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Fiasko in Monza

Ferrari steht sich selbst im Weg

Schlechte Entscheidungen im Training, falsche Renntaktik und ein Vertrag aus dem Nachlass Sergio Marchionnes: Ferrari-Pilot Sebastian Vettel kämpft aktuell gegen mehr Gegner als nur Lewis Hamilton.

Aus Monza berichtet Karin Sturm

DANIEL DAL ZENNARO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Sebastian Vettel (l.) vor Rennbeginn

Sonntag, 02.09.2018   22:41 Uhr

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Sollten Ferrari und Sebastian Vettel in diesem Jahr trotz derzeit schnellerem Auto die WM verlieren, hat sich das italienische Team das zum großen Teil selbst zuzuschreiben.

Dass Vettel beim Heim-Grand-Prix der Italiener nur als Vierter ins Ziel kam, während Rivale Lewis Hamilton als Sieger vor Kimi Räikkönen und Valtteri Bottas seinen Vorsprung wieder um 13 auf jetzt 30 Punkte ausbauen konnte, war auch ein wenig dem Pech zuzuschreiben. Es muss für Vettel aber gleichzeitig frustrierend sein zu sehen, wie Mercedes sehr geschickt alle Karten für den Briten spielt, während man sich bei den Italienern immer wieder selbst auf den Füßen steht - und Vettel dadurch in unnötige Probleme bringt.

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Es fing schon im Qualifying an: Da hatte man sich bei den Roten an den normalen abwechselnden Rhythmus gehalten, welcher Fahrer zuerst auf die entscheidende schnelle Runde gehen darf. Diesmal war Räikkönen als Zweiter dran - was in Monza ein entscheidender Vorteil ist: So konnte der Finne von Vettels Windschatten profitieren und ihm die Pole Position wegschnappen.

"Aus Respekt vor Marchionne"

Auch für den Rennstart gab es keine klare Regelung. Im Gegenteil: Aus Ferrari-Kreisen war vorher zu hören, wie die Wunschvorstellung von Präsident John Elkann aussah. Kimi Räikkönen solle gewinnen - und dann nach dem Rennen von sich aus seinen Rücktritt erklären. Was Ferrari ein wenig der Peinlichkeit enthoben hätte, demnächst offiziell erklären zu müssen, warum man den Finnen nun doch für 2019 durch Nachwuchsmann Charles Leclerc ersetzen wird. Obwohl die Mehrheit des Teams, einschließlich Teamchef Maurizio Arrrivabene und Vettel, Räikkönen behalten wollte.

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Der verstorbene Ferrari-Boss Sergio Marchionne hatte, wie jetzt herauskam, Leclerc allerdings schon im Juni einen Vertrag gegeben - und da sich der Monegasse und sein Manager Nicolas Todt auch mit Geld und guten Worten nicht überzeugen ließen, noch ein Jahr zu warten und die Zeit zum Lernen bei Haas zu überbrücken, entschied Elkhann in der Nacht von Samstag auf Sonntag, es nicht auf eine Eskalation ankommen zu lassen. Offiziell "aus Respekt vor Marchionne".

Freie Fahrt also für den Finnen. Und dann kam, was gerade auf einer Strecke wie Monza schnell passiert: Räikkönen gewann den Start, hielt in der ersten Schikane, als Vettel aus dem Windschatten vorbeigehen wollte, voll dagegen - angesichts seiner Abservierung bei Ferrari auch nicht unverständlich. Vettel konnte unter WM-Gesichtspunkten nichts riskieren und musste sich als Zweiter wieder einordnen, er war "dann auch in einer etwas schlechteren Position für den nächsten Kurvenausgang".

Getty Images

Räikkönen und Vettel gleichauf

Hamilton konnte sich so bei der Anfahrt auf die zweite Schikane ansaugen, und Vettel war dem kompromisslos attackierenden Briten ausgeliefert. Der wollte außen vorbei, es kam zu einer kleinen Berührung, nichts besonderes eigentlich, ein normaler Rennzwischenfall - aber eben einer mit üblen Folgen für Vettel. Er musste zum Flügelwechsel in die Box und von ganz hinten wieder angreifen.

Ein normaler Rennzwischenfall?

Die Fia untersuchte, sah aber keinen Handlungsbedarf. Selbst die britischen Experten, von Martin Brundle und Damon Hill von Sky England bis Jolyon Palmer, normalerweise überzeugte Hamilton-Fürsprecher, waren sich einig: "Ein ganz normaler Rennunfall, einer, der immer passieren kann, wenn einer hart attackiert, der andere sich verteidigt und es am Ende zu eng wird." Wer dabei der Leidtragende sei, das sei auch immer ein bisschen vom Glück abhängig, "da hat dann niemand mehr die Kontrolle drüber", sagte Brundle.

AFP

Lewis Hamilton und Sebastian Vettel kollidieren

Hätte Vettel noch die Chance gehabt zurückzuziehen? "Vielleicht, vielleicht auch nicht, von außen immer schwer zu beurteilen", sagte der kanadische Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve, inzwischen für Sky Italia unterwegs. Vettel verneint: "Ich hatte ein Auto neben mir, eines vor mir - das ist wieder das alte Spiel, was wir dieses Jahr schon so oft hatten, dass man da vorne den kompletten Abtrieb verliert."

"Mit einer vernünftigen Taktik hätte man das verhindern können"

Was von den Experten aber keiner verstand: Warum Ferrari überhaupt so agierte, dass Vettel in diese Situation kommt. "Das hätte man mit einer vernünftigen Taktik am Samstag vermeiden können, mit einer klaren Absprache für die Startphase heute", stimmten die Sky-England-Experten überein. "Schon witzig, dass Ferrari, die früher immer für ihre Stallorder bekannt waren, ob bei Schumacher oder bei Alonso, jetzt so agiert und dadurch verliert, während Mercedes jetzt das Gegenteil praktiziert und damit gewinnt."

Vettel bekam nach dem Rennen die Frage gestellt, die sich aufdrängte: Wie er sich denn fühle, gegen drei Autos zu kämpfen, während Hamilton maximal gegen zwei fahre. Denn Mercedes hatte Bottas zwischenzeitlich im Rennen als Bremsklotz gegen Kimi Räikkönen eingesetzt, so dass der Finne erstens beim knappen Hinterherfahren die Reifen stark beanspruchte und zweitens Hamilton nach seinem Boxenstopp einen Rückstand von 4,5 Sekunden innerhalb von drei Runden komplett zufahren konnte. Nicht verboten, aber eine entscheidende Hilfe für den späteren Sieg.

Im Rennen war Vettel trotz beschädigten Wagens deutlich schneller als Räikkönen unterwegs, aus zeitweise über 25 Sekunden Rückstand machte er am Ende weniger als acht. Auf besagte Frage zuckte er nur leicht mit den Schultern: "Damit kann ich leben - ich erwarte nichts anderes." Den Gefallen einer Rücktrittserklärung tat Räikkönen den Ferrari-Bossen dann übrigens auch nicht. Man darf gespannt sein, wann sie jetzt mit der offiziellen Bekanntgabe der Entscheidung für Leclerc herauskommen.

Eine Pleite auf der ganzen Linie.

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