Formel 1 in Brasilien Unsichere Zukunft

Der Große Preis von Brasilien wurde von Überfällen überschattet - mal wieder. Der Veranstalter scheut sich, in São Paulo mehr Geld in die Sicherheit zu investieren. Vor allem, weil sein Glaube an die Formel 1 schwindet.

Ferrari-Fahrer Kimi Räikkonen
AFP

Ferrari-Fahrer Kimi Räikkonen

Aus São Paulo berichtet Karin Sturm


"Die Reichen können nicht auf Dauer auf einer Insel in einem Meer der Armut leben." Mit diesem Satz prangerte Ayrton Senna schon vor 25 Jahren die Verhältnisse in seiner brasilianischen Heimat an. Geändert hat sich bis heute nichts. Wenn die Formel 1 in São Paulo gastiert, kommt es zu einem Aufeinandertreffen der Extreme.

Die Strecke von Interlagos liegt inmitten eines sozialen Brennpunkts. Um das Risiko von Überfällen auf Formel-1-Mitarbeiter zu minimieren, wären umfassende Sicherheitsmaßnahmen notwendig. Und das im Prinzip rund um die Uhr. Wie die Vorfälle an diesem Wochenende zeigen, vernachlässigen die Verantwortlichen diese Pflicht. Und das, obwohl es nicht die ersten Überfälle waren, immer wieder einmal passierte in den vergangenen 25 Jahren etwas.

Mexiko als Vorbild?

Dabei zeigte vor zwei Wochen Mexiko-Stadt, wie man es besser macht. Die beiden Megastädte haben einiges gemeinsam: eine riesige Ausdehnung, eine Bevölkerung von über 20 Millionen Menschen, eine stark angespannte soziale Situation, extreme Gegensätze zwischen Arm und Reich, eine hohe Kriminalitätsrate. Und ihre Rolle als Gastgeber der Formel 1.

Doch es gibt natürlich auch Unterschiede: Für Mexiko ist die Formel 1 nach einer über 20-jährigen Pause im Moment eine große Sache, hinter der nicht nur die Fans stehen, sondern vor allem auch die nationale Politik, die Behörden. Deshalb tut man alles, um das Rennen zu einem Erfolg zu machen - auch bei den Teams und ausländischen Medien.

Dazu gehört, sehr viel Geld zu investieren, um die Sicherheit aller Beteiligten zu garantieren. Auf den Zufahrtsstraßen zur Strecke waren vor zwei Wochen im Umkreis von mindestens drei Kilometern Tausende von Polizisten im Einsatz, im Abstand von zehn Metern waren die schwer bewaffneten Ordnungshüter postiert.

São Paulo scheut höhere Security-Ausgaben

Die Stadtverwaltung von São Paulo kann und will sich solche Maßnahmen nicht leisten. Für sie ist die Formel 1 gerade in den letzten Jahren, in denen sich die wirtschaftlichen Verhältnisse im Land nach einem Jahrzehnt des Aufschwungs wieder deutlich verschlechterten, zur großen finanziellen Belastung geworden.

Acht Millionen Dollar kostet die Stadt das Rennen jedes Jahr - den Werbewert schätzt man inzwischen deutlich geringer ein. Die Ausgaben sind schon ohne zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen enorm. Vor allem wenn man die vielen anderen und wichtigeren Probleme bedenkt. In Schulen oder Krankenhäusern ist nicht einmal die Basisversorgung der Bevölkerung sichergestellt.

Liberty Media als neokoloniales Feindbild

Soll die Stadt trotzdem noch mehr investieren für das Anfordern großer Bataillone der nationalen Polizei, deren Einsatz man dann extra bezahlen muss? Für eine Formel 1, die eine reiche ausländische Elite repräsentiert, in Brasilien aber mangels aktueller Idole in der Tradition von Ayrton Senna, Nelson Piquet oder Emerson Fittipaldi massiv an Bedeutung verliert?

Wenn man sich mit den Verantwortlichen des örtlichen Veranstalters und der Strecke unterhält, klingt immer wieder durch, dass die Zusammenarbeit schwierig sei und auch immer auf spezielle Befindlichkeiten Rücksicht genommen werden müsse. Immerhin gelang es mit einiger Diplomatie, nach den Überfällen von Freitagnacht eine verstärkte Polizeipräsenz für den Rest der Zeit bereitzustellen.

Die Zukunft des Brasilien-GP steht auf der Kippe

Die Frage ist, wie es weitergeht. Weltmeister Lewis Hamilton betonte am Sonntag, wie gerne er in Brasilien fahre. Und dass er trotz des Erschreckens über das, was ja gerade dem Mercedes-Team passiert war, auch verstehen könnte, wie die sozialen Unterschiede als Auslöser von Gewalt fungierten: "Wenn hier einer so eine Uhr von uns erbeutet, dann ist das für den ein Jahreseinkommen. Die extreme Armut ist natürlich das Grundproblem."

Es könne aber eigentlich nicht die Lösung sein, den Grand Prix einfach aus dem Saisonkalender zu streichen. "Ich weiß zu wenig über die Politik hier, aber ich hoffe, dass die Verantwortlichen jetzt gemerkt haben, dass man auch hier mehr für die Sicherheit tun muss so wie in Mexiko", sagte Hamilton.

Dass das kaum passieren wird, zeigt aber schon das Statement des Bürgermeisters von São Paulo, der die Vorfälle zumindest für das europäische Verständnis herunterspielte. Und damit geradezu provoziert, dass vonseiten der Formel 1 die Reißleine gezogen wird.

Offiziell läuft der Vertrag von Interlagos noch bis 2020. Im Moment würde niemand darauf wetten, dass er bis zum Ende erfüllt wird. Auf ein vorzeitiges Ende, das den brasilianischen Autoritäten viel Geld sparen würde und deshalb gelegen käme, schon eher.



insgesamt 29 Beiträge
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cih 13.11.2017
1. ist ja auch kein Wunder
das wird mit Millionen geprotzt wo nebenan die Menschen sterbend in den Gossen liegen. Wer zahlt denn freiwillig wie hier zulande 250 Euro aufwärts für ein Ticket nur zum Qualifying? Die sollten alle Schrauben mal wieder runter drehen und den Sport für normale Leute begehbar machen. Ist leider zu abgedreht geworden
bmvjr 13.11.2017
2. Wofuer ausgeben?
Acht Millionen US Dollar kostet Sao Paulo die F1 jedes Jahr. Dagegen stehen keine nennenswerten Einnahmen. Na dann koennte man auch die F1 in Sao Paulo ausfallen lassen und jedes Jahr das Geld in die Verbesserung der Versorgung der meist aus Armut zum Raub motivierten lokalen Bevoelkerung stecken. Mit einem solchen Betrag jaehrlich kann man schon eine menge an Schulen, Krankenhaeusern und anderer Infrastruktur aufstocken, von den lokalen Arbeitsplaetzen, die das schaffen wuerde mal abgesehen. Diejenigen, die F1 in Sao Paulo wichtiger finden, sind in der Regel nicht die armen Massen, die dort taeglich auskommen muessen.
Worldwatch 13.11.2017
3. Eigentlich müsste dieser Rennzirkus ...
... doch ordentlich Geld in die Kasse des Veranstalters spülen? Davon ist u.a. die Sicherheit zu finanzieren. Reichen die Margen nicht, ist das Unternehmen obsolet. Aber, ketzerisch gefragt; wer braucht den hochgezüchteten Verbrenner-Rennwagenzirkus, in Zeiten wo alle von Elektrofahrzeugen sprechen, überhaupt noch?
sven2016 13.11.2017
4.
Bei solchen Bedingungen den Show-Zirkus noch weiter in Brasilien zu veranstalten, ist schon recht zynisch. Tausende von zusätzlichen Polizisten? Was wäre der Vorteil für Land und Leute? Weißrussland und Tschetschenien würden die Veranstaltung bestimmt gerne nehmen und da sind schwer bewaffnete Wächter kein Problem.
andreasm.bn 13.11.2017
5. ich würde sagen,...
die Brasilianer machen alles richtig! Wer braucht schon die Formel1? Wenn das Geld für die Gesundheitsversorgung oder Essen für die Ärmsten oder die schulische Bildung der Kinder ausgegeben wird, ist das tausendmal besser.
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