiten, von Renault-Teamchef Cyril Abiteboul und McLaren-Rennchef Eric Boullier geholt, ehe der das Projekt im Herbst 2016 Bernie Ecclestone vorstellte. Der Deal wurde noch mit dem früheren Formel-1-Chef abgeschlossen - dem Anteile an der Rennstrecke Circuit Paul Ricard gehören.

Seit dem letzten Frankreich-GP auf diesem Kurs im Jahr 1990 hatte Ecclestone eigentlich kein großes Interesse gezeigt, den Grand Prix zurückzuholen. Doch eine gesicherte Finanzierung durch die Region Provence-Alpe-Côte d'Azur, dem Département Var, der Stadt Toulon und auch dem französischen Automobil-Verband FFSA änderte das. "Im Prinzip waren wir uns nach zehn Minuten einig", sagt Estrosi heute.

Hockenheim kann von solch staatlicher Unterstützung nur träumen

Deshalb kommt die Formel 1 nach Paul Ricard und wird Nachfolger des 2008 ausgemusterten Rennkurs Magny-Cours, dem mitten in der Provinz zwischen Paris und Lyon gelegenen Kurs. Mühselige Anfahrtswege, unattraktive Strecke - diesem Rennen trauert kaum jemand nach. Paul Ricard liegt hingegen auf einem Hochplateau über der Mittelmeerküste, gut 50 Kilometer von Marseille entfernt.

Dass der Kurs einen Fünfjahresvertrag mit der Formel 1 abschließen konnte, wirkt in der gegenwärtigen Situation fast wie ein kleines Wunder: Schließlich kämpfen die meisten europäischen Veranstalter, selbst in den klassischen Formel-1-Ländern Italien, England und Deutschland, wo der diesjährige GP unter Umständen erst einmal der letzte sein könnte, mit massiven Finanzierungsproblemen.

Gerade in Hockenheim träumt man von einer staatlichen Unterstützung wie in Frankreich. Doch öffentliche Gelder für den Motorsport sind in Deutschland ein schwieriges Thema, speziell nach den Skandalen rund um den Nürburgring, den massiven Vorwürfen der Verschwendung von einer halben Milliarde Euro an Steuergeldern. Die Affäre kostete 2009 den SPD-Finanzminister Ingo Deubel das Amt - und führte gut drei Jahre später auch zum Rücktritt von Ministerpräsident Kurt Beck.

"Es wäre verantwortungslos, sich auf so etwas einzulassen"

Was in Hockenheim hinzukommt, auch wenn das von den Verantwortlichen nur unter der Hand ausgesprochen wird: Die alten, traditionellen badisch-württembergischen Animositäten verkomplizieren die Situation. Die Rennstrecke liegt nun mal im Badischen, die Landesregierung in Stuttgart sei aber nun mal eher württembergisch geprägt.

So weiß der Hockenheimring-GmbH-Geschäftsführer Georg Seiler noch nicht, ob es nach dem Deutschland-GP am 22. Juli dort mit der Formel 1 weitergehen wird. Zwischen dem Nürburgring mit all seinen Besitzerwechseln und der Königsklasse scheint das Tischtuch auf absehbare Zeit zerschnitten. Der bestehende Vertrag läuft aus, ein neuer müsste mit den neuen Formel-1-Besitzern, Liberty Media, verhandelt werden. Doch die sind bis jetzt nicht entgegenkommend. Obwohl sie betonen, dass der deutsche Markt wichtig sei.

Deshalb sagt Seiler deutlich: "Wir werden keinen Vertrag mehr abschließen, der ein wirtschaftliches Risiko beinhaltet. Wir sind eine Rennstrecke, die keine Zuschüsse von Region, Land oder Bund erhält. Der Hockenheimring ist wohl die einzige Strecke auf der Welt, die sich wirtschaftlich selbst tragen muss."

Das Risiko ist der entscheidende Punkt für Seiler, der ja auch noch einen über die Jahre gewachsenen zweistelligen Millionen-Schuldenberg abzutragen hat, der vor allem aus der Umbauzeit des Rings stammt. "Es wäre verantwortungslos, sich in unserer Situation auf so etwas einzulassen", sagt Seiler.



insgesamt 4 Beiträge
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gersois 22.06.2018
1. Verkehrschaos
Offensichtlich haben die Veranstalter Probleme mit den anreisenden Zuschauern: Von Verkehrschaos, mangelnder Infrastruktur, überforderten Ordnern und keinerlei Polizei-Koordination wird berichtet. Kein guter Einstand!
modellflieger 22.06.2018
2. Liberty Media Corporation
Warum soll man diesem US-Konzern Millionen Steuergelder in den nimmersatten Rachen stopfen? In Europa wird das Interesse an der F1 immer geringer. Die Eintrittspreise in Hockenheim waren zuletzt so hoch, dass viele, die sonst dabei waren, nicht mehr gekommen sind.
wellenflug 22.06.2018
3. Eigentümer Ecclestone
diese Erwähnung hätte dem Artikel sicherlich nicht geschadet und wäre zudem erhellend für den Vertragsabschluss gewesen. Ecclestone, dem ja auch das anliegende Hotelareal gehört und der, vielleicht auch erwähnenswert für den kommenden Artikel über Spa-Franchorchamps, nicht unerhebliche Anteile an der Ardenne-Achterbahn samt Infrastruktur hält.
Bernd.Brincken 26.06.2018
4. Skurill
Schon skurill, dass das Land, welches besonders viele hochwertige PKW baut und exportiert, darunter zunehmend mit Motorleistungen, die auf normalen Autobahnen gar nicht einsetzbar sind, es nicht hinkriegt, eine Formel-1-Strecke zu betreiben. Warum investieren denn diverse Länder in solche Strecken, deren Ränge mit eigenen Zuschauern selten gefüllt werden? Der Imagegewinn scheint es ja lohnen zu machen. Der soll in Deutschland irrelevant sein?
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